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Koranforschung Auf der anderen Seite des Telefons

Die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth spricht im FR-Interview über den Koran als Produkt der Spätantike und der Auseinandersetzung des Propheten Mohammed mit seiner Umwelt.

Gemeinsam nachdenken, alleine lesen: Ein Moslem mit dem Koran während des Ramadan, Sydney. Foto: Daniel Munoz/rtr

Frau Neuwirth, der Islam ist eine Buchreligion. Der Koran genießt eine Verehrung wie Jesus im Christentum. Darum ist es jedes Mal ein solcher Skandal, wenn irgendwo auf der Welt irgendein Exemplar zerrissen oder verbrannt wird. So habe ich das gelernt. Sie erzählen uns eine andere Geschichte.

Die heutige Empfindlichkeit, was dieses Buch zwischen den beiden Buchdeckeln angeht, gab es natürlich zur Zeit der Entstehung des Islam nicht. Es gab ja dieses Buch noch nicht. Koran heißt soviel wie Vortrag oder Lesung. Der Prophet Mohammed war überzeugt, dass, was er vortrug, nicht sein Text war, sondern dass er den eingegeben bekommen hatte, dass er ihn gewissermaßen von einem inneren Teleprompter ablas. Es war damals eine in vielen Religionen – auch in Christen- und Judentum – verbreitete Überzeugung, dass es für die Lehren des jeweiligen Propheten so etwas wie eine himmlische Urschrift gab, die der Prophet vortrug. Das war Mohammed nicht von Anfang an bewusst. Erst nachdem er schon mehrere Jahre gepredigt hat, ist vom Schreiben und Lesen die Rede. Dann sagt Gott zum Beispiel zu Mohammed „lies!“

Ich dachte: Mohammed konnte nicht lesen?
Einige Verse werden so ausgelegt. Aber wer die Kulturgeschichte der Zeit kennt, wird das für sehr unwahrscheinlich halten. Mohammed war Kaufmann. Er musste Verträge lesen und unterschreiben. Dennoch lag der Koran zunächst nicht schriftlich vor. Er wurde mündlich überliefert. Allerdings wurde schon damals sehr darauf geachtet, dass nicht ein Vers geändert wurde.

Aber Sie schreiben doch, dass der Koran geändert wurde. Sie haben ja die einzelnen Kapitel des Koran, die Suren, in Ihrer Koran-Ausgabe in eine chronologische Reihenfolge gebracht, um genau diese Veränderungen sichtbar zu machen.

Das Beharren auf dem Wortlaut, die sogenannte Verbalinspiration, ist eine späte philosophische Entwicklung. Aber der Prophet achtete sehr darauf, dass er nicht seine Vorstellungen vortrug, sondern das Gotteswort. Das wurde auch nicht geändert. Es ist aber so, dass spätere Suren den Inhalt früherer Suren korrigieren. Das ist dann interessant zu beobachten. Das macht den Koran ja für uns erst interessant.

Wenn wir ihm beim Wachsen zusehen können?

Der Koran ist entstanden in der Auseinandersetzung des Propheten mit seiner Umwelt und mit seiner Gemeinde. Aber nur der Koran ist uns erhalten. Es ist, als stünden wir im Zimmer mit jemandem, der telefoniert. Wir hören, was er sagt, aber nicht das, worauf er antwortet. Das müssen wir erschließen.

Koran bewegt und wehrt sich

Das versuchen Sie herauszufinden?

Das ist mein europäischer Zugang. Für die Muslime ist das, was vor dem Propheten war, eher eine Geschichte des Scheiterns. Die Ruinen der alten Kulturen zeugen nicht von vergangener Größe, sondern sind Dokumente von Niederlagen. Sie sind die Überreste der von den Strafgerichten Gottes zerstörten Kulturen. Geschichte beginnt erst positiv zu werden mit dem Propheten. Die Vorstellung, jede Epoche habe ihre eigene Berechtigung, sei, wie Leopold von Ranke sagte, „unmittelbar zu Gott“, ist ein Grundsatz historischen Bewusstseins. Dem Koran ist er völlig fremd. Darum gibt es kaum ein Interesse an der Entstehung des Koran aus den Traditionen der Spätantike. Denn dann muss man ihn ja begreifen als etwas, das aus etwas Nicht-Islamischem hervorging. Was vor dem Islam war, ist als Zeit der Unwissenheit eher aber doch sehr tabuisiert.

Ihre Studenten...

Auch manche meiner Studenten sagen mir, ich solle mich doch lieber mit der Geschichte der Koranauslegung durch die islamischen Rechtsgelehrten beschäftigen, als mit seiner Entstehung. Das sei doch nicht interessant. Dabei ist es doch so: Man versteht etwas erst, wenn man weiß, worauf es eine Antwort ist.

Jeder Satz ist ein Gegensatz. Jedes Wort ein Gegenwort.

