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Keine Zeit für zu viel Ordnung

Die Sozialdemokratin Susanne Miller erzählt die Geschichte ihres Lebens - und ist in höchstem Maße zufrieden

22.06.2005 00:06
WOLFGANG KRUSE

Susanne Miller, geboren 1915 als Susanne Strasser, ist als Tochter eines ebenso wohlhabenden wie konservativen, jüdisch-assimilierten Elternhauses in Wien und Sofia aufgewachsen. Früh begann sie, sich von den privilegierten Lebensformen ihrer Familie zu lösen. Schon als Gymnasiastin näherte sie sich dem von dem Philosophen Leonhard Nelson gegründeten, einen ethischen Sozialismus proklamierenden Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) an, der zu einem zentralen Bestimmungsfaktor ihres Lebens wurde.

Susanne Strasser brach 1935 ihr Studium an der Universität Wien ab und siedelte nach London über, wo sie in einem vegetarischen Restaurant arbeitete, dessen Erträge Widerstandsaktionen gegen den Nationalsozialismus unterstützen sollten. Im Zweiten Weltkrieg nahm sie den Namen Miller an, als sie durch eine Gefälligkeitsehe die britische Staatsbürgerschaft erwarb. Im Vereinigten Königreich wurde sie auch zur Mitarbeiterin Willi Eichlers, an dessen Seite sie nach Ende des Krieges einen fulminanten Aufstieg in der deutschen Sozialdemokratie erlebte.

An der Seite Willi Eichlers

Nach Nelsons Tod war Eichler der führende Kopf des ISK und ging 1946 als Redakteur der Rheinischen Zeitung zurück nach Deutschland, stieg schnell in den Führungsgremien der SPD auf und wurde vor allem zur treibenden Kraft einer weltanschaulichen Öffnung der Sozialdemokratie, wie sie im Godesberger Programm schließlich zukunftsweisend verankert wurde; Susanne Miller war dabei als Assistentin, Protokollantin der Programmkommission und bald auch Lebensgefährtin an seiner Seite.

Nach der Verabschiedung des Godesberger Programms begann sie, sich beruflich auf ihre eigenen Beine zu stellen, nahm ihr Geschichtsstudium wieder auf, promovierte 1963 bei Karl Dietrich Bracher und wurde mit ihren Standardwerken über Das Problem der Freiheit im Sozialismus (1964) Burgfrieden und Klassenkampf (1974) und Die Bürde der Macht (1978) zu einer der profiliertesten Historikerinnen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.

Angestellt war sie nun bei der Bonner Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, die ihr vielfältige Freiräume für Forschungsarbeiten, aber auch für eine intensive Tätigkeit in der sozialdemokratischen Bildungsarbeit, insbesondere in der Friedrich-Ebert-Stiftung ließ. Auch nach ihrem beruflichen Ausscheiden nahm sie eine Fülle wichtiger Tätigkeiten wahr: als Mitglied, später auch Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD, in ihrer Grundwertekommission, in der deutsch-israelischen Gesellschaft, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten.

Miller ist inzwischen erblindet und hat deshalb ihre Lebenserinnerungen nicht mehr selbst zu Papier bringen können. Übernommen hat dies die Journalistin Antje Dertlinger, basierend auf Mitschnitten von Gesprächen und Interviews. Vieles wird dadurch lebendig, vieles bleibt aber auch bruchstückhaft und aphoristisch, wird nur kurz angerissen und persönlich bewertet. Besonders eindringlich treten neben der frühen Politisierung die positiven Erfahrungen in England hervor, einer "civilized country". Vor allem aber entsteht das Bild einer Persönlichkeit, die mit ihrem Leben sehr zufrieden ist - mit guten Gründen zwar, aber doch so sehr, dass vieles an einem Maß gemessen wird. Menschen, die Susanne Miller nicht gefallen haben, werden geradezu programmatisch ausgeblendet, mit einer Ausnahme: Herbert Wehner hat offensichtlich zu vielen ihr nahe stehenden Menschen wehgetan und wird dafür ziemlich deutlich abqualifiziert.

Es geht in dem Buch vor allem um politisch tätige, ethisch motivierte "wertvolle" Menschen. Demgegenüber fallen etwa gebildete Frauen, die sich für Kinder entschieden haben, deutlich ab; sie sind nach Millers Urteil eher im Mittelmaß stecken blieben, vielleicht tüchtig, aber doch nicht bedeutend. Überhaupt, die Frauen: Besonders unangenehm sind der Bildungsreferentin deutsche Hausfrauen, die anders als englische "erst spülen und den Haushalt in Ordnung bringen müssen und die deshalb nie um zwei oder drei Uhr zu einer Veranstaltung gekommen wären".

Doch auch der Frauenbewegung vermag Susanne Miller wenig abzugewinnen, denn ihren Protagonistinnen sei es mehr um die eigene Karriere als um ethische Ziele gegangen. In der Wendung gegen das feministische Beharren auf eine häusliche Arbeitsteilung wird indes wenig Distanz zur eigenen, inzwischen durchaus wieder privilegierten Position deutlich: Ihr habe es jedenfalls nichts ausgemacht, so Miller, Willi Eichler auch mal am späten Abend, wenn die Haushälterin schon zu Bett gegangen war, noch etwas zu essen zu machen.

Die sozialdemokratische Klasse

In den Erinnerungen treten Konturen der (hier sozialdemokratischen) politischen Klasse der aufstrebenden Bundesrepublik hervor. Man war selbstlos engagiert, doch das Engagement wurde auch zu einer guten Lebensgrundlage, ohne dass man dafür zur Karrieristin werden musste. Und manches war vielleicht doch ein wenig problematisch. So schildert Susanne Miller ganz selbstverständlich, wie in den fünfziger Jahren der Aufbau einer SPD-nahen sozialistischen Bildungsgemeinschaft in Köln auf Vorschlag von Heinz Kühn "aus einem bestimmten Fonds des Westdeutschen Rundfunks" finanziert wurde. Politische Aktivitäten der Friedrich-Ebert-Stiftung wurden finanziell selbstverständlich von der Stiftung Volkswagenwerk unterstützt, denn dort waren schließlich "maßgebliche Leute der Ebert Stiftung" in Amt und Würden. Immer alles für die gute Sache, aber bald auch im privilegierten Klüngel-Kreise.

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