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Julia Trompeter "Die Mittlerin" Im Herz des Romanschreibens

Dorthin führt ausgerechnet Julia Trompeters zauberhafter Antischmöker „Die Mittlerin“.

Julia Trompeter Foto: Peter Susewind

Dieses Buch gilt es unbedingt weiterzulesen. Auf Seite 37 steht „Und so könnte es jetzt endlos weiter vor sich hin plätschern“, und mancher mag sagen: Tja. Und es stimmt auch gewissermaßen, aber je länger es so geht, desto klarer wird, dass Plätschern dann eine sprachliche Verkleinerungsform für Lesen, Überlegen, Schöpfen, Schreiben ist, für alles, worüber wir reden, wenn wir über Poetik reden.

Scheinbar dermaßen offenherzig lässt die Kölnerin Julia Trompeter, Jahrgang 1980, bislang Lyrikerin und Sprechperformerin, hineinschauen in ihre Romanwerkstatt, dass es zunächst heillos nativ wirkt. Die Feuilletonredakteurin weiß, dass es lediglich das allerletzte Mittel ist, zur freien Verfügung erst nach 15.30 Uhr, darüber zu schreiben, dass man nicht weiß, worüber man schreiben soll. Nicht weil es notwendigerweise langweilig wäre, sondern weil es eine Masche ist. Die Erzählerin in Trompeters Romandebüt „Die Mittlerin“ macht das aber zur Grundlage eines Romans, den sie quasi gezwungenermaßen und entsprechend widerständig angeht. Lyrik schreibt sie sonst, einen Lyrikband will sie veröffentlichen, aber von Verlagsseite ist ihr klargemacht worden, dass erst ein Roman her muss.

Wobei dies bereits eine Vereinfachung darstellt. Tatsächlich ist es so, dass eine nervtötende „Verlagsfrau“ auf der ersten Seite ein paar Anweisungen gibt, von denen dann die Erzählerin, die so tut, als würde sie vom Entstehen ihres Romanes berichten, einige beherzigt. „Komme was wolle, Sie brauchen einen Plot“, sagt die „Verlagsfrau“, ein Romaneröffnungssatz von einigem Humor. Gefolgt von der dringenden Empfehlung, „Thomas Bernhard in den Giftschrank“ zu sperren. „Wir bekommen jedes Jahr massenweise Manuskripte im Bernhard-Stil“, sagt die „Verlagsfrau“. „Wenn Sie unbedingt so schreiben wollen, muss es schon etwas Besonderes sein. Bauen Sie den Humor mehr aus!“

Auch die vorangegangene Katastrophe/das Unglück, zu denen der Erzählerin geraten wird, streut sie bisweilen pflichtbewusst ein, ohne in Einzelheiten zu gehen. Das hat nur die Welt um sie herum getan – „Hier. Hier an meinem Tisch, um den herum die Welt zusammengebrochen war, in Splitter, Scherben, Atome, Partikel und Fitzelchen“. Die Leserin weiß nicht genau, was sie davon halten soll. Möglich, dass die Erzählerin wirklich etwas Schlimmes erlebt hat und es mit der Fluch nach vorne verschweigt. Recht hätte sie.

Was aber lässt Julia Trompeter ihre „Dichterin ohne eigenes Buch“, die ferner Philosophin, Online-Redakteurin und Teilzeitbrotfachverkäuferin ist, die offenbar Übergewicht hat und Bekannte, aber doch einsam ist, auf den nächsten 200 Seiten unternehmen? Die Erzählerin denkt permanent, mit einer geradezu Thomas-Bernhardischen Penetranz über Thomas Bernhard nach. Sie beginnt den Hauptteil ihres möglichen (und Julia Trompeters faktischem) Roman mit dem Satz: „Thomas Bernhard war ein großer Mann“. Sie rekonstruiert die möglichen Motivationen der Figuren in „Holzfällen“ (Plot!). Sie zitiert „nachtblaue“ unter den „schwarzen“ Bernhard-Sätzen. Auch denkt sie über Friederike Mayröcker, Peter Schlemihl, Aristoteles nach. Auch über Platons Höhlengleichnis. „Ist es denn nötig, auch noch mit diesem Platon anzufangen, wo wir doch schon allenthalben den Aristoteles drin haben?“, fragt die Verlagsfrau. Eine Kneipenbeziehungsanbahnung endet sogleich, indem der Mann nicht nur nicht angesprochen werden wollte, sondern auch „Orlando“ liest. Der Versuch der Erzählerin, von Woolf auf Bernhard zu kommen, scheitert.

