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"Kolyma" Der große Bruder

Der zweite Thriller des jungen Briten Tom Rob Smith hat unter anderem den Ungarn-Aufstand zum Thema.

Die Gulags von Kolyma, in die Stalin seine Gegner bringen ließ, wo sie sich zu Tode arbeiteten, verhungerten, wegen Kleinigkeiten hingerichtet oder von Kriminellen umgebracht wurden, sie dienen dem jungen britischen Autor Tom Rob Smith als Titel seines zweiten - wie soll man es nennen? - Sowjetunion-Thrillers. Im ersten Buch, "Kind 44", ist es 1953 und Smiths Hauptfigur Leo Demidow regimetreuer Geheimdienstoffizier. In "Kolyma" nun, 1956, versucht der dann Ex-KGBler, sich zu distanzieren von seinen schrecklichen Taten: Der Verhaftung von Menschen vor allem, von denen er im Grunde wusste, dass sie unschuldig waren. Und die, zum Beispiel, nach Kolyma gebracht wurden, dort litten und starben.

Mit seiner neuen Abteilung, einer Art Morddezernat, möchte Leo Demidow nur noch für "normale" Ermittlungen zuständig sein. Doch, das konnte man sich schon denken, seine Taten holen ihn ein: Seine (adoptierte) Tochter wird entführt, wenn er sie wiedersehen will, muss er einen ehemaligen Priester aus Kolyma befreien, an dessen Verhaftung er vor Jahren maßgeblich beteiligt war.

Der erste Horror ist die Schiffsfahrt nach Kolyma, sofort bilden sich unter den Gefangenen um die Lager-Gewalt rivalisierende Gruppen. Später sät Leo Demidow Aufruhr, es ist seine einzige Chance wieder zu entkommen aus dem Lager. Er macht sich dabei Chruschtschows so genannte Geheimrede über die Verbrechen des Stalinismus vom Februar 1956 zunutze: "The Secret Speech" heißt der Roman denn auch im Original.

Tom Rob Smith hat sich für schwieriges Thriller-Terrain entschieden. Was sein "Held" als junger KGBler getan hat, lässt sich kaum mit Unwissenheit oder Idealismus entschuldigen. Und was er noch bereit ist zu tun, um seine Familie zu retten, ist auch nicht moralisch einwandfrei. Die politischen Umstände, legt Smith nahe, sind allerdings nicht so, dass er sich Skrupel leisten kann.

Der zweite Teil des Buches führt nach Ungarn, wo Chruschtschows Februar-Rede ebenfalls den Widerstand ermutigte. Smith lässt den Aufstand anschüren von sowjetischen Agenten, auf dass er - die Panzer stehen schon bereit - umso rabiater und wirkungsvoller niedergeschlagen werden kann. Ein abgekartetes Spiel des großen kommunistischen Bruders. Einzelne Menschen sind darin nur Karten; je mehr sie sich dessen bewusst sind, je weniger Illusionen sie sich machen, desto besser sind ihre Chancen, ihr Leben zu retten.

So bleibt Leo Demidow, einer der kleineren Haie im Haifischbecken, aber ein ungewöhnlich flinker, im Rennen. Zwischen 1956 und 1989 kann Tom Rob Smith ihn noch mehrfach antreten lassen vor einer Geschichtsszenerie, die man keinesfalls selbst erlebt haben möchte. Es ist schon beklemmend genug, so detailreich und leider plausibel von ihr zu lesen.

Tom Rob Smith: Kolyma. Aus dem Englischen von Armin Gontermann. DuMont Buchverlag, Köln 2009, 476 S., 19,95 Euro.

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