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Klimawandel Zum Verrücktwerden

Das Neue Klimaregime ist längst angebrochen, aber kaum zu begreifen. Der Philosoph Bruno Latour versucht es.

Stellen Sie sich vor, Ihre Wohnung brennt. Egal, wie träge Sie sind, wie Ihre seelische Verfassung oder Ihre Krankengeschichte aussehen mag, Sie würden hinausstürzen, und das letzte, was Sie tun werden, während Sie die Treppe hinuntereilen, wird sein, dass Sie auf jedem Treppenabsatz darüber grübeln, ob die Feuerwehrleute wirklich Feuerwehrleute sind und ob sie zu 90 oder 95 Prozent Grund haben, Ihnen aus der Klemme zu helfen. Das ist, was Bruno Latour eine „normale Situation“ nennt. Man wird ihm nicht widersprechen. Aber wie kommt es dann, fragt Latour, dass wir auf die gegenwärtigen Klima-Katastrophen nicht entsprechend reagieren? Warum bleiben wir ungerührt?

Es sei ja zum Verrücktwerden, schreibt Latour zu Beginn dieser acht Vorträge, es höre ja nicht mehr auf, jeden Tag gehe es von vorn los. Morgens eine Nachricht über den Anstieg der Gewässer, mittags eine Meldung über das Unfruchtbarwerden der Böden, abends über das beschleunigte Verschwinden des Packeises. Aber der Großteil von uns bleibt seelenruhig. Weil wir glauben, nicht betroffen zu sein, weil man uns einrede, wir lebten in der Epoche einer „ökologischen Krise“. Die Wahrheit sei aber, so Latour: Das ist keine Krise. Krisen gehen vorüber, jetzt aber sei die Zeit vorbei, in der man hoffen konnte, mit diesem grundlegenden Wandel der Ökologie zurechtzukommen: „In diesen Dingen ist die Hoffnung der schlechteste Ratgeber. Das wird nicht ‚vorübergehen‘, daran werden wir uns gewöhnen müssen.“ 

Er weiß natürlich, dass solche Sätze in einem anspruchsvollen Sachbuch schnell unter Alarmismusverdacht stehen. Aber Alarmismus ist eine Luxus-Position, sie beruht auf der Annahme, dass man vor den ökologischen Fragen fliehen, ihre Probleme lösen könne. Genau das ist nicht der Fall: „Es gibt keine Zuschauer mehr, weil es keine Ufer mehr gibt, das nicht in das Drama der Erdgeschichte einbezogen wäre.“ Das ist, was Anthropozän heißt.

Spätestens seitdem das Berliner Haus der Kulturen der Welt vor vier Jahren dieser unsere Erd-Epoche eine große Ausstellung gewidmet hat und Peter Sloterdijk sein umfangreiches „Sphären“-Buchprojekt veröffentlichte (2004), erfreut sich der Begriff auch im deutschen Sprachraum einiger Bekanntheit. Vom Anthropozän ist jetzt viel die Rede, im Herbst wird der Verlag Matthes & Seitz eine neue Zeitschrift auf den Markt bringen, die passenderweise „Dritte Natur. Technik Kapital Umwelt“ heißt, und die „Gleichzeitigkeiten, Wechselwirkungen und Rückkoppelungen zwischen Natur und Kultur“ im Anthropozän erforschen wird.

Das Grundlagenwerk dazu liefert Latour. Denn die Epoche des Anthropozän findet auf einer „neuen Erde“ statt, er nennt sie Gaia: Es ist die Erde nach jenem Zeitalter der Krise, das man gewöhnlich Moderne nannte. Der Irrglaube der Moderne war die Annahme, dass die Erde schiere Umwelt sei, die es zu schützen oder auszubeuten gelte, je nachdem, die verhängnisvolle These, dass die Erde tot sei, bloßes Objekt, nur Raum, den Menschen bewohnen. Das „alte Klimaregime“, wie Latour sagt, folgte dem naturwissenschaftlichen Weltbild von Galilei, demzufolge die Natur Materie sei, die unabänderlichen Gesetzen unterworfen ist. Das „neue Klimaregime“ lehrt uns dagegen, dass die Erde sich nicht nur um die Sonne bewegt, sondern sich selbst auch verhält, als wäre sie ein Lebewesen; dass alle Organismen in Wechselwirkung zueinander stehen. Das ist schwer zu akzeptieren, auch das weiß Latour. 