Die Erzählerin berichtet von ihren Ideen, die es in sich haben. Etwa ein Prosaschriftstellerteam, „damit ich mein bescheidenes Unterfangen, die Geschichten eines halben Nachmittags aufzuzeichnen, würde in die Tat umsetzen können. Geschichten eines halben Nachmittags, eine Anthologie in 1552 Bänden, würde ich das Buch nennen, und es würde sich, nehme ich an, rasend gut verkaufen, weil ja ein jeder Mensch ein Stückchen Geschichte, eine kleines Scheibe dieses Nachmittags in seinem eigenen leben wiederfinden könnte und dieses Kunstwerk somit ein hohes Identifikationspotenzial in sich trüge.“

Die Erzählerin berichtet auch von ihrem Job als Onlineredakteurin für ein jammervoll ausbeuterisches Stadtportal. Sie hasst die Arbeit, die Leserin wird die Passage voraussichtlich großartig finden, denn es zeigt sich, dass diese ratlose Romanautorin literarisch auf der Höhe ist, sobald sie es wünscht. Das zeigt sich ebenso in der Teilzeitbrotfachverkäuferin-Szene, am meisten aber in einer hinreißenden, psychedelisch unwahrscheinlichen Liebesgeschichte zwischendurch. Ein Abend mit bear, einem englischsprachigen Zottel höchster Güte. Ein kosmisches Zahnrad verschiebt sich um einen Zacken. „So gab ich dem bear Antworten auf Fragen, die er erst hinterher stellte. Unsere Gläser erhöhten ihren Füllstand, je mehr wir daraus tranken. ... Ich war also, um die Sache einmal zu straffen, betört.“ Die „Verlagsfrau“ fragt: „Warum überspringen Sie hier den erotischen Part?“

Vermutlich ist von der „Verlagsfrau“ hier bisher mehr die Rede als von der Titelheldin, weil es mehr „Verlagsfrauen“ als „Mittlerinnen“ gibt. Die Mittlerin ist  die Agentin der Erzählerin. Sie hat wohlgeformte Ohren – ja, auch von ihr ist die Erzählerin betört, sehr sogar – und psychologische Fähigkeiten als „einer der wirschesten Menschen, der mir seit Langem begegnet war“. Formal besteht „Die Mittlerin“ daraus, dass die Erzählerin die Zeit zwischen einem Termin mit der Mittlerin und dem nächsten überbrücken muss. Sie schreit sie an, weil sie ihr „Plot“ sei und also endlich etwas tun solle, aber sie erläutert ihr auch ihre Poetik: „Entweder, ich habe gar keine oder es ist eine Poetik des Chaos’ und der Irrfahrten, wie in der Odyssee zum Beispiel ...“ So viel zu allen Fragen des Romanaufbaus.

Ein erneuter Besuch in dem Köfteladen, in dem sie mit der Mittlerin war, erinnert die Erzählerin an die Doppelwegstruktur des Artusromans (ich meine: wer denkt heute noch an die Doppelwegstruktur des Artusromans). Dort beobachtet sie nun den angeblich täglich Köfte essenden Mann der Mittlerin, einen „Köfte-Belmondo“, der das gemeinsame Baby lässig über die Schultern wirft, worauf es sofort aufhört zu jammern. Ein Augenblick der Schönheit und des Glücks, und wer Western mag, wird auch lachen, wie geschickt die Erzählerin die Stimmung eines Heldenauftritts im Saloon in einem Imbiss platziert. Julia Trompeter und ihre Erzählerin brauchen generell nur ein paar Sätze, um eine Welt entstehen zu lassen. Darum geht es beim Romanschreiben.

Auch gelingt es Julia Trompeter mit Leichtigkeit, uns letztlich das meiste glauben zu lassen. Romane gehören zum schönsten Betrug. Dass ausgerechnet dieser Antischmöker das zutage fördert, ist unerwartet, aber erfrischend.

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