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Julia Wolf „Alles ist jetzt“ Die Seele hat Zahnschmerzen

Sätze wie offene Wunden: „Alles ist jetzt“ heißt das verstörende und mitreißende Romandebüt der aus Groß-Gerau stammenden Autorin Julia Wolf.

Die Autorin Julia Wolf aus Groß-Gerau lebt heute in Berlin. Foto: Franziska Rieder

Kein Kopf denkt ohne Körper. „Embodiment“ nennen Kognitionswissenschaftler die Unmöglichkeit, Geist und Leib voneinander zu trennen. Julia Wolfs Debütroman „Alles ist jetzt“ erscheint wie eine Bestätigung der These: Schreiben beginnt in der Physis. Die 1980 in Groß-Gerau geborene Schriftstellerin reiht in ihrer Geschichte über Ingrid, eine junge Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, Sätze wie offene Wunden aneinander.

Schmerz und Leid, Enttäuschung und Verlorenheit: Die Hauptfigur nimmt diese Erfahrungen nicht als Anlass zum Reflektieren oder Psychologisieren. Ihre Welt und ihre Sprache weben sich vielmehr aus körperlichen Zuständen. Aus Kälte, Hunger, Müdigkeit und Sex, aus Tanzen, Rennen und Stolpern. In „Alles ist jetzt“ regiert nicht die Zensurmaschine Hirn, sondern die Instinktmaschine Physis.

Wolfs Geschichte entspinnt sich zwischen einer Gegenwart, in der Ingrid in einer Frankfurter Sex-Bar Drinks ausschenkt und mit ihrem drogenabhängigen Bruder eine Wohnung teilt und mehreren Rückblenden in das Erwachsenwerden der Hauptfigur. Ingrid ist Scheidungskind und wächst bei einer emotional labilen, alkoholkranken Mutter auf. Die betäubten Körper – die besoffene Mutter, der bekiffte Bruder – bauen dem Mädchen keine Brücke zwischen Innen- und Außenwelt. Die erste Liebesbeziehung zum älteren Moritz, bester Freund des Bruders, endet in tiefer Verletzung und, das wird zumindest angedeutet, in einer Abtreibung.

„In einer Höhle aus Atem und Herzschlag“

In der Erzählgegenwart ist es einige Jahre später, Weihnachten. Ingrid liegt im Bett, „in einer Höhle aus Atem und Herzschlag“, die „Decke über den Kopf gezogen“. Die „Glasglocke“, unter der sie lebt, ist spätestens seit Sylvia Plaths gleichnamigem Roman ein fast schon klassisches Sinnbild für Depression und die Getrenntheit von Welt und Ich. In diesem Zustand hat Ingrid in der frostigen Kälte zwischen den Jahren eine Reihe von wie im Traum verzerrten Schock-Erlebnissen.

Bei einem Pflichtbesuch im Haus der Kindheit wiederholen sich die traurigen Muster der Vergangenheit. Ein späteres Treffen mit dem Vater, mit dem Ingrid nur noch das „Echo eines Gefühls“ verbindet, enthüllt die nur nachlässig überspielte Beziehungslosigkeit. Ingrid sieht auf der Straße ein Baby sterben, wird zum Live-Sex auf der Bühne getrieben und findet ihren Bruder zusammengeschlagen in der gemeinsamen Wohnung. Sein zu „Hackfleisch“ geschlagenes Gesicht „sieht außen aus wie Ingrid von innen“.

Wolf erzählt in kurzen Hauptsätzen. Ihre Sprache bietet trotzdem keine wohlportionierten Wirklichkeitshäppchen dar. Vielmehr entstehen intensive Parataxen, die wie Zähne knirschen und manchmal hämmern wie ein zu schneller Puls. Adorno sah im hauptsatzlastigen Schreiben ein anti-klassizistisches Verfahren, das die Annahme negiert, ein Subjekt könne mithilfe der Sprache Wirklichkeit bewältigen und ordnen. Die Parataxe stelle stattdessen einen Bezug zur Erfahrung des Heterogenen, des logisch nicht Subsumierbaren her.

Tatsächlich führt in Wolfs Roman kaum ein vermittelndes Wort die Sätze zusammen, kaum ein weil, als, dann, deswegen oder darum zeigt Gründe oder Erklärungen für die Geschehnisse auf. So evoziert die Autorin eine derartige Fülle an Eindrücken und Erlebnissen, dass es scheint, als halte das Subjekt die Wirklichkeitsfäden nicht länger in seinen Händen.

Bei Ingrids Treffen mit dem Vater überfallen die Tochter Zahnschmerzen. Sie lindert sie, indem sie sich Nelkenblüten vom väterlichen Strauß auf die Zähne drückt. Als sie sprechen will, quellen statt Worten gelbe Blüten hervor. Das ist nicht nur ein poetisches Bild. Es zeigt auch, wie Wolfs Sprache funktioniert: dass sie mehr Material als artikulierter Gedanke, „mehr Gefühl als Wort“, eher Klang als Bedeutung ist, eine Art „atonales Fiepen im Brustkorb“.

Für Ingrid heißt Sprechen, ein Übermaß an Emotionen nicht artikulieren zu können. Heißt Stammeln, Stottern, Atmen und Zögern. Unter „der Zunge liegt etwas verborgen“, heißt es in diesem Sinn an einer Stelle, „etwas jenseits von Sprache, ein Wünschen, ein Wollen“.

Schön ist Wolfs fast lyrische Sprache, wenn sie eine Realität wie in Zeitlupe vorführt. Dann verdichten sich Details zu verrätselten Sinnbildern: Kohlensäure zischelt in einem Glas, ein Fleck an der Zimmerdecke nimmt die Form von Afrika an. Wie ein Destillat postmoderner Welterfahrung kriechen durch alle Ritzen dieser Wahrnehmungswelt Zufall und Chaos hinein. Und wirbeln alles durcheinander.

Das protokollartige, stotternde Erzählen, nur Schritte vom Abgrund des Verstummens entfernt, ist nicht unbedingt neu. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sind es vor allem Autoren, deren Romane ebenfalls um seelische Versehrtheit, Krankheit und Sucht kreisen, wie Peter Wawerzinek oder Wolfgang Herrndorf, die die Parataxe ähnlich konsequent einsetzen. Einige Passagen erinnern auch an die luzide Schreibweise von Herta Müller.

Dass ihr Stil Verwandtschaft kennt, bleibt am Ende aber Nebensache. Denn Wolf hat ein Buch geschrieben, das mitreißt, verstört und berührt.

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