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Knud von Harbou: Süddeutsche Zeitung Die NS-Zeit: kein Thema

Knud von Harbou arbeitet in seinem Buch „Als Deutschland seine Seele retten wollte“ die Anfänge der „Süddeutschen Zeitung“ nach 1945 auf. Und damit ein exemplarisches Stück Nachkriegsgeschichte.

29.09.2015 16:34
Wilhelm von Sternburg
Nachkriegszeit in München: Der Haupteingang zur "Süddeutschen Zeitung". Foto: picture alliance

Es gab sie nie, die „Stunde Null“: Nicht in der Politik, nicht in der Staatsbürokratie, nicht in der Wirtschaft und auch nicht in den Medien. Die Führungseliten der deutschen Gesellschaft hatten dem Kaiserreich begeistert, der Weimarer Republik weitgehend murrend und dem Hitler-Terror willig gedient.

Als die Alliierten ihnen dann im Westen des in Trümmern liegenden Landes Demokratie und im Osten einen „Arbeiter- und Bauernstaat“ befahlen, richteten die Deutschen sich bald im jeweiligen neuen politischen System ein und verdrängten, welche Verbrechen durch ihr Handeln und Mitmachen in den Jahren des Dritten Reiches geschehen waren.

Im Osten sah es angesichts der Ulbricht-Diktatur zwar anders aus als im Adenauer-Staat. Aber auch die Bonner Republik erschöpfte sich in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens in der Beschwörung einer weitgehend formalen Demokratie, die Vergangenheit und Gegenwart vorrangig durch die Brille eines autoritären Staatsverständnisses interpretierte.

Beherzte Historiker brauchte es

Es dauerte, bis eine neue Generation beherzter Historiker, Soziologen und Juristen (gelegentlich waren auch Journalisten dabei) begann, sich gegen das allgegenwärtige Beschönigen und Leugnen zu wehren. Das Bild, das ihre Forschungs- und Archivarbeiten von den Entwicklungen der jüngere deutsche Geschichte zeichneten, brach entschieden mit der Legende von den durch Hitler und Goebbels „verführten“ Deutschen. Es zeigte ein Tätervolk. Von der immer wieder betonten „Sauberkeit“ der Beamten, der Juristen oder der Wehrmachtsführung war da nicht mehr die Rede.

Nachzulesen ist diese deutsche Verdrängungsmalaise jetzt exemplarisch in einem Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Geschichte der „Süddeutschen Zeitung“, die Knud von Harbou, in den achtziger und neunziger Jahren leitendes Mitglied der SZ-Feuilletonredaktion, vorgelegt hat. Was für die Frühzeit der Süddeutschen gilt, ist nicht nur zeittypisch für die bundesdeutschen Medien. Es trifft nahezu auf alle Institutionen zu, die nach der Kapitulation die Geschicke der Deutschen mitbestimmten.

Die SZ, ausgestattet mit der unabdingbaren Lizenz der amerikanischen Besatzer, erschien erstmals am 6. Oktober 1945 mit einer vierseitigen Ausgabe. Herausgeber und Chefredakteure waren von den Amerikanern im Hinblick auf ihre politische Vergangenheit durchleuchtet worden.

Aber was generell für die Entnazifizierungsverfahren der Alliierten galt, traf auch hier zu: die Betroffenen wussten ihre Karrieren zu vertuschen. Franz Josef Schöningh, Mitherausgeber und erster Chefredakteur beispielsweise war in den Kriegsjahren stellvertretender Kreishauptmann von Tarnopol. Harbou, der 2013 eine Biographie über Schöningh veröffentlichte, hält fest: „Als leitender Zivilangestellter war er in allen relevanten Organisationsabläufe, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung betrafen, involviert.“

Auch Herrmann Proebst, viele Jahre politischer Leitartikler der SZ und in den Jahren 1960 bis 1970 Chefredakteur, diente dem Nazi-Regime auf vielfältige Art und gehörte im besetzten Jugoslawien „de facto zum NS-Herrschaftsapparat“. Eine vergleichbare Nazi-Laufbahn lässt sich für Hans Schuster aufzeigen, dessen 1939 erschienene Doktorarbeit sich mit der „Judenfrage in Rumänien“ beschäftigte. „Seine Dissertation liest sich wie eine wissenschaftlich verbrämte antisemitische Hetzschrift“, konstatiert Harbou.

