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Kompromisse mit den Nazis

Heike B. Görtemaker schreibt die Biografie der Journalistin Margret Boveri, die es wenig bekümmerte, im Nationalsozialismus Karriere zu machen

20.04.2005 00:04
ANTJE SCHRUPP

Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, sich mit der Frankfurter Zeitung in Verbindung zu setzen, schrieb die eine Freundin, die andere wurde in ihrem Brief noch deutlicher: "Es dürfte sich einiges ändern, es müssten Posten neu besetzt werden." Soeben hatten die Nazis verordnet, dass Zeitungsredakteure "arischer Abstammung" zu sein hätten. Margret Boveri, die diese Voraussetzung erfüllte, glaubte daher, und die Freundinnen rieten ihr zu, dass dies "vielleicht der einzige Augenblick" war, sich "in eine geeignete Stellung zu setzen". Am 22. Oktober 1933 fragte sie brieflich bei der Frankfurter Zeitung an, ob es "jetzt wohl soweit ist, dass eine Aussicht für mich besteht?"

Touren durch ganz Europa

Es ist eine in vielerlei Hinsicht widersprüchlich erscheinende Lebensgeschichte, die Heike Görtemaker hier vorstellt. Margret Boveri war für fremde Kulturen offen wie wenige ihrer Zeitgenossen: Als junge Frau unternahm sie mit dem eigenen Auto ausgedehnte Touren durch ganz Europa, lebte eine Zeit lang in Neapel, unterhielt eine Liebesbeziehung zu einem afro-amerikanischen Wissenschaftler. Ihre Promotion schrieb sie über die britische Außenpolitik. Und doch machte Boveri gerade im dumpf-nationalen "Dritten Reich" Karriere. Zwar wurde es 1933 noch nichts mit einer Festanstellung bei der Frankfurter Zeitung, doch ein Jahr später wurde sie Redakteurin beim fast ebenso renommierten Berliner Tageblatt. In den folgenden Jahren machte sie sich einen Namen als politische Reisejournalistin, fuhr mit Auto und Freundin rund um das Mittelmeer und sogar bis Iran; nach ihren daraus entstandenen Büchern Das Weltgeschehen am Mittelmeer und Zwischen Minarett und Bohrturm galt sie als Expertin für den Nahen Osten.

Das war ihre Eintrittskarte in den außenpolitischen Journalismus: Im Mai 1939 wurde Margret Boveri Korrespondentin der Frankfurter Zeitung in Skandinavien, ein Jahr später in New York, nach dem Kriegseintritt der USA dann in Lissabon. Nach 1945 setzte Boveri ihr Karriere nahtlos fort; sie war eine der einflussreichsten publizistischen Persönlichkeiten der jungen Bundesrepublik.

Nicht nur aus heutiger Sicht, auch in den Augen ihrer Zeitgenossen war das Verhältnis Boveris zum Nationalsozialismus schwer zu verstehen. Viele Bekannte rieten ihr, Deutschland den Rücken zu kehren, aber davon hielt Boveri gar nichts - "emigrantisch" war eines ihrer Schimpfwörter. Sie wollte Deutschland trotz Hitler treu bleiben. Auch nach dem Krieg war sie der Meinung, dass es richtig war, Kompromisse mit den Nazis zu machen. Für Boveri war das Hitler-Regime einfach eine schlechte Regierung; sie hat nicht, wie ihre Zeitgenossin Hannah Arendt, das grundsätzlich Neue der totalitären Herrschaft erkannt.

Boveris außenpolitischer Blickwinkel verstellte ihr offenbar die Sicht auf die innenpolitischen Verhältnisse. Während sie die zunehmende Verfolgung und Drangsalierung der Jüdinnen und Juden gar nicht zur Kenntnis nahm, war sie durch ihre Kenntnis anderer Kulturen und Wertesysteme zu der Auffassung gelangt, dass moralische Kriterien in der Außenpolitik nichts zu suchen hätten. Als deutsche Patriotin war Boveri von Hitlers ersten Kriegserfolgen begeistert: Wer gewinnt, hat Recht. Konsequenterweise trat sie nach 1945 für Verhandlungen mit der Sowjetunion ein, um die Deutsche Einheit zu retten. Mit ihrer Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche, in der sie ihren Landsleuten die Mentalität der US-Besatzer zu erklären versuchte, gelang ihr im Jahre 1946 ein Bestseller. Die Westintegration der Bundesrepublik lehnte Boveri bis in die sechziger Jahre strikt ab und plädierte für einen eigenständigen europäischen Weg.

Verschwiegene Freundschaft

Hintergrund von Boveris Leidenschaft für Außenpolitik war vor allem das Verhältnis zu ihrer Mutter Marcella Boveri, einer US-Biologin, die 1926 zurück in die USA gegangen war, wo sie bis zu ihrem Tod 1950 als Professorin lehrte. Die Beziehung zwischen Tochter und Mutter war konfliktreich, aber eng; sie schrieben sich häufig und verbrachten, so möglich, die Sommerurlaube gemeinsam. Die hier durchlebten Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Mentalität und Lebensweise hatten Boveris Interesse für die Beschäftigung mit kulturellen Differenzen und internationalen Konflikten geweckt.

Leider geht Heike Görtemaker auf diese Beziehung nur ganz am Rande ein. Überhaupt nichts schreibt sie über Boveris Freundin Gertrud Reiss, die mit ihrem jüdischen Mann 1933 nach Zürich emigriert war. Die 500 Briefe, die Boveri mit ihrer Mutter wechselte, und die 2200 Briefe umfassende Korrespondenz mit Reiss wertet Görtemaker zwar aus, doch über die Art dieser Beziehungen und ihren Einfluss auf Boveri erfährt der Leser nichts.

Dafür analysiert Görtemaker sehr detailliert Boveris Versuch, in einer von Männern dominierten Welt der Publizistik Fuß zu fassen. So war man in der Frankfurter Zeitung stolz darauf, dass zur Redaktionskonferenz nur Männer zugelassen waren, und versuchte, die junge, ehrgeizige Kollegin mit Artikeln über bunte "Frauenthemen" auf Distanz zu halten - die zu schreiben Boveri aber konsequent ablehnte. Beeindruckend ist die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ziele verfolgte und jedes weibliche Rollenstereotyp ablehnte, wobei sie sich gleichzeitig scharf von den US-Feministinnen aus dem Kreis ihrer Mutter abgrenzte.

Der Tatsache, dass sie eine Frau war, maß Boveri zeitlebens keine Bedeutung bei. Vielleicht erscheint sie deshalb so häufig als unbeteiligte Zuschauerin, die zwar klug beobachtet und analysiert, aber persönlich keine Verantwortung für das trägt, was um sie herum geschieht.

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