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Karin Duve "Anständig essen" Nie wieder Fleisch aus Masttierhaltung

Mit der Kluft zwischen moralischen Ansprüchen und Handeln beschäftigt sich das Buch „Anständig essen“ von Karen Duve. Die Konsequenz aus ihrem Selbstversuch: nie wieder Fleisch aus Massentierhaltung. Höchstens zehn Prozent dessen, was sie früher an Fleisch, Fisch und Milch verzehrt hat. Kein Leder, keine Daunen.

Im Hähnchenmaststall in Sprötze (Kreis Harburg) leben wenige Tage alte Küken in einem 82 Meter langem Stall. Foto: dpa

Ein Ausflug mit zwei Freunden im Sommer, wir spazieren durch die schöne Gegend und sprechen über Jonathan Safran Foers „Tiere essen“, das wir gerade alle lesen. Beide geben sich ehrlich erschüttert und geloben, ebenfalls kein Fleisch mehr essen zu wollen. Beziehungsweise: sehr viel weniger, schränken sie nach kurzem Zögern ein. Nur noch das von Tieren, die ordentlich gehalten wurden. Eine Stunde später bestellen beide im Wirtshaus Schweinsbraten (8,90 Euro), die vegetarische Alternative, Kässpatzen, schien wenig attraktiv.

Ist das nun verlogen? Scheinheilig? Inkonsequent? Dieses Verhalten entspricht dem der meisten Menschen, die gut sein wollen, im Alltag aber daran scheitern. Die wissen, dass die Meere sterben, aber trotzdem Lachs-Sushi den Gurkenröllchen vorziehen. Und die ihrem Haustier jeden Wunsch von den Knopfaugen ablesen, ihre Herzen aber vor dem Leid der Tiere, die zu Schnitzel verarbeitet werden, verschließen.

Qualfleisch und blöde Ausreden

Mit der Kluft zwischen moralischen Ansprüchen und tatsächlichem Handeln beschäftigt sich das Buch „Anständig essen“ von Karen Duve („Taxi“). In einem mehrmonatigen Selbstversuch will die Schriftstellerin die Kluft überwinden. Ihr Entschluss, ein besserer Mensch zu werden, fällt im Supermarkt, als die Autorin, die bislang ein ebenso gedankenloses Essverhalten an den Tag gelegt hat, wie die meisten Deutschen, eine Packung Hähnchenschenkel (2,99 Euro) in den Wagen legt. „Wie kannst du dieses Qualfleisch kaufen?“, brüllt ihre Mitbewohnerin, die Duve fortan nach dem Gewissen von Pinocchio Jiminy Grille nennt. Unter der Beobachtung von Jiminy ernährt sich Duve je zwei Monate biologisch, vegetarisch, vegan und frutarisch.

Die Bio-Phase erlaubt immerhin zu essen wie immer („Wurstbrot muss ein ungeheuer beliebtes Nahrungsmittel sein, so wie der Aufschnittesser von der Bio-Branche umgarnt wird.“). Und so gelangt Duve zur Erkenntnis, dass dies nur dem besseren Gefühl diene. Aber nicht den Tieren, die auch auf Bio-Höfen oft quälend gehalten werden, weil die Sorge um Tiere innerhalb einer wachstumsorientierten Struktur als erstes Profitinteressen geopfert wird.

„Wieso hat es eigentlich nicht genügt, dass ich von den Zuständen in den industriellen Mastbetrieben wusste? Wieso hatte ich immer wieder Qualfleisch gekauft?“ Das fragt man sich. Das fragt sie uns. Duve entlarvt all die blöden Ausreden, die Irrationalität, die Gewohnheit, die Dilemmata, den Egoismus, die ganze banale Grausamkeit, die das Verhältnis vom Mensch zum Tier kennzeichnet. Sie tut das wütend und mitunter sehr lustig: „Bis heute wird darüber gestritten, ob die psychischen Eigenschaften der Tiere im Wesen oder im Grad von unseren verschieden seien. Aber das habe ich mich bei meinen Lebenspartnern auch jedes Mal gefragt, ohne zu einer befriedigenden Antwort zu kommen.“

Moralisch einwandfreies Leben?

Wie schwer es ist, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen, spürt sie in der veganen Phase: Jetzt wird das Ausmaß unserer Alltagskultur deutlich, die als Zivilisation verbrämt wird, obwohl sie auf Ausbeutung und Misshandlung unserer Mitgeschöpfe gründet: „Wieso muss in jedem verdammten Produkt ein Schluck Milch oder ein Stück Tierleiche sein?“, schimpft sie. Als ihr Umfeld mit Unverständnis reagiert, packt sie die Verzweiflung, die jeder Vegetarier und Veganer kennt, der merkt, dass die eigene Erkenntnis nicht das Handeln anderer beeinflusst: „Da die Einstellung, dass man Tier essen darf, nicht durch Argumente gewonnen ist, ist sie mit Argumenten auch nur schwer wieder aus der Welt zu bringen.“

Das erscheint so klarsichtig wie ernüchternd in einer Zeit, in der die Eigenverantwortungsforderung individuellen Moralverhaltens die „Gürtel enger schnallen“-Parole abgelöst hat: „Der Verbraucher ist selber schuld!“ heißt es auch beim aktuellen Dioxin-Skandal. Eine verlogene Ausrede von Politik und Industrie, die ihre Verantwortung auf den Verbraucher abschieben, der per definitionem ja nichts anderes tun soll, als – ja, genau –möglichst viel zu verbrauchen.

Vergangenen Sonntag saß Duve in einer Sendung von Anne Will zum Dioxin-Skandal. Neben einem Geflügelindustrie-Lobbyisten und Ex-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke diskutierten Lohn-Moralist Peter Hahne und Fernsehkoch Christian Rach: „Wir leben in einem Fleischwahn“ empörte sich dieser, dem man im Fernsehen bei nichts anderem als Fleischbraten zuschaut. Man gelangte schließlich zur Gratis-Moral, dass Massentierhaltung nicht gut ist, der Verbraucher aber „die Macht“ habe. Eine wunderbare Demonstration der Scheinheiligkeit, die Duve, deren kluge Argumente von Funke autoritär niedergebrüllt wurden, so treffend beschreibt. Denn wieso beträgt trotz dieser Mehrheitsüberzeugung der Anteil von Bio am Fleischmarkt nur 1,9 Prozent?

Nun sind die derzeit allzu beliebten Selbstversuche zeitlich begrenzt und ermöglichen ausreichend Distanz. Doch am Ende trifft Duve eine Entscheidung. Es wird ein Kompromiss: nie wieder Fleisch aus Massentierhaltung. Höchstens zehn Prozent dessen, was sie früher an Fleisch, Fisch und Milch verzehrt hat. Kein Leder, keine Daunen.

Bestimmt wird das Schlupfloch, das sich Duve gelassen hat, ohne es unbedingt nutzen zu wollen, vielen als großes Einfallstor erscheinen. Doch es gebe, stellt Duve klar, „kein Fleisch von glücklichen Tieren. Nur von toten.“ Das Buch ist eher ein Spiegel, den uns Duve hinhält, als eine von ungezählten Weltrettungsanleitungen. Er zeigt, dass eine Ansammlung individueller bequemer Konsum-entscheidungen nicht zur Änderung eines Systems ausreicht. Was nichts daran ändert, dass Denken, Mitgefühl und Empathie dafür unabdingbar sind.

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