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Karl Ove Knausgard "Sterben" Der hassende Sohn

Karl Ove Knausgards autobiografisches Großprojekt erschlägt einen schon mit Band 1: Das Buch enttäuscht von Seite zu Seite mehr. Distanz oder Selbstironie sucht man fast vergebens. Über weite Strecken herrscht einfach Logorrhö.

11.03.2011 17:03
Sabine Peters
Mit seinen Wurzeln befasst: Autor Knausgard, in Norwegen heiß diskutiert. Foto: B. CANNARSA/LUZphoto/fotogloria

Ein Buch, das beklemmend kalt beginnt: Was passiert im Körper, wenn das Herz nicht mehr schlägt, wie lässt sich das biologisch genau beschreiben, welche Bilder dafür kann man darüber hinaus finden? Weiter: Warum wird ein toter Körper unseren Augen immer möglichst schnell entzogen, während uns doch andererseits jede Nachrichtensendung über Tote nah und fern informiert und wir von Krimis und anderen Fiktionen erwarten, dass sie uns mit Leichen konfrontieren?

„Sterben“, der neue Roman des Norwegers Karl Ove Knausgard, setzt mit den Motiven von Vergänglichkeit, Tod und Auflösung gleich auf den ersten Seiten sehr hoch an. Dann geht die Passage fast unmerklich in eine Kindheitserinnerung über, der Ich-Erzähler hat als achtjähriger Junge in den Fernsehnachrichten von einem Schiffsunglück gehört; wir befinden uns im Jahr 1976. Das Bild einer ganz normal neurotischen Mittelschicht-Familie entsteht.

Die Übermacht des Alltags

Der Vater erlässt die Gesetze – im Garten ist Rennen verboten –, und wie ein Gott sieht und hört er alles. Den beiden Söhnen macht er Angst, sie fühlen sich von ihm wie ausradiert. Nur wenn sie mit der Mutter allein sind, bewegen sie sich frei. 2008 ist der Ich-Erzähler Karl Ove selbst Vater und seufzt unter der Übermacht des Alltags; er ist fassungslos darüber, dass Kinder ihn fertig machen können und dass er seine schlechtesten Seiten nicht vor ihnen verbergen kann. Als sein Vater 1998 gestorben ist, hat er neben Trauer ein Gefühl von Freiheit empfunden. Zweimal musste er ins Leichenhaus gehen, um glauben zu können, dass der Verhasste tot war.

„Sterben“ ist der erste Roman eines auf sechs Bände angelegten Mammutprojekts, das im Original den provozierenden Titel „Mein Kampf“ trägt. Knausgard, Jahrgang 1968, schildert hier sein eigenes Leben, vor allem die Beziehung zum Vater. Das Buch stürmte die norwegischen Bestsellerlisten, wurde mit dem wichtigsten Literaturpreis ausgezeichnet; man verglich den Autor mit Marcel Proust. Auch die bisher publizierten Fortsetzungen werden in Norwegen leidenschaftlich diskutiert. Knausgards Fans schwören auf die radikale Ehrlichkeit der Bücher. Reale Zeitgenossen, die in den Romanen namentlich auftauchen, fühlen sich dem Autor dagegen schutzlos ausgeliefert.

An dieser Stelle soll nicht einmal mehr die bekannte Debatte „schriftstellerische Freiheit vs Persönlichkeitsrechte“ geführt werden. Sondern hier soll gefragt werden, was das Buch zu einem Phänomen für viele Leser macht und was die Kritik so einhellig zum Jubeln bringt. Der Norweger Jan Kjaerstad, Schriftsteller und Publizist, kam zu dem Ergebnis: Seine Landsleute säßen dem Genre der „Literatur mit autobiografischen Zügen“ auf, obwohl man gerade beim autobiografischen Schreiben gut lügen könne. Aber selbst die Feuilletons gingen davor in die Knie, anstatt den Text zu lesen und vom Autornamen zu entkoppeln. In der Tat: Liest man einfach die Geschichte, bleibt nicht viel übrig.

Was jeder kennt

Knausgard schildert in zahlreichen, oft irritierend beliebig konstruierten Rückblenden Elemente seiner Kindheit und Jugend, die auch hierzulande jeder Leser seiner Schicht und Generation so oder so kennt. Die ersten Anbändelungsversuche mit Mädchen, Partys und Saufgelage, bevorzugte Musik, eine eigene Band, Ärger mit Eltern und Lehrern – das vermittelt nichts Neues und muss es auch nicht, wenn denn Form und Sprache überzeugen. Aber das Buch enttäuscht von Seite zu Seite mehr. Distanz oder Selbstironie sucht man fast vergebens. Die Dialoge sind von einer Originalität ganz wie im Leben: „,Hallo, Harald‘, sagte ich und lächelte ihn an. Tove, die auf dem Beifahrersitz saß, drehte sich zu mir um. ,Hallo, Karl Ove‘, sagte sie. ,Schön, dich zu sehen.‘ ,Hallo‘, sagte ich. ,Und frohe Weihnachten nachträglich.‘ ,Dann wollen wir mal‘, sagte Gunnar.“

Die Langatmigkeit kann man nicht mit dem Dehnen von Zeit verwechseln; über weite Strecken herrscht einfach Logorrhö. Nach der Scheidung der Eltern und an der Seite einer neuen Frau wird der Vater allmählich zum Alkoholiker; der Kontakt mit den Söhnen lockert sich. Der Vater verbarrikadiert sich schließlich bei seiner alten Mutter; die Söhne haben ihn ein, zwei Jahre nicht gesehen, als sie von seinem Tod hören. Ihre Großmutter steht unter Schock, das Haus sieht aus wie eine Fixerhöhle. Die Enkel kümmern sich kaum um die verkommene, verstörte alte Frau, sondern fangen an, aufzuräumen und zu putzen.

Mindestens ein Drittel des 575 Seiten umfassenden Buchs schildert die Reinigung des Hauses, die beim Ich-Erzähler mit dem Versuch einer inneren Reinigung, einer Katharsis gekoppelt wird. Knausgard zählt Flecken und Putzmittel auf, er ist bei jeder Zigarette, jeder Fluse ganz mit dabei. Und denkt über sein Elend nach: Ein Sohn, der vergebens nach der Anerkennung des Vaters suchte und es ihm als angehender Autor zeigen wollte. Einer, der beim Anblick von Kunst und beim Schreiben weint und sich seiner selbst nicht sicher ist; deshalb verschließt er sich nach außen.

Selbst wenn man keine Einwände gegen solch romantische Topoi hat, die Umsetzung bleibt der reinen 1:1-Abbildung verhaftet. Man ist vom Gewicht schon des ersten Bandes wie erschlagen, von der wuchtigen Geste des Geständnisses. Bis auf wenige Seiten gibt der Blick durchs Schlüsselloch – wenn es denn einer ist – nicht das her, was man sich von Literatur doch wünscht: Form, Rhythmus, kurz: Gestaltung.

Karl Ove Knausgard: Sterben. Roman. A. d. Norweg. v. Paul Berf. Luchterhand, München 2011, 575 Seiten, 22,99 Euro

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