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Jubiläum der "Quinzaine littéraire" Aus Treue zu Maurice Nadeau

Eine der bedeutesten literarischen Zeitschriften Europas: Unlänst erschien die 1000. Ausgabe der Quinzaine littéraire. Seit vierzig Jahren schreiben die Mitarbeiter aus purer Freude an der Sache.

29.09.2009 00:09
Georges-Arthur Goldschmidt
François Erval und Maurice Nadeau (rechts). Foto: Gilles Nadeau

Unlängst ist die 1000. Nummer der Quinzaine littéraire erschienen, eine der bedeutendsten literarischen Zeitschriften Europas. Sie wurde 1966 von Maurice Nadeau und François Erval gegründet, der sich nach kurzer Zeit zurückzog; seitdem leitet der heute achtundneunzigjährige Maurice Nadeau mit immer noch dem selben frischen Enthusiasmus die Zeitung. Nadeau nennt die Quinzaine immer eine Zeitung, sie ist es in Kleinformat, und nicht Zeitschrift; er will sie möglichst verbreitet unter die Leute bringen, und trotz der ausgesuchten Qualität der Beiträge soll sie nie als elitär oder spezialisiert bewertet werden.

Eine wache Unabhängigkeit

So versammeln sich um Maurice Nadeau reguläre oder gelegentliche Mitarbeiter, die aus den verschiedensten Bereichen stammen und alle irgend etwas an den Mann zu bringen haben, die alle etwas zu verteidigen haben, die sich mit Begeisterung einer Sache verschreiben. Seit vierzig Jahren haben etliche Mitarbeiter Hunderte von Aufsätzen geschrieben nur aus Freude an der Sache, denn kein einziger, so berühmt sein Name sei, wird je bezahlt, alle schreiben immer umsonst aus Freundschaft zu Nadeau und auch, weil sich alle ohne besonders scharf umgrenzte Richtung in demselben Klima der Vernunft und der Unvoreingenommenheit des Denkens bewegen. Das erlaubt der Quinzaine littéraire, nie die wirklich bedeutenden Ereignisse des geistigen Lebens aus den Augen zu verlieren.

Manchmal geht es der Quinzaine ganz besonders schlecht, wenn sie umziehen muss und nicht genug Mittel dafür aufbringen kann, oder wenn die Kosten so sehr steigen, dass sie in ihrer Existenz bedroht ist. Dann springen immer wieder die Leser ein und halten sie immer zum Glück eine kurze Zeit über Wasser: Ein Beweis ihrer unersetzlichen Bedeutung. Das Literaturmagazin lebt nur dank seiner Leser und durch ihre Beiträge, daher die wachsame Unabhängigkeit der Zeitung, die links situiert ist, sich aber nie kritiklos und unreflektiert irgendeiner Tendenz unterwirft.

Im literarischen, philosophischen oder soziologischen Bereich dürfte ihr recht wenig entgangen sein, so z. B. hat die Zeitung von Anfang an deutsche Autoren rezensiert und gefördert, die ohne sie unbekannt geblieben wären, wie Arno Schmidt dessen ersten Verleger (gleichzeitig mit Christian Bourgois) Maurice Nadeau gewesen ist, der auch unter der Feder von Claude Mouchard den ersten Aufsatz über Schmidt 1991 in der Quinzaine veröffentlichen ließ. Peter Härtling, Jürgen Becker oder Hanns Henny Jahnn wurden bereits, und zwar zum ersten mal in der französischen Presse, in der Quinzaine rezensiert. Von Karl Philipp Moritz bis Elfriede Jellinek über Karl Kraus und Thomas Mann - fast alle bedeutenden Namen des deutschen Sprachbereiches wurden in der "QL" besprochen, als letztes die großartige Neuübersetzung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" durch Olivier Le Lay.

In jedem Bereich, sei es in der Philosophie, sei es in den sogenannten exakten Wissenschaften, sind die in der Quinzaine erscheinenden Aufsätze immer auf unerwartete Weise zugleich neu und dingfest. Es werden unterschiedliche Standpunkte in Betracht gezogen, die ansonsten Gefahr liefen kaum berücksichtigt zu werden, etwa weil die entsprechenden Werke bei kleinen oft wenig beachteten Verlagen erscheinen oder Fragen berühren, die selten bis in die Öffentlichkeit vordringen können.

Vierzig Jahre nach ihrer Gründung immer noch fit und treu am Ruder, leitet Maurice Nadeau weiterhin mit Humor und Eleganz seine Zeitung, an welcher mehr als achthundert verschiedene Mitarbeiter aus den verschiedensten Bereichen des Wissens, der Literatur und der Kunst mit gearbeitet haben.

Georges-Arthur Goldschmidt, geb. 1928 in Reinbek, lebt als Schriftsteller, Essayist und Übersetzer in Paris.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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