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Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger folgen der Hure H

Wieder haben sich die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen getan, um die traurige Geschichte der Hure H zu

12.11.2003 00:11
Ina Hartwig

Wieder haben sich die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen getan, um die traurige Geschichte der Hure H zu erzählen. Wobei "erzählen" hier im Miteinander von Text und Bild besteht; Strecken nach dem Muster von Comics, nur Comics sind es nicht - oder wenn doch, dann philosophische. Gezeichnete Theoreme, die in eine geradezu traumlogische Form gegossen werden. Wie der Name schon sagt, ist die Hure H eine Hure; allerdings - und das ist das Entscheidende - erleben wir sie nicht in der Ausübung ihres Berufs. Vielmehr schicken de Vries und Feuchtenberger dieses kleine, zarte Geschöpf auf Reisen: in Gebiete, die für eine Hure nicht vorgesehen sind.

Die Hure H versucht einen Mann zu begehren; vergeblich. Die Hure H will ein Kind bekommen; vergeblich. Die Hure H will heiraten; vergeblich. Die Hure H will frei sein; vergeblich. Die Hure H zieht ihre Bahnen, und was sie zum Schluss ihrer Odyssee erntet, ist nichts als das böse Gelächter einer anderen, einer alten Hure. Vielleicht schallt ihr sogar das eigene böse Lachen entgegen, wer weiß.

Huren sind einsam, sagen diese Geschichten. Man könnte das moralisch lesen: Wer seinen Körper einmal verkauft hat, bekommt seine Seele nie mehr zurück. Die Text-Bild-Strecken halten aber auch den Ansprüchen einer postmodern geschulten Psychoanalyse stand: Wo kein Begehren (mehr) ist, kann nichts erobert werden, kein Mann, keine Freiheit, kein Glück. Die Bahnen der Hure H wären, so gesehen, das traurige Märchen einer für immer verlorenen Libido. "Ich fühle den Leib nicht", sagt die Hure H in ihrem umständlichen Brautkleid. Und dann sagt sie noch: "Ich friere. Mein Leib friert."

In der düstersten von den insgesamt drei Geschichten dieses Bands schleicht die Hure H an einem Berg aus Totenköpfen entlang; es sind "die ausgestorbenen Männer". Ein Massengrab. Katrin de Vries (sie las beim letzten Klagenfurt-Wettbewerb ein eigenwilliges, synkretistisches Märchen vor) und die Hamburger Professorin für Angewandte Kunst Anke Feuchtenberger ergänzen einander großartig. Die knappen, sicheren Sätze von de Vries und der gedrungene, feste Strich Feuchtenbergers fügen sich zu einer visuell-sprachlichen Einheit ganz eigener Art. Da haben sich zwei gefunden; schön, dass es immer wieder passiert, im Leben und in der Kunst. Wie das postfeministische Werk Elfriede Jelineks kann man die Melange aus Groteske, Anklage und Pathos nur genießen vor dem Hintergrund einer theoretisch geprägten Grundhaltung. Das macht diese Kunst so originell, aber auch schwierig. Ein Fanclub hat die Publikation finanziell unterstützt. Der erste Band, Die Hure H, wurde in diesem Jahr wieder aufgelegt. Nun gibt es den zweiten Band, Die Hure H zieht ihre Bahnen. Ein dritter und letzter Band soll bald folgen. Am Ende haben wir dann eine Hurentrilogie.

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