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„Kassel: eine Fiktion“ Park der zeitgenössischen Wunder

„Absolute Begeisterung für nahezu alles“: Enrique Vila-Matas hat einen Roman zur documenta vorgelegt. Aber wie viel Fiktion steckt überhaupt in „Kassel: eine Fiktion“?

Penone-Baum in Kassel
Blickfang in der Karlsaue: Giuseppe Penones „Idee di Pietra“. Foto: dpa

Pünktlich vor Beginn der neuen documenta in Kassel erscheint der Roman zur vorangegangenen, die 2012 in Kassel stattfand. Über diese dreizehnte Ausgabe schrieben etliche Kritiker, die documenta habe damit in ihrer Geschichte der allmählichen Emanzipation von den Idealen der klassischen Kunst einen neuen Höhepunkt erreicht. Was das bedeutet, versucht der spanische Schriftsteller Enrique Vila-Matas zu ergründen.

Er ist eigentlich ein berühmt-berüchtigter Meta-Literat. Das heißt, seine Werke versuchen nicht, möglichst umstandslos von der Wirklichkeit zu handeln, sondern zunächst von der Literatur selbst. Diese gehört zwar auch zur Wirklichkeit, aber doch in einem weit zarteren Sinne als ein Schuss oder ein Kuss, um nur zwei typische Romangegenstände zu nennen. In Vila-Matas’ Büchern hingegen geht es zumeist um andere Autoren und deren Helden; ihr Mitautor ist gewissermaßen eine entstofflichte, aber immer gegenwärtige Bibliothek, die das Geschehen mit Dreinreden, Einfällen und Vergleichen begleitet.

In seinem neuesten Streich kommt nun zur Literatur die Kunst hinzu. Vila-Matas beschreibt sich in „Kassel: Eine Fiktion“ als einen Literaten, der zu documenta 13 nach Kassel eingeladen wird, um täglich in einem China-Restaurant namens Dschingis Khan an einem Tisch zu sitzen und dort unter aller Augen seiner täglichen Arbeit nachzugehen.

Der Autor empfindet diese Zurschaustellung als unangenehm, erst recht, weil sich kaum jemand die Mühe macht, ihn dort eingehend zu betrachten. Umso mehr Zeit bleibt ihm, tagelang durch die Ausstellungshallen und Parkinstallationen der documenta zu streifen und sich der wachsenden Verwirrung zu stellen, die diese Kunstschau in ihm auslöst. Seine Verstörung funktioniert ganz nach Plan, denn die documenta will die Besucher – und auch die Künstler – „aus der mentalen Komfortzone vertreiben“, wie ihm eine der Organisatorinnen erklärt. Diese Vertreibung ist dem 69-jährigen Autor aber gar nicht unlieb. Je länger er sich in dem durchgeistigten Kunstkassel aufhält, umso kürzer werden seine depressiven Phasen, die sich zuvor regelmäßig zur zweiten Tageshälfte einstellten, um erst am Morgen, pünktlich zum Aufstehen, wieder durch ein Gefühl der Zuversicht verdrängt zu werden. Dieses emotionale Hoch hält nun, je länger er sich in Kassel der Kunst überlässt, umso stabiler an. Werke wie „The Invisible Pull“ von Ryan Gander, das in der leergeräumten Vorhalle des Fridericianums nichts als einen starken Luftzug produziert, bescheren dem Autor „einen überraschenden Wechsel der Gangart, einen unerwarteten Antrieb“, der ihm zu „mehr Optimismus mit Blick auf die Kunst des Lebens“ verhilft. Die Welt hingegen hält er weiterhin für verloren.

Man ist sich beim Lesen oft nicht ganz sicher, ob der 69-jährige Vila-Matas das alles ernst meint, oder ob er der documenta 13 eine wohlmeinende Satire widmete. Aber so viel ist sicher: Erfunden sind die vielen Werke, die im Roman vorkommen, bis auf eines nicht. Sie sind so echt wie die Namen ihrer Schöpfer, seien es William Kentridge, Janet Cardiff, George Bures Miller, Pierre Huyghe, Tino Sehgal oder Rosemarie Trockel, um nur die zu nennen, die den Autor am meisten beschäftigen und in eine meditative Hochstimmung versetzen.

Auch die von diversen Theorien beseelte Chefkuratorin Carolyn Christov-Bakargiev ist keineswegs so erfunden, wie man glauben möchte, genauso wenig wie ihre Co-Kuratorin Chus Martinez, die im Roman als Intelligentsia-Obristin modernsten Zuschnitts höchst ausgedacht erscheint. Weit gefehlt! In der realen documenta-Hierarchie bekleidete sie – und das ist besser als jede Satire – den Rang einer „Leiterin der Abteilung und Mitglied der Agenten-Kerngruppe“.

„Kassel: eine Fiktion“ kann also diesem Buchtitel zum Trotz durchaus als die „Romanreportage“ gelesen werden, als die Vila-Matas sein Werk einmal selbst bezeichnet. Das wiederum ist aber auch nicht ganz ernst gemeint, denn ausgerechnet seine Arbeit als lebendes Exponat im China-Restaurant ist Fiktion. Die eigentliche Verbindung von Vila-Matas zur documenta 13 bestand im Verfassen eines Vorworts zu Briefen, die sich Theodor W. Adorno und Thomas Mann schrieben und die auf Anregung von Chus Martinez von der documenta herausgegeben wurden.

Abseits eines kunstkritischen Jargons und ganz fern dem überladenen Theoriegehuber der Kuratorinnen beschreibt Vila-Matas sehr feinsinnig die sonderbar aufgekratzte Empfindsamkeit, in die einen die documenta, „dieser große Park zeitgenössischer Wunder“ versetzen kann. Die von Theorien, fröhlicher Wissenschaft und Dokumenten geprägte Kunst versetzt den Betrachter, der sich Zeit nimmt, in eine meditative Aufmerksamkeit für alles und nichts, die Vila-Matas sehr gut erfasst hat.

Dabei kommt er aber nie ganz aus dem Kokon seiner selbstbezüglichen Ironie heraus: „Kassel: eine Fiktion“ steckt voller Leitmotive und Verweise, die sich wiederholen, um dem Ganzen den Zauber einer magischen Ordnung und den Wohlklang einer melancholischen Sinfonietta zu geben. Das erstaunliche Resultat ist: Außerhalb der mentalen Komfortzone, aus der uns die letzte documenta doch vertreiben wollte, geht es offensichtlich noch viel behaglicher zu als im Ghetto der Alltagslogik. Vila-Matas empfindet am Ende „absolute Begeisterung für nahezu alles“. Ist die documenta doch nur ein Disneyland für Bessergestimmte? In einigen Tagen wissen wir vielleicht wieder etwas mehr.

Enrique Vila-Matas: Kassel: eine Fiktion. Roman. Aus d. Span. von Petra Strien. Die Andere Bibliothek, Berlin 2017. 360 Seiten, 42 Euro.

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