Lade Inhalte...

Konrad-Adenauer-Biografie Genug für drei Leben

Von dunklen Punkten und Fixsternen: Werner Biermanns ausgesprochen spannende Konrad-Adenauer-Biografie.

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer als Bundeskanzler auf Frankreichreise 1962. Neben ihm seine Tochter. Foto: ARCHIVE (AFP)

Think Big! Das war bereits die Devise des Kölner Oberbürgermeisters, der mit harter Hand und gegen die wegen der gigantischen Verschuldung um Fassung ringenden Haushaltsexperten seine Vision einer zukunftsfesten Großstadt realisierte: mit Deutzer Messe, Flughafen Butzweilerhof, Niehler Hafen, neugegründeter Uni (alsbald der zweitgrößten in Preußen und ob ihres Lehrpersonals hochrenommiert), Ford-Werken, Mülheimer Brücke und – vor allem – ausgedehntem Grüngürtel im Südwesten der Stadt.

Keine Frage: Wenn Köln in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts der Sprung in die Moderne gelang, dann hatte dieses Gelingen vor allem einen Namen: Konrad Adenauer. Der Journalist und Filmemacher Werner Biermann stellt dies nachdrücklich heraus in seiner Biografie, die die „Frühzeit“ des nachmaligen ersten Kanzlers der Bundesrepublik eben nicht als schnell abzufeiernde Vorgeschichte durcheilt, sondern ihr – zu Recht – das Gewicht einer selbstständigen und in sich hochbedeutsamen Lebensphase gibt. Wenngleich die Frage, wie viel Kanzler bereits im Oberbürgermeister steckt, stets unterschwellig mitschwingt – sie ist ja auch legitim.

Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten. Dass Biermann diesen nicht verschweigt und bei aller grundständigen Bewunderung für sein „Objekt“ nie in den Weiheton der Heiligenvita verfällt, gehört nicht zu den geringsten Vorzügen seiner Arbeit. „In puncto Geld ist er gierig, er will mehr, immer noch mehr“, heißt es zum privaten Finanzgebaren des Stadtoberhaupts. Er schließt – in Personalunion von OB und Aufsichtsrat – sozusagen mit sich selbst Verträge, trickst mit der Erweiterung seiner Villa in der noblen Kölner Max-Bruch-Straße, die er als Dienstvilla bezeichnet und doch nicht zu räumen gedenkt, sollte er einmal nicht mehr OB sein.

Man kann es sogar irgendwie verstehen: Ein sozialer Aufsteiger, der auch dank vorteilhafter Heirat dort angekommen ist, wo er mit eiserner Energie hinstrebte – er muss dies stets aufs Neue auch nach außen hin dartun. Aber wie verträgt sich diese Gier mit dem ewigen Lamentieren des gläubigen Katholiken über den „verheerenden Materialismus“ der Zeit?

Biermann hat sein facettenreiches Buch nicht mehr selbst vollenden können. Der Grimme-Preis-gekrönte Autor, längst ausgewiesen durch sein Doku-Drama „Adenauer – Stunden der Entscheidung“, starb im April 2016 überraschend 71-jährig während einer Tunesienreise. Der Verlag musste im letzten Kapitel einige Abschnitte aus Notizen ergänzen. Allzu auffällig ist das nicht, ganz gewiss kein Torso.

Grundstürzend Neues über Adenauer erfährt man nicht, Biermann hat nicht in Archiven nach neuen Quellen gegraben, und der Anmerkungsapparat ist schwindsüchtig ausgefallen. Wohl aber sind in die Biografie Interviews eingegangen, die er mit Zeitzeugen auch aus der Familie geführt hat. Referenztexte sind allemal die großen Adenauer-Biografien von Henning Köhler und Hans-Peter Schwarz, denen Biermann indes nicht in den Fakten, aber doch in deren Bewertung Eigenes entgegenstellt.

