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Juri Andruchowytsch im Interview „Die große Ukraine ist heute einfach zu groß“

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch kritisiert im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau die Tendenz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, die Demokratie auszuhöhlen und eine russisch-zaristische Geschichtsschreibung wieder zu etablieren.

06.01.2011 14:42
Frauen verkaufen Gemüse in den Straßen von Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Foto: REUTERS

Herr Andruchowytsch, Sie sind im westukrainischen Iwano-Frankiwsk, vormals Stanislau, geboren worden. Unweit von hier liegt Drohobycz, wo der Schriftsteller Bruno Schulz (1892–1942) lebte. Was verbindet Sie mit ihm?

Ich kann mich nicht direkt mit Bruno Schulz vergleichen. Schulz war eine ganz besondere Persönlichkeit, der ein Versteck sehr wichtig war. Wahrscheinlich hasste er die Provinz, zugleich konnte er ohne sie nicht leben. Mein Fall ist anders. Ich reise die ganze Zeit. Ein Versteck ist nicht meine Sache. Was uns jetzt verbindet: Ich habe zugesagt, die neue ukrainische Übersetzung von Bruno Schulz zu machen, die im Jubiläumsjahr 2012 erscheinen soll. Das wird eine literarische Herausforderung für mich. Ich werde versuchen, etwas Bruno Schulz zu sein.

Wann und wie haben Sie Schulz entdeckt?

Bei Lemberger Untergrundkünstlern war der Name Schulz immer präsent. Meine Gedichte Ende der achtziger Jahre entstanden unter dem Eindruck der Legende Schulz, den ich damals aber noch nicht gelesen hatte. Dieser Mythos repräsentierte für mich eine altgalizische Welt mit grotesken Figuren, die in meinen Gedichten auftauchen. In meinem musikalischen Projekt Cinnamon und bei der Band Karbido scheint Schulz’ Einfluss wieder durch. Sein bekanntestes Werk sind ja die „Zimtläden“. Die Lieder, die auf meinen Gedichten basieren, sind auch eine Hommage an Schulz.

Das heutige Galizien ist aus Ihrer Sicht geprägt durch eine „Nach-Multikulturalität“. Aber die jüdische Bevölkerung wurde im Holocaust fast vollständig ausgelöscht, auch Bruno Schulz wurde 1942 von einem SS-Mann ermordet. Der Historiker Omer Bartov kritisiert, in der Ukraine würden Holocaust und ukrainische Kollaboration tot geschwiegen. Wann wird Ihre Gesellschaft anerkennen, dass es neben Millionen Opfern auch Täter gab?

Bartov vernachlässigt, dass die Idee der ukrainischen Kollaboration das wesentliche Element der massiven sowjetischen Propaganda war, um den ukrainischen und somit sowjetkritischen Nationalismus zu diskreditieren. Der ukrainische Nationalismus wurde in eine Reihe mit dem Nationalsozialismus gestellt. Aber es gab natürlich einen historischen Hass vieler Ukrainer auf die Juden und auch auf die Polen. Die K.u.k-Multikulturalität war keine Idylle, sondern eine eher unfreundliche Koexistenz verschiedener Ethnien. Aber die K.u.k.-Monarchie war ein Stabilisierungssystem, das 1918 zerbrach. Seither gab es hier nur noch Massaker.

In Stanislau wurden im Oktober 1941 an einem einzigen Tag mehr als 10.000 Juden umgebracht. Wussten Sie das früher?

Der Holocaust wurde in der Sowjetunion tabuisiert. Aber ich wusste von meinen Eltern von dem Ort, wo die Juden ermordet wurden. Es gab dort ein sowjetisches Denkmal für die Opfer des Faschismus. Die Juden wurden selbstverständlich nicht erwähnt. Erst später wurde mit israelischer Unterstützung ein wirkliches Mahnmal gebaut. Das ist zwar wenig, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Ich bin mir bewusst, dass die Ukraine ein antisemitisches Land ist. Doch müssten auch die Ukrainer erwähnt werden – nicht wenige –, die im Zweiten Weltkrieg Juden versteckt und gerettet haben.

Die Ukraine ist für viele in Westeuropa eine Terra incognita. Wo verorten Sie Ihr Land?

Politisch gesehen ist die Ukraine heute kein europäisches Land. Wir sind wieder irgendwo in Eurasien. Die Perspektiven sind schlecht. Die Regierenden wiederholen die Mantras der europäischen Integration, aber in der Realität machen sie etwas völlig anderes. Die EU will die Brücken zur Ukraine nicht abbrechen. Aber sie sollte die Rhetorik der herrschenden Gruppe nutzen, um Druck auszuüben. Eigentlich müsste die EU mit der Ukraine so verfahren wie mit Weißrussland.

Ist Präsident Janukowitsch der von Ihnen schon 2003 heraufbeschworene ukrainische Putin, der die Ukraine nach russischem Vorbild „stabilisieren“ wird?

Putin ist elegant, schlau, sportlich, sexy. Janukowitsch ist eine Parodie Putins. Aber er will die Ideen der Machtvertikale und der sogenannten souveränen Demokratie kopieren. Meinungsfreiheit existiert wie in Russland nur noch im Internet. Die Justiz ist schon vollständig gleichgeschaltet.

Was hat sich seit der Machtübernahme der „Blauen“ Anfang 2010 verändert?

Manchmal habe ich das Gefühl, ich sei in einem anderen Land. Vielleicht bin ich paranoid, aber meine Stadt Iwano-Frankiwsk erscheint mir trauriger und schmutziger als vor einem Jahr. Ich bin Zeuge eines Zerfalls. Die Obrigkeit wird immer zynischer und korrupter. Der Druck, der im Zusammenhang mit den Lokalwahlen auf die hiesige Wahlkommission ausgeübt wurde, war massiv. Ich fürchte, die Ukraine ist auf dem Weg, zu einem „failed state“ zu werden, der seine Funktionen nicht mehr erfüllen kann.

Hat Sie die Geschwindigkeit der Restauration überrascht?

Ja, ich hatte mit einem Regime à la Kutschma (umstrittener Präsident der Ukraine von 1994–2005, d. Red.) gerechnet. Aber es kam schlimmer. Janukowitsch und seine Mitstreiter haben keine Verbindung zur Ukraine. Das Land ist für sie nur ein Instrument, um noch reicher und mächtiger zu werden. Überrascht haben mich auch die massiven Angriffe auf die ukrainische Kultur, Sprache und Identität. Der Druck auf die lokalen Behörden ist enorm, die Mittel brutal.

Aber Janukowitsch ist immerhin demokratisch zum Präsidenten gewählt worden.

Wirklich gefährlich wird es, wenn Figuren, die demokratisch an die Macht gekommen sind, die Demokratie aushöhlen. Sie wollen ihre Macht für immer absichern, indem sie in Zukunft keine freien Wahlen mehr zulassen. Ein politischer Analyst sagte es so: Früher waren Diebe und Schurken an der Macht, nun sind es Killer. Die einzige Hoffnung ist, dass den Herrschenden die westliche Perspektive wichtig bleibt. Sie haben Bankkonten im Westen und wollen Ferien auf Sardinien machen. Da müsste der Druck ansetzen.

Könnte ein radikaler Schritt, etwa der Anschluss der Ostukraine an Russland, eine Lösung für die momentane Spaltung des Landes sein?

Ich habe mich vor einigen Monaten in diese Richtung geäußert und bin massiv attackiert worden. Aber so ist die Realität: Ohne die Regionen Donbass und Krim hätte Janukowitsch 38 Prozent der Stimmen und Timoschenko 55 Prozent bekommen. Doch die territoriale Einheit der Ukraine ist eine heilige Kuh. Meine Kritiker sagen, ich sei für ein unabhängiges Galizien, für irgendwelche K.u.k.-Naturschutzgebiete. Das ist absurd. Galizien macht für sich allein keinen Sinn. Es gehört zur großen Ukraine. Aber die große Ukraine ist heute zu groß.

Sie haben 2007 vorausgesagt, bald werde die ganze Ukraine davon überzeugt sein, „dass es nie einen Maidan gegeben hat“, den Massen-Protest auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit Ende 2004. Auch der Holodomor, die Hungersnot von 1932/33, wird von der neuen Regierung umgedeutet. Wie wird dieser Kampf um die Geschichte ausgehen?

In der Schule geht die Tendenz dahin, dass die ukrainische Geschichtsmythologie von einer russischen verdrängt wird. Die Regierung ist dabei, gemeinsam mit Russland neue Schulbücher zu entwickeln. Eine zaristisch-russische Geschichtsschreibung kommt zurück. Was wird meine Enkelin in vier, fünf Jahren lernen? All das ist eine Folge der Tatsache, dass eine überwältigende Mehrheit im Donbass für Janukowitsch gestimmt hat. Aber was habe ich mit diesen Leuten zu tun? Ich fühle keinen Hass, aber sie haben über das Schicksal meiner Kinder und meiner Enkelin entschieden.

Wie ist Ihr persönliches Befinden? Haben Sie Angst?

Ich habe bis jetzt keine Drohungen erhalten. Ich denke, die Regierenden sind klug genug, mich nicht zu einem Märtyrer oder Nationalhelden zu machen. Die haben eine bessere Methode und karikieren mich ab und zu als Emigranten, der keine Verbindungen mehr zur Ukraine hat, der immer von westlichem Geld gelebt hat und reich ist. Da die Regierenden Zugang zu den Massenmedien haben und ich nicht, ist ihre Methode eigentlich perfekt.

Interview: Simon Geissbühler

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