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Jugoslawien-Krieg Schönheit verhindert keinen Schuss

Melinda Nadj Abonji erzählt in ihrem Roman „Schildkrötensoldat“ von einem klugen Simpel in böser Lage.

Melinda Nadj Abonji
Die Schweizer Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji. Foto: Gaetan Bally

Der neue schmale Roman von Melinda Nadj Abonji kommt einem zuerst womöglich vor wie ein Buch, das man schon kennt. Das dürfte damit zusammenhängen, dass es zwar schwierig, aber dennoch beliebt ist, über Sonderlinge zu schreiben. Dieser hier, Zoltán Kertész, ist der Sohn gar nicht feiner Leute. Sein Lehrherr hat ihn böse geschlagen, anschließend ist er vom Motorrad seines dahinbrausenden Vaters gefallen. Jetzt taugt er nur noch für einfache Tätigkeiten, dabei wirkt sein Verstand originell und hellwach. Gärtnerei interessiert ihn. Dass er zudem „der König der Kreuzworträtsel“ – seine Worte – ist, gibt dem Text den Hang zu buchstabieren. Das Glück zum Beispiel, „-G-L-Ü-C-K-“, sei „eine Luke, aus der man an einem warmen Tag den Kopf hinausstreckt, oder nicht?“.

Das ist zugleich ein typischer Zoltán-(Zoli-)Einfall, ein schönes Bild in einem Buch, in dem man sich aber nicht zu wohl fühlen sollte. Zoltán gehört in ein friedvolles und vergnügtes Dasein, so sehr, dass man sogar den Titel „Schildkrötensoldat“ zuerst niedlich findet. Aber in der Nähe ist der Krieg. „Schildkrötensoldat“ spielt in den 90ern im auseinanderfallenden, nein, schon nicht mehr vorhandenen Jugoslawien. „Jugoslawien, das Land, in dem du geboren und aufgewachsen bist, existiert nicht mehr“, erklärt Zolis Cousine, die nach seinem Tod aus der Schweiz nach Serbien reist, um seiner Geschichte nachzugehen und sein Grab zu sehen.

Das wäre auch die Strecke, die die 49 Jahre alte Melinda Nadj Abonji zurücklegen würde, um in das Land ihrer Geburt (Jugoslawien, heute Serbien) und Muttersprache (Ungarisch) zu fahren. In ihrem erfolgreichen Roman „Tauben fliegen auf“, der 2010 den Deutschen Buchpreis gewann – und den Schweizer Buchpreis gleich noch hinterher –, erzählt sie von der ambivalenten Ankunft und Phase des Zurechtfindens in der neuen Heimat. „Schildkrötensoldat“ lässt die besuchsweise Rückkehr nicht minder zwiespältig erscheinen. Das sind starke Szenen, die nebenbei mitlaufen, etwa der Besuch in einem Museum, dessen Mitarbeiter hilflos zusehen muss, wie um ihn herum alles auseinanderbricht, ohne dass sich jemand ernsthaft für Geschichte interessieren würde.

Hanna, so heißt die Cousine, ist in diesem schmalen, durchpoetisierten und im Ergebnis dann doch ganz entspannten Buch für die Reflexionen oder sagen wir besser: für das Bewusstsein um das Existenzielle zuständig. In schöner Landschaft entgeht ihr nicht, dass „nichts und niemand und keine Schönheit offenbar die Kraft hat, auch nur einen Schuss zu verhindern“. Hat sie länger auf ein Kruzifix geschaut, „überkam mich immer eine unbändige Lust auf das Leben. In eine cremige Süßigkeit hineinzubeißen, warmes Wasser auf meinen Fingerspitzen und im Gesicht zu fühlen, die Augen zu schließen, zu denken, dass es alte, böse Träume gibt, die irgendwann aufhören zu existieren“.

Zoltán, in seinen mit Großbuchstaben durchsetzten Kapiteln fast immer guter Laune und zum Plaudern, gar zum Plappern aufgelegt, gerät also in die Armee – sogar noch auf Betreiben der Eltern, die hoffen, dass ihm das gut tun wird –, und auch hier schlägt seine Gutmütigkeit zunächst voll durch. Nicht dass ihm nicht klar wäre, bei was für einem Verein er gelandet ist. „In der Armee, vor allem in der Armee, gibt es Sätze, die fangen irgendwo an und hören woanders auf, und zwischen den Wörtern gibt es keine einzige Verschnaufpause.“ Dann aber kommt sein bester Freund bei einem unerbittlich (und sinnlos) durchexerzierten Gewaltmarsch ums Leben. Dann fängt Zoli an, sich zu wehren.

Ja, einiges mag Melinda Nadj Abonji eine Spur lieb geraten sein in ihrem nach längerer Pause und in Feinstarbeit entstandenen Roman, aber darunter brodelt es. Und die Wut des Zoltán Kertész, die nichts ausrichten wird, als ihn letztlich das Leben zu kosten, ist ein Fanal gegen die Verblödung der sogenannten normalen Leute und für den hellsichtigen Blick der Trottel, Zivilisten und Arglosen.

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