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Krampitz „1976. Die DDR in der Krise“ Nach diesem Hauch von Frühling

Komplizierter, als es oft dargestellt wird: Karsten Krampitz hat ein schmales, aber aufschlussreiches Buch über das DDR-Krisenjahr 1976 geschrieben.

10.06.2016 16:45
Andreas Förster
Am 18. August 1976 verbrannte sich der Pfarrer und mehrfache Familienvater Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz. Foto: © epd-bild

Manchmal fällt auf uns der Frost und macht uns hart“, sang die Klaus Renft Combo 1974. Der Song, veröffentlicht auf ihrem zweiten Album, hieß „Ermutigung“ und war damals eine kleine Sensation. Denn nicht nur vom Titel her war das Lied eine Reminiszenz an das gleichnamige Gedicht des verfemten DDR-Liedermachers Wolf Biermann aus dem Jahr 1968.

Biermann hatte seine „Ermutigung“ seinem Freund, dem Literaten Peter Huchel, gewidmet, der seinerzeit von der Stasi verfolgt wurde. Das von Biermann auch vertonte Gedicht fordert wie Renfts „Ermutigung“ dazu auf, sich von den herrschenden Zuständen im Land nicht verbittern und verhärten zu lassen. Irgendwann werde der Frühling ausbrechen und die Repression vertrieben werde.

Dass der Renft-Song von der DDR-Zensur genehmigt wurde, lag an dem politischen Tauwetter im SED-Staat nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker 1971. Damals herrschte „eine kurze Schneeschmelze, wenn auch zum Frühling einiges fehlte“, wie der Historiker und Schriftsteller Karsten Krampitz in seinem neuen Buch „1976. Die DDR in der Krise“ schreibt.

Die frühen siebziger Jahre brachten demnach eine kurze Phase des intellektuellen Aufbruchs und der Hoffnung auf eine freiere Gesellschaft. Vor allem in Ostberlin gründeten sich Jugendklubs und Literatursalons, die unabhängig von SED und FDJ Programme und Diskussionsrunden anboten, Galerien öffneten sich unangepassten Künstlern.

Kritische Liedermacher wie Bettina Wegener durften auftreten, in den Buchhandlungen gab es plötzlich Bücher von Stefan Heym und Reiner Kunze, die bis dahin auf dem Index standen. In den Kinos behandelten Filme wie „Die Legende von Paul und Paula“, „Für die Liebe noch zu mager?“ oder „Ikarus“ gesellschaftliche Probleme in noch nie dagewesener Offenheit.

Sich so frei gefühlt wie nie

Der 1980 nach Westberlin übergesiedelte Schriftsteller und DDR-Dissident Klaus Schlesinger schrieb 1998 rückblickend, er habe in den frühen Siebzigern das Gefühl gehabt, als Künstler an keinem anderen Ort der Welt so frei zu sein wie in der DDR – sofern man Freiheit nicht mit Freizügigkeit verwechsele.

Dann aber fiel der Frost wieder aufs Land. 1975 wurde die Renft Combo verboten, ein Jahr später kehrte die DDR endgültig in Depression und Repression zurück. Die SED-Führung stand 1976 am Scheideweg – und wählte den Abzweig, der zum moralischen und wirtschaftlichen Ruin führte. „Der vermeintliche Aufbruch des Jahres 1971 war kein substanzieller“, schreibt Krampitz. „Die Ära Honecker war von vornherein mit zu vielen Paradoxien belastet, die dann im Jahr 1976 unübersehbar hervortraten. Honecker … hatte nie wirklich die Absicht, die DDR wenigstens ein Stück weit zu liberalisieren.“

Karsten Krampitz’ Buch über dieses Krisenjahr 1976 ist ein schmales Bändchen. Der Autor erzählt darin die wichtigsten Ereignisse dieses Jahres nach: Die von der Stasi und dem Literaturfunktionär Hermann Kant gemeinsam verhinderte Anthologie „Berliner Geschichten“ DDR-kritischer Schriftsteller; der Stasi-Mord an Michael Gartenschläger; der IX. SED-Parteitag mit seiner Abkehr von den Liberalisierungstendenzen in der DDR; die Konferenz der kommunistischen Parteien in Ostberlin, die den Graben zwischen dem KPdSU-Block und den westeuropäischen Eurokommunisten vertiefte; der tragische Tod des italienischen KP-Mitglieds Benito Corghi an der innerdeutschen Grenze; die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz von Zeitz; die Ausbürgerung Wolf Biermanns und die sich daran anschließenden Proteste der DDR-Künstler; der rechtswidrige Hausarrest des schwerkranken Dissidenten Robert Havemann. Das Jahr 1976, das wird nach der Lektüre klar, markiert eine Zäsur in der Geschichte der DDR. Damals begann ein Erosionsprozess, der schließlich zum Ende des SED-Staates führte.

Krampitz’ Buch gelingt ein differenzierter Blick auf die Geschichte der DDR, die vielschichtiger und komplizierter war, als sie heute oftmals dargestellt wird. Es zeigt dabei nicht nur die Verbitterung und Resignation, die dem Krisenjahr folgte, sondern erinnert auch an den „Hauch von Frühling“, der für kurze Zeit ein erstarrtes Land durchwehte.

Karsten Krampitz: 1976. Die DDR in der Krise. Verbrecher Verlag, Berlin 2016. 176 Seiten, 18 Euro.

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