Lade Inhalte...

Kinderbücher Vater und Sohn und die Bilder

Wolf Erlbruch hat über Jahrzehnte die schönsten Kinderbücher illustriert, sein Sohn Leonard ist ihm in die Welt der Zeichnungen gefolgt. Eine Geschichte über Tradition und Ablösung.

Wolf Leonard Erlbruch
Wolf und Leonard Erlbruch im Atelier des Vaters in Wuppertal. Foto: Paulus Ponizak

Mit der Schwebebahn ist es vom Wuppertaler Hauptbahnhof nur eine Station in Richtung Vohwinkel. Dann noch ein paar Schritte und man steht vor einem imposanten Haus aus dem vorvorigen Jahrhundert, der Aufgang von Säulen flankiert. Der Sohn öffnet, der Vater steht hinter ihm. Leonard und Wolf Erlbruch – der Sohn ist 33, der Vater 69 Jahre alt. Es ist die Jahreswechsel-Zeit, Leonard Erlbruch lebt hier nicht mehr, er ist mit seiner Familie bei den Eltern zu Besuch. „In Urlaub“, wie er geschrieben hat, als wir uns verabredeten. Der Vater gibt so selten Interviews, dass man denkt, er empfange uns vor allem dem Sohn zuliebe.

Es geht gleich hinauf in den ersten Stock, ins Atelier, ein großer, heller Raum, Tische mit Malutensilien, ein Zeichenpult, eine Staffelei, an der ein heller Sommerhut hängt. In einem Regal liegen Kuhschädel, in einem anderen steht ein Plattenspieler. Auf dem Plattenteller liegt Archie Shepps „Trouble in Mind“. Es ist ein Ort wie aus einer vergangenen Zeit, in der es mehr Platz gab und mehr Ruhe.

Der Fotograf bittet die beiden, sich für ein Foto aufzustellen, und sie legen als Erstes die Arme umeinander. Leonard Erlbruch hat etwas getan, das früher üblich gewesen ist, dann aber verpönt: zu werden, was der Vater ist. Man rebellierte lieber. Das ist vorbei. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist enger geworden. Leonard Erlbruch ist seinem Vater in die Welt der Bilder gefolgt, er ist Illustrator geworden.

Auf dem Tisch liegt ein Bücherstapel, das Werk von Wolf Erlbruch. Er ist der wohl bedeutendste deutsche Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern. Da ist „Die große Frage“, die der kleine Junge in einem von Erlbruchs Büchern stellt: Warum bin ich auf der Welt? Da ist das Wunderbuch „Ente, Tod und Tulpe“, in dem der zarte Tod ein kariertes Kleid trägt und sich von der Ente wärmen lässt. Unerbittlich ist er trotzdem. Es sind Bücher, die Wolf Erlbruch nicht nur illustriert, sondern auch selbst geschrieben hat.

Das Buch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ hat er illustriert, der Verfasser heißt Werner Holzwarth. Es ist 1989 erschienen, in 39 Sprachen übersetzt worden und hat sich mehr als drei Millionen Mal verkauft. Man kann sich nicht vorstellen, dass dies möglich gewesen wäre ohne Erlbruchs Bilder von dem Maulwurf, der trotz des kokett geschwungenen Haufens auf seinem Kopf frech und selbstbewusst wirkt. Fast immer sind Tiere Erlbruchs Helden, ohne aber süße Repräsentanten menschlicher Wesenszüge zu sein.

Viele kennen Wolf Erlbruch wegen des Kinderzimmerkalenders, in dem ebenfalls Tiere die Hauptrolle spielen und der längst nicht nur in Kinderzimmern hängt. Den ersten Kalender gestaltete er 1994. Sohn Leonard ging damals in die zweite Klasse. Er ist mit dem Kalender groß geworden. Und eben Illustrator, das hat er immer schon gewollt.

An eine Zeit, in der er diesen Beruf nicht wollte, kann Leonard Erlbruch sich nicht erinnern. „Mir ist es wichtig, mein eigener Herr zu sein, mir den Tag so einzuteilen, wie ich es für richtig halte“, erklärt er. Dass das geht, hat er ja beim Vater gesehen. Auch dass man von dem Beruf leben kann. Den vielleicht wichtigsten Grund nennt er zuletzt: dass er etwas machen wollte, das er liebt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum