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Karl Ove Knausgård Und jetzt noch die Pin-Nummer

Das Leben scheint sich zu rächen. Trotzdem geht der Norweger Karl Ove Knausgård in „Kämpfen“, dem abschließenden Band seines Mammutwerks, ein letztes Mal aufs Ganze.

Karl Ove Knausgard. Foto: André Løyning

W ie viele Schleier der Fiktion kann man von sich werfen, wie nackt kann man sich als Autor dem Leser stellen? Wir reden hier nicht von Bekenntnissen, und schon gar nicht solchen sexueller Natur. Die sind Legion, dienen mithin nur einer verschriftlichten Wiederbelebung längst vergangener Lüste. Nein, wir reden von radikaler, ungeschönter, eitelkeitsfreier Aufrichtigkeit. Vom ungeschönten Leben, in dem jedem Hausputz im Prinzip die gleiche Aufmerksamkeit gebührt wie einem gelungenen Aufschwung in philosophische Höhen.

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård hat sich in seinem sechsbändigen Mammutwerk „Min Kamp“ immer wieder dem Nullpunkt der Literatur genähert. Jetzt – endlich! – ist der abschließende sechste Band in deutscher Übersetzung erschienen, unter dem Titel „Kämpfen“.

Und dort, auf Seite 366, scheint er endgültig in einer Intimität angekommen zu sein, die gleichzeitig völlig unglamourös ist und, flapsig gesprochen, keinen Priester vom Beichtstuhl haut. Der Autor hat im Supermarkt Krabben gekauft. Jetzt steht er an der Kasse: „,Okay‘“, sagte ich und steckte meine Kreditkarte in das Lesegerät. Tastete den Code ein, der zwar nicht mehr 0000 hieß, sich aber ebenso leicht merken ließ, da er aus den vier Zahlen oben rechts auf der Tastatur bestand, also 2536, dann nahm ich die zwei Tüten entgegen, die mir der Verkäufer reichte, wartete, bis die Information auf dem Display erschien, dass die Transaktion akzeptiert war, zog die Karte heraus, steckte sie in die kleine Mappe, die ich wiederum in die Gesäßtasche schob, als der Verkäufer mir die Quittung abriss und gab.“

Womit Knausgård der erste Schriftsteller sein dürfte, der seine Pin-Nummer in den Stand von Literatur erhoben hat. Seltsam eigentlich, dass ihm die Bildende Kunst der Moderne so wenig zu sagen hat, wo er doch selbst ein Meister des Ready-made ist. Wobei, lesen Sie das Zitat ruhig noch einmal durch, es steckt auch verdammt viel Kunstfertigkeit in so viel schön geschachtelter Banalität. Es ist ja im Laufe der vorangegangenen Veröffentlichungen, in denen Knausgård unter anderem seine frühe Kindheit auf der Insel Tromøy mit ähnlicher Akribie schildert, immer wieder von kritischen Geistern darauf hingewiesen worden, dass die Fiktion doch etliche Gedächtnislücken aufgefüllt haben muss, um jenen hyperrealistischen Effekt zu erzielen, der seinen Autor weltberühmt gemacht hat.

Selbstverständlich ist das so, und Knausgård streitet es auch gar nicht ab. Ganz im Gegenteil, in „Kämpfen“ steigert er nicht nur sein eigenes Verfahren noch einmal, er problematisiert es auch. Die Handlung, wenn man das so nennen will, setzt kurz vor der Veröffentlichung des ersten „Min Kamp“-Bandes ein, der in Deutschland als „Sterben“ erschienen ist. Seine zweite Frau, Linda, hat das Manuskript noch nicht gelesen, an einige Freunde und Verwandte hat er es allerdings bereits verschickt. Schließlich benötigt er ihr Einverständnis, wenn er ihre Klarnamen benutzen will.

Die Antworten fallen verwundert, verletzt, aber auch erfreut aus. Bis auf die seines Onkels Gunnar, der Bruder seines Vaters, der nicht wirklich Gunnar heißt: „Verbale Vergewaltigung“ steht in der Betreffzeile. Gunnar zweifelt jede Zeile des Romans an, zweifelt die Motive und das Erinnerungsvermögen seines Neffen an. Ein unmoralisches, egozentrisches Machwerk sei der Roman, seine Mutter hätte ihn schon von frühester Kindheit an gegen die Familie Knausgård indoktriniert, er selbst gehöre in Therapie.

Die Anschuldigungen – es folgen weitere, der Onkel will die Publikation gerichtlich verhindern- werfen Knausgård völlig aus der Bahn. Er ruft seinen besten Freund herbei, telefoniert mit seiner Frau, versorgt die Kinder – und fühlt sich doch in ein moralisches Ödland gestoßen. Ist etwa er – und nicht der lieblose, tyrannische Vater – der Schurke in diesem Stück? Ist seine Suche nach Wahrhaftigkeit nur ein narzisstischer Wahn, mit dem er jeden Menschen, der ihm in den vergangenen 40 Jahren nahegekommen ist, verletzt hat?

Statt einer direkten Antwort folgt ein fast 500 Seiten umfassender, essayistischer Mittelteil, in dem der Autor sein Dilemma ins Welthistorische hebt. Von einer nahezu predigtartigen Interpretation eines Gedichts von Paul Celan zu einem close reading von Adolf Hitlers „Mein Kampf“, also ebenjener Hetzschrift, deren Titel sich Knausgård in einem selbstzerstörerischen Akt für sein Romanprojekt entliehen hat – Luchterhand hat ihn aus verlegerisch nachvollziehbaren Gründen in den deutschen Ausgaben unterschlagen.

Und was findet er dort und in den Erinnerungen eines Jugendfreundes des Diktators? Einen schüchternen, hochneurotischen Jungen, der gegen einen überstrengen Vater und eine muffige Kleinstadt rebelliert, der vom heroischen Leben träumt, ohne dass dies durch irgendwelche seiner Handlungen gerechtfertigt wäre. Das sind unangenehme Parallelen, aber sie führen Knausgård zu einer Poetologie seines Werks: „Lässt man in Gedanken die sechs Millionen Menschen auferstehen, die im Schatten des Zweiten Weltkriegs ausgelöscht wurden, versammelt sie auf den polnischen Ebenen und setzt Hitler zwischen sie, wird das wahre Verhältnis offenbar, denn sein Name wäre nur einer unter Millionen Stimmen, sein Leben nur eines unter Millionen Leben.“ Betrachte man die Menge aus weiter Entfernung von oben, sehe man den „Mensch als Biologie und Materialität“, austauschbar. Zoomt man jedoch so nahe heran, „dass wir den Namen hören können, wenn er gewispert wird“, zeigt sich „der Eine, nicht als Ich, sondern als Bedingung des Ichs“.

Zurück also ins Nahe, ins Schmerzlichste. Am Ende, so scheint es, rächt sich das Leben für den faustischen Pakt – so hat er ihn selbst genannt –, der Knausgård weltweiten Ruhm als Schriftsteller gebracht hat. Sein Gesicht starrt ihm von jedem Kiosk entgegen. Journalisten machen Jagd auf ihn. Bezichtigen ihn der Lüge, verwenden seine peinlichsten Geständnisse gegen ihn. Linda, seine Frau, erkrankt an einer schweren Depression, muss eingewiesen werden. Ihre Mutter gibt dem Schwiegersohn die Schuld. Es ist die Hölle und er hat sie selbst heraufbeschworen, er musste ja alle Schleier von sich werfen.

Auf den letzten Seiten, Linda ist wieder zu Hause, der erste Pressesturm vorübergezogen, tröstet sich Knausgård mit dem Gedanken, nun – endlich! – kein Schriftsteller mehr zu sein. Es ist, auf 1269 Seiten, die einzige Lüge.

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