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Kein Trost in der Musik

Immer unter der Fuchtel des "inneren Aufpassers": Glaubwürdig und uneitel berichtet die japanische Geigerin Midori von den Schattenseiten ihrer Karriere als Wunderkind

Die Geigerin Midori im Januar 2001. Foto: FR

Es ist überaus ungewöhnlich - geradezu unheimlich -, wenn eine wenig über 30-jährige Künstlerin bereits ihre Selbstbiographie vorlegt. Zumal, wenn es nicht um einen der womöglich schnelllebigen, schnell verglühenden Stars aus dem Showbusiness geht, sondern um eine Repräsentantin der "ernsten" Musik - einer Sphäre, in der man langsam zu reifen pflegt.

Das Leben und die Laufbahn der japanischen Geigerin Midori (die bei ihren Auftritten ihren Familiennamen "Goto" weglässt; so heißt auch der deutsche Titel des Buches Einfach Midori, wiewohl man dadurch keineswegs auf ein schlichtsinniges Gemüt und ein herzliches autobiographisches Plauderstündchen schließen darf) verliefen allerdings auch überaus ungewöhnlich. Midori, 1971 in Osaka geboren, bekam schon als Zweijährige von ihrer Mutter eine (winzige) Geige in den Arm geschoben. Strenger Unterricht inklusiv. Öffentliches Auftreten bereits mit fünf, mit zehn erste Teilnahme am Aspen Musikfestival in Colorado (USA). Ein Jahr später Übersiedlung nach New York und Studium an der berühmten Juillard-Musikschule. Noch im selben Jahr gab sie ihr Debüt im Silvesterkonzert der New Yorker Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta (mit ihm machte Midori später noch viele Konzerte und Aufnahmen).

Neben Musikstudium und Schule folgte dann die immer weiter ausgreifende Konzertkarriere, schon im Teenageralter. Nachdem Midori 1985 beim Schleswig-Holstein-Festival eingeladen war, ist sie auch in Europa eine bekannte Musikgröße. Seit den neunziger Jahren engagierte sie sich in ihren Stiftungen wie Midori & Friends oder Music Sharing für neue, sozial orientierte Kommunikations- und Veranstaltungsformen für "klassische" Musik. Sie absolvierte ein Psychologiestudium mit dem Ziel, den akademischen Grad des Master of Arts (2004) zu erwerben.

Der Weg vom Wunderkind zur international gefeierten Interpretin und daneben zur promovierten Akademikerin verlief freilich alles andere als glatt. Schon die frühen Kinderjahre wurden überschattet durch desolate Familienverhältnisse. Der Vater widersetzte sich (vergeblich) der von der Mutter zielstrebig betriebenen geigerischen Ausbildung Midoris. Er hatte wohl nicht nur unrecht, wenngleich Midori die hart disziplinierende Mutter insgesamt positiv sieht und ihr immer wieder Dank zollt (selbst die beim Unterricht nicht seltenen kleinen Züchtigungen verübelt sie ihr nicht).

In den Pubertätsjahren in Amerika litt Midori zunehmend unter dem Zusammenleben mit dem neuen Lebensgefährten der Mutter, von dem diese ein weiteres Kind bekam. Man muss annehmen, dass Midori sich ständig auf der Flucht vor sich selbst befand und auch ihre hektische Reisetätigkeit als Fluchtraum für private Probleme benutzte. Vergeblich, denn gerade das Alleinsein in fremden Hotelzimmern verstärkt Depressionen. Einen ständigen Begleiter hatte sie allerdings: ihr Über-Ich (sie nennt es im Buch den "inneren Aufpasser"), eine immer unerbittlichere, tyrannischere Instanz, die sie zu ständigem, zwanghaftem Üben anhielt und ihr das Gefühl vermittelte, trotz aller Anstrengung niemals perfekt zu sein. Wohl auch in Stellvertretung der Mutter, von der Midori nur selten gelobt wurde.

Der "innere Aufpasser" trieb schließlich den Selbsthass Midoris auf die Spitze. Bereits als Kind neigte sie zu Essschwierigkeiten. Bis 1994 reduzierte sie ihre Mahlzeiten immer weiter, und im September dieses Jahres musste sie mit einer lebensbedrohenden Magersucht in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingeliefert werden. Eine bittere, mit häufigen Zusammenbrüchen verbundene "Krankenkarriere" begann. Rund fünf Jahre dauerte die Phase der wiederholten Klinikaufenthalte, die immer wieder von Zeiten unterbrochen wurden, in denen Midori öffentlich auftrat, etwa als Kammermusikerin in Marlboro, aber auch mit Zubin Mehta in Peking.

Als sie im Juni 1999 nach ihrem sechsten stationären Aufenthalt die Klinik verließ, wusste sie, dass es zum letzten Mal war und dass sie künftig ihr Leben meistern würde. Das hat sich bis jetzt bestätigt. Und vielleicht ist die Autobiographie auch deshalb geschrieben worden, um mit dieser Vergangenheit endgültig fertig zu werden.

Zwei Erkenntnisse erschließen sich dem Leser. Die eine ist nicht sehr neu oder sensationell: Dass die wirkliche Gesundung bei dem Krankheitstyp, unter dem Midori litt, im Wesentlichen durch einen Prozess der Selbstheilung vonstatten geht, der klinisch höchstens gefördert oder vorbereitet werden kann. Zweitens lässt sich aus dem Buch herauslesen, dass es keineswegs die Musik war, die, wie es die unberatene Lebensweisheit meint, als Heilerin und Trösterin bei Fuß gestanden hätte. Im Gegenteil. Die Musik war bei Midori eher im Bunde mit den inneren Dämonen, die es beinahe geschafft hätten, ihr Leben zu zerstören.

Etwas ganz anderes gab ihr Halt: das Psychologiestudium und seine Herausforderungen. Sie wurden gewissermaßen zum Terrain der "wahren" Midori. Dass in diesen Bereich schließlich auch die Musik noch übernommen, die Solistenlaufbahn aufrecht erhalten (und die Untrösterin Musica "auf Bewährung" rehabilitiert) werden konnte, ist ein glücklicher Zufall. Midori hätte endgültig durch das Geigenspielen traumatisiert bleiben können.

Unaufdringlich eingestreut in die Darstellung sind zahlreiche unkonventionelle Einsichten über Musik und Musikwiedergabe. Von den Porträts der Menschen, die Midori begegneten, ist das ihrer amerikanischen Geigenlehrerin Miss DeLay am farbigsten gelungen. Man sieht diese Dame geradezu vor sich in ihrem ganzen Charme, ihrem Eskapismus, ihrer Unausstehlichkeit. Midori gehört zu den Künstlern, die dem sich weiter kommerzialisierenden Musikbetrieb mit großer Skepsis begegnen. Aber auch um Reformen des Musikveranstaltens und -hörens aktiv kämpfen. Dass sie derlei nicht um der eigenen Publicity willen leistet, ist glaubhaft. Sie ist eine uneitle, bescheidene, souveräne Persönlichkeit.

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