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„Keitumer Gespräche“ Von Wissenden und Nicht-Wissenden

Bazon Brock stellt in Berlin mit Verve Gisela Stelly-Augsteins „Keitumer Gespräche“ vor.

Gisela Stelly-Augstein
Gisela Stelly in einer Ausstellung über Rudolf Augstein. Foto: Picture Alliance

Bazon Brock ist Enthusiast. Wir müssen ihm nicht alles glauben, das er in seinem Überschwang sagt, aber man könnte schon verstehen, wenn Gisela Stelly rote Wangen bekommen hätte, als Bazon Brock jetzt in der Berliner Denkerei von ihrem Buch „Keitumer Gespräche“ sagte, es fände sich darin „eine der fantastischsten Szenen der Weltliteratur“. Aber ich weiß es nicht. Die über die Maßen schöne Gisela Stelly hatte sich nämlich, sobald Bazon Brock sein Preislied begann, in die erste Reihe, also mit dem Rücken zum Publikum, gesetzt und blickte auf zu ihrem Laudator.

Gisela Stelly, geboren 1942, war Journalistin, Schauspielerin, führte Regie, schrieb Drehbücher und Romane. Von 1972 bis 1992 war sie mit dem Gründer und Besitzer des „Spiegel“, mit Rudolf Augstein verheiratet. Keitum ist einer der schönsten Orte auf der Insel Sylt. Besonders schön ist der Friedhof der St.-Severin-Gemeinde, auf dem Rudolf Augstein beerdigt wurde. Dreizehn Jahre später auch Fritz J. Raddatz. Mit einem Gespräch dieser beiden setzt das Buch ein. „Sie hat die alte Gattung der Totengespräche wiederbelebt“, rühmt Brock.

Sie handeln von Jakob Augstein, dessen Mutter Maria Carlsson – Rudolf Augstein war fünfmal verheiratet – ihm erst nach dem Tode Rudolf Augsteins mitteilte, dass dieser nur rechtlich der Vater gewesen war. Sein leiblicher Vater dagegen sei Martin Walser gewesen. Jakob Augstein hatte das im November 2009 in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau – in einem Nebensatz – bekannt gemacht. Die Beteiligten, so die bald sich einstellende Sprachregelung, hätten Bescheid gewusst und Schweigen darüber vereinbart.

In Stellys Buch spricht der tote Augstein. Und er sagt: Ich wusste von nichts. Er wirft seinem alten Bekannten Fritz J. Raddatz vor, ihm nichts gesagt zu haben, denn hätte er es gewusst, er hätte Jakob nicht zum Erben gemacht. Die Behauptung, dass alle Bescheid gewusst hätten, war die Idee eines Anwalts. Wenn Augstein sein Testament in Kenntnis des Umstands gemacht hätte, dass Walser und nicht er der leibliche Vater Jakob Augsteins war, dann war es nicht anzufechten.

Der 1936 geborene Bazon Brock legte seine Vornamenkette Jürgen Johannes Hermann bald ab und nannte sich als Fluxuskünstler Bazon. Das ist griechisch und heißt „Schwätzer“. So soll sein Lateinlehrer ihn genannt haben. Brocks Gehirn gleicht einem Flipperautomaten, in der keine Kugel jemals aus dem Spiel fällt. Jeder Gedanke stößt sich vom vorangehenden ab, fliegt auf den nächsten zu, blitzschnelle Assoziationen. Er wird bald 82 und er spricht langsamer als früher. Man kommt immer noch nicht mit, aber es dauert ein klein wenig länger, bis sein Publikum vom Bazon-Schwindel erfasst, ermattet sich zurückzieht und nur noch hier und da sich etwas herausfischt aus dem niemals rastenden, immer noch reißenden Fluss der Brockschen Suada.

„Das Erbrecht hat die Linke zerstört“ ist ein solcher Satz in dem Loblied auf Stellys „Keitumer Gespräche“. Solange vererbt wird, gibt es keine Demokratie, ist ein anderer dieser Sätze. Dann folgen Beispiele und noch mehr Beispiele. Aber das größte ist doch dieser Fall, der Fall des „Spiegel“.

Am Anfang des „Spiegel“ – 1947 – stand die Behauptung derer, die es getan hatten, sie hätten nichts darüber gewusst. Am Ende steht die Behauptung, Augstein habe gewusst, dass er es nicht getan hatte. Stellys Buch ist auch ein Blick auf die Bundesrepublik, auf ihr Reden und ihr Schweigen. Gisela Stelly schreibt über das Wissen und das Nicht-Wissen, über die Wahl, die die Lebenden haben. „Sagen, was ist“ mag einmal das Motto von Rudolf Augstein gewesen sein, aber es war das immer wieder auch nicht. Der Wissende kann sich fürs Nicht-Wissen entscheiden. Der Nicht-Wissende kann das nicht. Gisela Stellys „Keitumer Gespräche“ sind der Versuch, einem Toten die Freiheit der Wahl zu geben.

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