Es ist nicht zu hochgegriffen, wenn er in diesem Zusammenhang deshalb von einer „kopernikanischen Konterrevolution“ spricht. Es ist eher kokett, wenn er an anderer Stelle notiert, es gehe darum, „Denkgewohnheiten abzuschütteln“. Denn diese Gewohnheiten betreffen die unbefragten Selbstverständlichkeiten eines modernen Weltbildes. 

Latour arbeitet sie in seinen durchweg auch für Laien gut lesbaren Vorträgen fast alle ab: Die Aufteilung der Welt in Natur hier und Kultur dort, in lebende Subjekte und tote Objekte etwa werden unter Gaia-Bedingungen genauso hinfällig wie die landläufigen Vorstellungen von der Religion und, vor allem, der Politik. „Kampf um Gaia“ ist auch ein philosophisches Grundlagenbuch, das noch Generationen beschäftigen wird, in dem Latour seine Kritik an der Moderne, erstmals formuliert in dem berühmten Band „Wir sind nie modern gewesen“ (1993), mit seiner Erkenntnistheorie aus dem „Parlament der Dinge“ (1999) verknüpft. 

Er räumt mit den Missverständnissen des Darwinismus auf, legt sich mit den Evolutionsbiologen genauso an wie mit den Rationalisten oder Kreationisten. Nicht aus Streitlust, sondern weil das neue Erdzeitalter auch ein neues, umstürzlerisches Kapitel der Menschheitsgeschichte ist: Der Mensch ist nicht mehr nur Gestalter und Beherrscher der Natur, er sieht sich einer aktiven, handelnden Erde gegenüber.

Verschiedentlich gibt es Anlass nachzufragen. Warum Latour beispielsweise an keiner Stelle auf den US-amerikanischen Philosophen Robert B. Brandom eingeht, obwohl dieser in sprachphilosophischer Hinsicht unter dem Begriff Inferenz bereits verhandelt, was Latour erdgeschichtlich aufzeigt, dass nämlich alle Organismen gleichursprünglich in Wechselwirkung zueinander stehen. Sonderbar auch, dass Latour (wie Brandom) zwar immer wieder Vergleiche zur Kunst zieht, aber kaum auf ihr Vermögen eingeht, Weltbilder umzuformen. 

Aber er kommt immer wieder auf seine Eingangsfrage zurück: Warum scheinen die ökologischen Fragen unsere Identität und unser Denken nicht unmittelbar zu berühren? Wenn wir alle wissen, dass das Welt-Haus brennt – warum reagieren wir nicht entsprechend? Einen Teil der Antwort hat er mit seinem Buch „Existenzweisen“ (2012) gegeben, das sich mit den modernen Lebensformen; die weitreichendere Antwort liefert er jetzt: weil wir es verlernt haben, politisch zu denken. Weil wir Politik allenfalls als Reparaturbetrieb verstehen, der Krisen bewältigen soll – das eint die Umweltschützer und Klimawandel-Leugner. Es käme dagegen darauf an, Politik als Aktion zu begreifen, als Eingreifen in einen „Krieg mit Gaia“, der längst läuft. 

Aber Latour weiß auch, wie unwahrscheinlich das ist. Es geht uns wie den Menschen vor Galilei, die sich nicht vorstellen konnten, dass die Erde sich bewegt. „Der Ort“, schreibt er einmal, „wo gehandelt werden muss, ist hier und jetzt. Träumt nicht länger, ihr Sterblichen!“

Bruno Latour: Kampf um Gaia.  A. d. Franz. von Achim Russer und Bernd Schwibs. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 523 S., 32 Euro.

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