Es handelt sich nicht um das Buch eines Universitäts-Historikers, sondern eines Journalisten – und zwar eines, der sein Handwerk versteht. Auch der nicht näher Informierte wird dank dieser mitunter szenisch zupackenden Beschreibung, dank auch der Einbettung der „Tatsache Adenauer“ in ihr geschichtliches Umfeld die teils komplexen Zusammenhänge ohne weiteres verstehen. Ja, mehr noch: Obwohl die Fakten, wie gesagt, weithin bekannt sind, sichert dieser Stil der Geschichte teils die Qualitäten eines überaus spannenden Polit-Thrillers.

Das schließlich erfolgreiche Kesseltreiben der Nationalsozialisten gegen den verhassten Kölner Oberbürgermeister, die ständige Lebensgefahr im letzten Kriegsjahr, der Aufstieg zum Kanzler, die Konsolidierung der Bundesrepublik mit (dann gescheiterter) Europäischer Verteidigungsgemeinschaft und Deutschlandvertrag, die Moskau-Reise mit der „Heimholung“ der Kriegsgefangenen, Kuba-Krise, Berliner Mauerbau und „Spiegel“-Affäre: Tatsächlich bezeichnet all dies eine Folge von Dramen, Krisen, Umschwüngen, mit denen eigentlich drei Leben satt versorgt wären.

Der gesundheitlich anfällige, mit Bronchialproblemen und Schlaflosigkeit kämpfende Adenauer muss sie allein stemmen – und wird darüber 91 Jahre alt. Zur Erklärung fällt einem da nur der Satz aus Schillers „Wallenstein“ ein: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Dieser „Geist“ hat dabei auch – Werner Biermann zeigt es ausführlich – viele unangenehme Züge: Machthunger, Unduldsamkeit, Intriganz, die brutale Instrumentalisierung von Menschen zu eigenem Frommen. Und die Unempfindlichkeit gegenüber der Hochkonjunktur alter Nazis in der jungen Republik war und bleibt ein dunkler Punkt.

„Der Mensch selbst, der empfindende und fühlende Mensch dahinter“, schreibt Biermann, „verschwindet in eine immer größere Unschärfe und wird schließlich beinahe unsichtbar. Je genauer sich der Politiker beschreiben lässt, umso unsichtbarer wird der private Mann Konrad Adenauer, bis es eine gültige Vorstellung des Privaten bei ihm kaum noch gibt. Nach und nach bemächtigt sich das Politische auch aller privaten Räume, der Beziehungen und Freundschaften, auch des Hauses als Rahmen für glänzende Feste, der Geburtstagsfeiern und sogar der Ferien.

Es scheint, dass alle Leidenschaft, alle Emotionen, alle Hoffnungen und Ängste sich mehr und mehr nur noch im Raum der Politik ereignen. Die größte erlebbare Freude ist der Triumph einer in letzter Minute abgewendeten Niederlage, die stärkste Emotion wird gespürt beim begeisterten Applaus Tausender Zuhörer; die schlimmste, existenziell niederdrückendste Enttäuschung ist die einer verlorenen Abstimmung.“

Im Unterschied zu seinem Vorgehen als reiner Machtpolitiker freilich hat Konrad Adenauer Ziele, die alles andere als unmoralisch sind: Die Aussöhnung mit dem „Erzfeind“ Frankreich, gehört dazu, die Anerkennung der deutschen Schuld gegenüber den Juden und die Bewahrung des Friedens im atomaren Zeitalter – das sind die Fixsterne an einem Wertehimmel, der sich nur scheinbar immer wieder unter einem pragmatischen Machiavellismus verändert.

Sicher ist die Frage erlaubt, was jenseits dieser Sphäre bleibt. Es bleibt der mit Pepitahütchen Boccia Spielende, dessen Lebensstil über eine leicht spießige Bürgerlichkeit nie hinausgelangt; dessen erklärter Antiintellektualismus von den bahnbrechenden Entwicklungen in der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts, der Musik, der Dichtung, der Philosophie nichts weiß und auch nichts wissen will.

Dies alles aber zählt wenig angesichts der zentralen Erkenntnis von Werner Biermanns Buch – und das heißt auch, im Abstand eines halben Jahrhunderts zu Adenauers Tod: Dass dieser als Oberbürgermeister wie später als Bundeskanzler der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen