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Julian Barnes, Bernd Schroeder Angst haben, weitertanzen

Julian Barnes und Bernd Schroeder legen Romane über Künstler unter Stalin und Hitler vor.

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Offizielles Foto: Schostakowitsch arbeitet an seiner 7. Sinfonie, der "Leningrader" (1942 uraufgeführt). Foto: (AFP)

Dmitri Schostakowitsch hat Angst. Fast sein Leben lang, das von 1906 bis 1975 währt, lässt sie ihn nicht los. Angst vor den Anmaßungen der sowjetischen Diktatur, ihren Bevormundungen und ihren Bedrohungen. Das stärkste Bild, das Julian Barnes dafür in seinem Künstlerroman „Der Lärm der Zeit“ findet: Wochenlang sitzt der Komponist nachts mit gepacktem Koffer vor dem Aufzug seiner Wohnung, um nicht von dem Kommando überrascht zu werden, das ihn – wie er meint – gewiss abholen komme. Weil er nicht ins stalinistische System passe. Die Nachtruhe der Familie soll durch diese Verhaftung nicht gestört werden.

Der britische Schriftsteller schildert das Leben eines Künstlers im Zeichen der Diktatur. Und er ist nicht der einzige, der sich aktuell diesem Thema zuwendet. Bernd Schroeder, sein deutscher Kollege, hat soeben den Roman „Warten auf Goebbels“ vorgelegt. Darin wird geschildert, wie in den letzten Tagen des Nationalsozialismus noch ein Ufa-Spielfilm gedreht wird – unter steter Aufsicht der Macht.

Julian Barnes, Jahrgang 1946, orientiert sich wie sein zwei Jahre älterer Kollege Schroeder an den Quellen. Dabei lässt er den künstlerischen Schaffensprozess nur am Rande aufscheinen – jedenfalls geht es ihm nicht um kompositorische Kniffligkeiten. Barnes konzentriert seinen Roman stattdessen auf die moralisch-psychologischen Aspekte dieser Vita. Das gelingt ihm auf beklemmende, kundige, fesselnde Weise. Die „Schwächen“, die sein Schostakowitsch zeigt, werden nicht moralisierend angeprangert, sondern vernetzt mit gesellschaftlichem Umfeld und individueller Persönlichkeit.

Dass sich der bedeutende Künstler verbiegt, dass er sich für die Propaganda missbrauchen lässt, dass er Kollegen verrät, sogar den von ihm hoch verehrten Strawinsky, dass er sich selber verrät und am Ende doch in die Partei eintritt, in die er nie hatte eintreten wollen, weil in ihrem Namen Menschen umgebracht worden sind – all das wird hier nicht entschuldigt, sondern für den Leser leichthin nachvollziehbar gemacht.

Feigheit ein Leben lang. Diese Selbsterkenntnis schreibt Barnes seinem Protagonisten zu. Aber wer könnte schon sagen, dass er in diesem Terror-Territorium, in dieser „schlimmsten Zeit“, den eigenen hehren Grundsätzen treu geblieben wäre? Schostakowitsch empört sich in diesem Roman zum einen über jene „Humanitätsapostel“ in der Ferne, die Widerstand in einem Land fordern, wo es schon ein Risiko ist, von dessen Machthabern überhaupt wahrgenommen zu werden. Er meint damit jene, die „eine simple Tatsache über die Sowjetunion nicht begriffen: Dass es hier unmöglich war, die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben.“ Sie wollten Märtyrer – aber sie selbst wollten es nicht sein.

Und er empört sich zum anderen über die Sofa-Kommunisten aus dem Westen, diese Picassos und Sartres, die von einem kommunistischen Paradies in der Sowjetunion fabulieren.

