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Judith Kerr Die Glückliche

Judith Kerr wird 95 Jahre alt und hat - unter anderem mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ - weltbewegende Bücher für Kinder geschrieben. Nun erzählt sie ihr Leben.

Judith Kerr
Judith Kerr im Kinderbuchmuseum Seven Stories in Newcastle. >Edition Memoria Foto: Edition Memoria

Als Judith Kerr vor zwei Jahren Berlin besucht, spricht sie freundlich mit allen, die etwas von ihr wollen. Sie stellt zwar eigentlich ihr neuestes Buch „Ein Seehund für Herrn Albert“ vor, doch die meisten Kinder möchten etwas über „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ wissen, das Buch, mit dem sie seit den siebziger Jahren in Deutschland bekannt ist. Als sie im Interview gefragt wird, wie es für sie sei, durch ihre Geburtsstadt zu fahren, die sie im Alter von neun Jahren verlassen musste, antwortet sie eindeutig, dass sie ihren Platz woanders sehe: am Schreib- und Zeichentisch. „Es ist ganz nett, so in die Welt zu kommen, ich wäre ja jetzt allein“, sagt sie, denn ihr Mann Matthew Kneale, mit dem sie 54 Jahre zusammenlebte, ist 2006 gestorben. „Aber nun muss ich wieder arbeiten.“ 

Tatsächlich ist Judith Kerr in ihr Arbeitszimmer zurückgekehrt, was nicht selbstverständlich ist für Menschen ihres Alters. Im Sommer 2017 erschien „Katinka’s Tail“, eine Bilderbuchgeschichte über Katze mit einem magischen Schwanz. Als „Meine Katze Katinka“ kommt es jetzt auf Deutsch heraus. Vorher, an diesem Donnerstag, feiert Judith Kerr ihren 95. Geburtstag. Und rechtzeitig dazu erscheint ihre Autobiografie, der reich bebilderte Band „Geschöpfe. Mein Leben und Werk“. 

Das ist ein Buch, bei dem einem das Herz aufgeht. Judith Kerr schreibt so voller Zuneigung von ihrem Vater, dem Theaterkritiker und Schriftsteller Alfred Kerr, zugleich mit einem sehr freundlichen Blick auf die jüngeren Generationen. Sie schildert das Verhältnis zu ihrer Mutter, das verschiedene Phasen durchlief. Sie hat selbst als Mutter erst zu ihrem eigentlichen Beruf gefunden, der ihr so wichtig ist, dass er sie agil hält: als Autorin und Illustratorin von Kinderbüchern. Schreibend führt sie den Leser in ihr Arbeitszimmer, lässt ihre Entwicklung verfolgen, Zweifel, Missgeschicke und Glücksmomente miterleben.

Wer das „Kaninchen“-Buch und die zwei Folgebände kennt, weiß ja, wie schwierig sich die Flucht der jüdischen Familie Kerr aus Deutschland über die Schweiz und Frankreich nach England gestaltete, wie kompliziert es war, sich zweimal in eine andere Sprache einzufinden, wie schwer es den Eltern fiel, Geld zu verdienen. Aber damals schrieb sie von einer fiktiven Anna in der dritten Person. Nun sagt Judith Kerr: „Ich“. Und so, wie sie sich in den Kinder- und Jugendbüchern um einen Tonfall bemühte, der Bedrohung, Angst und Verlust lesbar sein ließ, schreibt sie nun zwar deutlicher von Not und Sorge, aber doch vom sicheren Hafen des erfüllten Lebens aus. 

Judith Kerr sah stets das Zeichnen als ihre wichtigste Tätigkeit. Deshalb stehen die „Geschöpfe“ im Titel. In der englischsprachigen Welt ist sie beliebt als die künstlerische Mutter des Katers Mog, der immer neue Abenteuer durchlebte (ein Sammelband erscheint jetzt auch zum Geburtstag) und etlicher anderer Gestalten, wiedererkennbar originell gezeichnet und koloriert. 

Hier schreibt sie von ihren allerersten Versuchen, die ihre Mutter schätzte und aufbewahrte: „Es ist für mich immer noch sehr bewegend, dass sie, als wir 1933 aus Deutschland fliehen mussten, diese Bilder mit zu den Dingen legte, die zu retten ihr am wichtigsten erschienen.“ Sie erzählt mit Anekdoten gewürzt, wie sie nach einigen Widerständen Kunst studieren konnte, sich mit Stoffentwürfen über Wasser hielt, wie sie zum Geldverdienen zur BBC wechselte und dort ihren späteren Mann kennenlernte. 

Mit ihrem Mann habe sie, als die Kinder aus dem Haus waren, oft Zimmer an Zimmer gearbeitet, denn er schrieb Drehbücher, dabei ihnen sei „niemals der Gesprächsstoff ausgegangen“. Von dem ersten Buch an, das sie schrieb, als sie ihre Kinder zu Hause betreute, war er ihr Berater. Überhaupt scheut sie sich nicht, zu sagen, in welchen Fragen sie Hilfe suchte. Judith Kerr gehört offensichtlich zu den Menschen, die gerne lernen, die am Gewohnten zweifeln und versuchen, immer noch besser zu werden. 

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