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Kiepenheuer & Witsch „Qualität braucht keine Angst zu haben“

Helge Malchow übergibt den Verlag Kiepenheuer & Witsch. Ein Gespräch über das Rheinische, erfolgreiche Bücher, die größten Herausforderungen und die Pop-Kultur.

Helge Malchow
„Wir bleiben in Köln“, sagt Helge Malchow. Foto: Thomas Banneyer

Herr Malchow, Sie geben die Verlagsleitung bei Kiepenheuer & Witsch zum Jahresende auf und werden „Editor at large“ – was macht man da so?
Ich gehe unter anderem dahin zurück, wo ich angefangen habe: Zur Lektoratsarbeit, ich betreue weiter Autoren und Bücher, vor allem Autoren, mit denen ich auch schon bisher als Lektor zusammengearbeitet habe – beispielsweise Christian Kracht, Matthias Brandt, Frank Schätzing, Joschka Fischer, Alice Schwarzer… 

Sie wurden 1950 in der DDR geboren und sind dann im Rheinland aufgewachsen – wie hat Sie das Ostdeutsche und wie das Rheinische geprägt?
Was das Ostdeutsche betrifft, so ist da das Schicksal als Flüchtlingsfamilie prägend gewesen, sicher ein bisschen bis heute. Diese Grunderfahrung der Verunsicherung, die ich als Kleinkind mitbekommen habe, hat mich gegen herablassende Äußerungen über Flüchtlinge heute sensibilisiert, zum Beispiel erinnere ich mich an Anpassungsprobleme, die wir hatten, als wir, aus dem protestantischen Osten kommend, im katholischen Uedesheim bei Neuss gelandet sind. Das hat mich bei aller Unvergleichbarkeit mit der Situation heutiger Flüchtlinge vor Empfindungslosigkeit gegenüber Menschen bewahrt, die sich heute weltweit auf den Weg machen. 

Und was hat das Rheinland mit Ihnen gemacht?
Wenn man hier zur Schule gegangen ist und studiert hat, prägt einen das schon bis in die Sprachmelodie hinein. Überhaupt alles Positive und Negative, was dazugehört. Das Positive ist der Humor, die Offenheit, die Neugierde, die emotionale Wärme, der Karneval. Aber wenn man viel im Ausland war, ich zum Beispiel in Italien oder New York, dann spürt man doch, dass die rheinische Mentalität bisweilen zu gemütlich und zu selbstgenügsam ist. Auch wird hier nicht gerne scharf gedacht. Und wenn im Rheinland kulturelle Leistungen eine internationale Dimension bekommen, dann ist das – siehe Heinrich Böll – eher die Ausnahme. Auch die Ängstlichkeit vor Konflikten, die es in Berlin nicht gibt, fällt auf. 

Sie haben dann in einer politisch sehr bewegten Zeit das Studium in Köln aufgenommen.
Mein erster Studientag begann 1969 damit, dass in der Universität gestreikt wurde und über dem Haupteingang ein Banner mit der Aufschrift: „Rosa-Luxemburg-Universität“ hing. Da war man quasi von der ersten Sekunde an in den 68er-Auseinandersetzungen. Das hat bei mir sehr schnell zu einer Politisierung geführt, die aber schon zu Schülerzeiten in Neuss begonnen hatte.

Sie waren aktiv in der DKP ...
... aus der ich dann nach kurzer Zeit sehr zurecht ausgeschlossen worden bin, weil ich mich in der Lehrergewerkschaft GEW solidarisch erklärt hatte mit streikenden Arbeitern in Polen. 

Damals wurde der Staat stark infrage gestellt. Wie blicken Sie heute auf Deutschland?
Mit einem großen Einverständnis. Ich stehe sicher in der Tradition der Aufklärung, auch für kritische Distanz gegenüber unkontrollierter Herrschaft und Chancenungleichheit. Aber auf die totalitären ideologischen Verführungen von Teilen der 68er-Bewegung schaue ich heute mit einer gewissen Scham zurück. Ich bin froh, dass ich den linken Dogmatismus der 70er Jahre hinter mir gelassen habe. Heute ist der Rassismus und Nationalismus zurück. Daher unsere Bücher gegen die neuen totalitären Gefahren von rechts, auch von islamistischer Seite, aber eben auch von links. 

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