Schostakowitschs Leben erfährt die entscheidende Wende, als eines Tages, am 26. Januar 1936, Stalin eine Aufführung der bis dahin gefeierten Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ besucht. Noch vor dem letzten Vorgang hat der Diktator die Regierungsloge verlassen. Der Komponist weiß, was das bedeutet. In der „Prawda“ liest er eine Besprechung: „Chaos statt Musik“, lautet die Überschrift, und im Text sind die Vokabeln angeführt, die zum Tode führen können: kleinbürgerlich, linksabweichlerisch, formalistisch. Die das Werk bislang gefeiert haben, müssen öffentlich bekennen, dass sie Schostakowitsch auf den Leim gegangen seien. Bald wird sein Name mit der Bezeichnung „Volksfeind“ kombiniert.

Da ist es ein Wunder, dass der Komponist überlebt. Oder ein Zufall. Denn der Beamte Sakrewski, der im „Großen Haus“ drauf und dran ist, ihn ans Messer zu liefern, gerät selbst in Misskredit. Schostakowitsch hat Glück gehabt. Und dann ist er bereit, dem Regime als Aushängeschild zu dienen. Schostakowitsch wird mit Orden des Staates überhäuft. Er glaubt, seine Seele mit Ironie und innerer Distanz im Gleichgewicht halten zu können. Aber wie soll das gehen?

Während Barnes eine Tragödie schildert, trägt Bernd Schroeders „Warten auf Goebbels“ Züge der Groteske. „Krahwinkel“ soll im Auftrag des Propagandaministeriums ein Jubelfilm zum Endsieg sein – doch für das Motorrad, das laut Drehbuch durch das herrliche Berlin fahren soll, gibt es keine Zündkerzen mehr. Auch geht das Rohmaterial für den Film zur Neige. Und die Hauptstadt liegt in Schutt und Asche.

Gedreht wird in der Provinz, und Regie führt der berühmte Konrad Eisleben. Dabei verweisen die handelnden Figuren oft auf historische Personen der nationalsozialistischen Filmwelt. Was dem Temperament des Autors entspricht, der seinen Roman – wie auch Barnes – fest auf den historisch verbürgten Grundmauern errichtet. Was Schroeder über den Fortgang des Krieges und über die Entwicklung von Goebbels zwischen Rheydt und Reichskanzlei erzählt, das ist vielfach belegt. Und tatsächlich hat das Propagandaministerium bis zuletzt auf die Kraft des Kinos gesetzt – etwa mit Veit Harlans „Kolberg“ oder Wolfgang Liebeneiners unvollendetem „Das Leben geht weiter“.

Stilistisch macht der Roman Anleihen beim Film. Die Minikapitel gleichen Filmschnitten, der Ton ähnelt manchmal einem Treatment und die Dialoge sind drehreif. Allerdings wirkt der Roman zuweilen etwas hölzern, seine Figuren schablonenhaft. So auch bei der Einbindung von zwei jüdischen Schauspielern, die die Schwierigkeiten der Nachkriegsdeutschen mit der Schuld vorauszusehen in der Lage sind. Doch Schroeders Plot ist stark und seine Entwicklung attraktiv.

Schroeder inszeniert einen Tanz auf dem Vulkan. Während die NS-Hardliner darauf pochen, dass dieser Film das Lied vom siegreichen deutschen Volk singt, möchte die Filmcrew nur vom Kriegsdienst verschont bleiben. So lange gedreht wird, ist man sich des Überlebens recht sicher. Einmal sagt Hauptdarstellerin Johanna Leise, eine Wiedergängerin von Kristina Söderbaum, dass es ja wohl klar sei, dass dieser Film, wenn er einmal fertig werde, nur dazu da sei, weggeworfen zu werden.

Oder doch nicht? Regisseur Eisleben sieht die Chance, mit einer radikalen Umdeutung des Themas die Sieger überzeugen zu können: Aus dem Jubelfilm der Nazis, in dem Goebbels persönlich als Redner auftreten soll, trickst er ein schonungsloses Porträt der geschlagenen Nation zusammen. Der Künstler als angepasster Taktiker. Da ist man dann auch gleich wieder ganz nah dran an Dmitri Schostakowitsch.

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