Ich mache den Koran für Außenstehende auf diese Weise interessant. Wenn man ihn so betrachtet, ist er lebendig. Er bewegt sich und wehrt sich. Da wird ja nicht einfach etwas übernommen. Sondern da werden Begriffe, Konzepte, Vorstellungen herangezogen und umgepolt, umfunktioniert. Ein schönes Beispiel ist: „Der Barmherzige, er lehrte den Koran, er schuf den Menschen, lehrte ihn die klare Rede...“ Die Sure 55. Sie antwortet auf den Beginn des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.“ Der Koran preist die klare Rede, den Logos, das Wort. Es kommt von Gott, aber es ist nicht Gott. Wenn man die ersten Verse der 55. Sure nicht in dieser Gegenposition liest, versteht man ihre Pointe nicht. Natürlich wissen wir nicht, ob Mohammeds Gemeinde das Johannesevangelium kannte, aber die Gleichsetzung Gottes mit dem Wort ist ihm in seiner Umgebung ganz offensichtlich begegnet. Der Talmudforscher Daniel Boyarin hat auf ähnlich argumentierende jüdische Texte der Zeit verwiesen. Mohammed und seine Hörer positionieren sich in einer aktuellen religiösen Auseinandersetzung.

Das meinen Sie mit „Der Koran als Text der Spätantike“?

Wir begreifen den Koran nicht, wenn wir nicht sehen, dass er wie die Kommentare zum Alten und Neuen Testament – das AT zumindest würden wir eher als „Antike“ klassifizieren –, wie der Talmud und wie eine Reihe anderer, heute vergessener Traditionen ein Produkt der Spätantike ist. Wir begreifen allerdings auch uns nicht, wenn wir nicht sehen, dass das Christentum in der gleichen Auseinandersetzung sich entwickelte. So kann die Koranlektüre uns helfen, unsere eigene Geschichte besser zu verstehen. Wir müssen den Koran aufnehmen in unseren Kanon. Nicht als ein Stück uns fremder Weltliteratur, sondern als einen Text, der ebenfalls aus der Überlagerung der antiken Welt hinübergetragen, tradiert wurde in unsere Zeit. Wir alle stammen aus demselben Elternhaus.

Frage nach Autor ist tabu

Geschwister hassen einander mit besonderer Inbrunst.

Sie können auch wieder zusammen finden. Wir sollten uns ein wenig zurückbesinnen auf das, das wir gemeinsam haben. Auch wenn wir es unterschiedlich gedeutet haben. Wir gehören zusammen und wir können uns auch – zum Beispiel in der Koranforschung – sehr gut gegenseitig unterstützen. Die Muslime verstehen sich sehr gut darauf, den Text ganz genau in seinen Bedeutungsnuancen zu ergründen, die rhetorischen Highlights herauszuarbeiten. Wir dagegen können die im Koran aufbewahrten Echos auf andere Texte herauspräparieren. Das macht doch gerade die intellektuelle Größe der Mohammed-Gemeinde aus, dass sie sich interessierte für das, das anderswo gedacht wurde, dass sie sich mit dem auseinandersetzte.

Stellt sich da nicht doch die Frage nach dem Autor des Koran?

Das ist ein Tabu. Wie es das sehr, sehr lange im Christentum war und immer wieder auch heute noch ist. Gewiss kann man Muhammad nicht als den Autor betrachten. Das ist aber auch nicht so wichtig. Es nimmt dem Koran doch nichts von seiner Größe, wenn man bemerkt, dass zum Beispiel der Anfang der Sure 55 einen identifizierbaren Widerpart hat, einen Text gegen den der des Koran gestellt wird. Wichtig ist, dass man die Gemeinde ernst nimmt als den Ort, als die Menschen an dem und für die und mit denen und manchmal auch gegen die der Koran entwickelt wird. Der Text ist in dieser Auseinandersetzung entstanden. Es lohnt nicht zu streiten, ob mit oder ohne die Hilfe Gottes. Jedenfalls nicht in einem Koranseminar.

Sie klammern das aus?

Es erscheint mir als eine Frage des persönlichen Glaubens, nicht der wissenschaftlichen Forschung. Auch vom Christentum wäre ja nichts übrig geblieben ohne die Jünger, ohne die Gemeinde, ja ohne die Wandlung von Saulus zu Paulus. Ich sage meinen muslimischen Freunden oft, dass mir im Ruf des Muezzins: „Gott segne und gebe Heil unserem Herrn Mohammed, seiner Familie und seinen Gefährten insgesamt“ mir diese „Gefährten“ daran ganz besonders wichtig sind. Das sind die Menschen, ohne die die Botschaft einfach versickert wäre.

Das darf man ja nicht einmal dem Papst sagen. Der Erfolg des Christentums ist doch Gottes Werk.

Naja, dass der Erfolg nicht gegen Gottes Willen hat geschehen können, lässt sich denken. Aber wir gehen den Spuren nach, die die Menschen, die die Gefährten und die Gegner hinterlassen haben.

Interview: Arno Widmann

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