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Jubiläum Wagenbach Kleiner Verlag, aber kein Verlag fürs Kleine

Zum fünfzigjährigen Jubliäum des kleinen Berliner Verlages Wagenbach kommt ein dünnes, aber literaturstarkes Büchlein heraus, mit 1300 Titeln von namhaften Autoren.

Klaus Wagenbach und seine Frau Susanne Schüssler Foto: Christian Schulz

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Zum 50. Geburtstag des Wagenbach-Verlags erscheint auch einer jener schwarzen Bände, wie die berühmten Quarthefte welche waren. Also Wolf Biermanns „Der Dra-Dra“ oder Pasolinis Freibeuterschriften oder der jahre-, jahrelange Bestseller mitten in den neuen Liebesverhältnissen: Erich Frieds im Jahre 1983 erschienenes Buch „Es ist was es ist“.

Buchstäblich Wagenbach“ bringt kurze, kürzeste Passagen aus Büchern von Ingeborg Bachmann („Ein Ort für Zufälle“) bis Andreas Tönnesmann („Monoply“). Es ist eine beeindruckende Leistungsschau: Héctor Abad, Djuna Barnes, Giorgio Bassani, Alan Bennett, Johannes Bobrowski, Fernand Braudel, Horst Bredekamp, Peter Brückner, Luis Buñuel, Peter Burke. Das sind nur die Buchstaben A und B. Und schon da habe ich Vitaliano Brancati übersehen, ohne den der italienische Süden nicht zu verstehen ist. Es fehlen auch Hannah Arendt und der Filmregisseur, der ein großer Erzähler kleiner Geschichten war: Michelangelo Antonioni. Es sind insgesamt schließlich mehr als 1300 Titel.

Wagenbach ist nicht der Verlag fürs Kleine

Kleine Geschichten. Das ist ein Stichwort. Klaus Wagenbach kokettiert gerne damit, dass die wahren Bücher kurze Bücher seien. Diese Sicht liegt nahe, wenn man einen kleinen Verlag hat und darum davor zurückscheuen muss, gar zu sehr auf den Erfolg eines einzigen dicken Buches zu setzen.

„Buchstäblich Wagenbach“ hat 224 Seiten. Aber kaum ein Text darin erstreckt sich über mehr als eine Seite. Dazwischen jede Menge Fotos. Auf ihnen sind nicht nur die Autoren des Verlages zu sehen: Norberto Bobbio, Michel Houellebecq, A.L. Kennedy, Javier Tomeo und so weiter, sondern auch Verlegerfreunde und die Verlagsmitarbeiter. Man stöbert darin und wird eingefangen. Wird in dem Band blätternd zu einem Teil der Familie. Man geht diesen kunstvollen Schnipseln auf den Leim.

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Wagenbach ist nicht der Verlag fürs Kleine. Da ist „Die Stadt im 20. Jahrhundert – Visionen, Entwürfe, Gebautes“ von Vittorio Magnago Lampugnani, dem in Zürich lehrenden römischen Architekturhistoriker. Und dann ist da das Wunderwerk: Giorgio Vasaris Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten. Eines der wichtigsten Bücher Europas. Die schönste, beste Ausgabe dieses italienischen Buches erscheint bei Wagenbach. In bisher, wenn ich mich nicht verzählt habe, 41 Bänden. Endlich liest man nicht nur den Text Vasaris, sondern es werden einem alle Begriffe erläutert, man erfährt, wo die Bilder heute sind und man kann sich viele, viele von ihnen ansehen. So ein Werk macht nur ein Verrückter.

Seit 2008 gibt es auch wieder eine politische Buchreihe. Die scheint nur schwerblütig voranzukommen. Aber wer weiß, vielleicht ist in diesem Herbst etwas dabei wie „Guerilla. Theorie und Methode“ von Ernesto Che Guevara. Das ist ein Titel aus dem Verlagsprogramm von 1968. Allerdings: Nur Klaus Wagenbach weiß, wie gut das Buch sich damals wirklich verkaufte. Ich und meine Freunde – wir hatten es alle gelesen. Aber wir waren eine kleine, radikale Minderheit.

In „Buchstäblich Wagenbach“ wird daraus nicht zitiert. Aber es gibt eine kleine Passage aus Aimé Césaires „Über den Kolonialismus“, gleich neben Giorgio Manganellis „Niederauffahrt“. Das war und das ist das Schöne an Wagenbach, dass das Nebeneinander möglich ist. Nicht aus Interesselosigkeit, aus – Klaus Wagenbach wird das Wort noch kennen – „repressiver Toleranz“, sondern im Gegenteil aus Liebe zum Widerspruch und aus Interesse an seiner Entwicklung.

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