Schuster war seit 1949 einer der wichtigsten, für die Innenpolitik zuständigen Leitartikler der SZ und von 1970 bis zu seinem Tod Mitglied der Chefredaktion. Da tröstet es nur wenig, dass es damals in den Redaktionen nahezu aller überregionaler Blätter („Welt“, „Zeit“, „Spiegel“) kaum anders aussah. Auch Journalisten sind Meister des Verdrängens und Überlebenskünstler.

Es gab in den Frühjahren der SZ natürlich auch Redaktionsmitglieder, die aus dem Exil zurückgekehrt waren oder in den Hitler-Jahren die Anpassung verweigert hatten. Aber in den Führungsetagen des Blattes blieben sie in der Minderheit.

Das Attentat vom 20. Juli: ein „furchtbares Verbrechen“

Das wirkte sich selbstverständlich auf die Haltung und die Berichterstattung aus. „Das Fehlen einer intellektuellen Elite in der Publizistik“, hält Harbou fest, „war anfangs auch in der Redaktion der SZ spürbar. Die Bewusstseinslage wurde .... vom Umgang mit dem Nationalsozialismus dominiert. Mit aller Macht versuchte die Nachkriegspresse, dieses Thema auszugrenzen.“

So konnten die SZ-Leser in der Ausgabe vom 19. Juli 1949 zur Kenntnis nehmen, dass das Attentat vom 20. Juli 1944 ein „furchtbares Verbrechen“ gewesen war. Und als ein stellvertretender Bundesvorsitzender der „Vaterländischen Union“ 1950 vor einem Kriegerdenkmal einen schwarz-weiß-rot geschmückten Kranz niederlegt und mit dem Hitlergruß salutiertem, lautete die SZ-Bildunterschrift „Gute Sache – schlechte Form“.

Der millionenfache Mord an den europäischen Juden wurde in der Süddeutschen genauso wenig thematisiert wie die Vergangenheit des begeisterten Hitler-Anhängers und Münchner Kardinals Faulhaber. Mit Blick auf das Jahr 1953 schreibt Harbou: „Nach wie vor dominierte in der SZ die Bewahrung des Konservativen, markant vertreten von Herausgeber Franz Josef Schöningh“.

Das galt auch für die Feuilletonseiten. Die Redaktion verteidigte die Wortmeldungen der „inneren Emigration“, die die Kritik Thomas Manns an den Deutschen im Dritten Reich scharf ablehnte. Viele Jahre übersah die SZ die neue deutsche Literatur, die sich etwa in der „Gruppe 47“ sammelte.

Als Alfred Andersch 1952 über seine Desertation aus den Reihen der Wehrmacht berichtete („Kirschen der Freiheit“), schäumte die Rechtspresse über „Gesindel, Denunzianten und Emigranten“, die man „draußen lassen“ müsse. Die Süddeutsche stempelte Andersch als „heimatlosen linken Intellektuellen“ ab, der sich „gegen den deutschen Wehrbeitrag“ wende. „Auch die SZ passte sich bis Anfang der 50er Jahre dem ungeschriebenen Konsens einer regierungsfreundlichen Berichterstattung an.“

Harbous Bericht über die Frühzeit des Münchner Blattes liest sich wie ein spannendes Geschichtsbuch. Es erzählt von einem Volk, das „seine Seele retten wollte“ (Harbou greift hier auf eine Formulierung von Franz Werfel zurück) und Jahrzehnte brauchte, bis es gewillt war, seine dunkle Vergangenheit ernsthaft aufzuarbeiten.

„Das galt auch für die Süddeutsche. Sie tat sich schwer mit der Aufarbeitung der Geschichte des Nationalismus. Signifikant war Verdrängung in allen Schattierungen bis hin zu einem aus heutiger Sicht höchst befremdlichen Verschweigen oder dem zweifelhaften Bestreiten der sogenannten Kollektivschuld.“ Harbous Buch ist ein wichtiger Mosaikstein in der immer noch halbherzigen Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Nachkriegsmedien.

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