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Josip Broz Tito Biografie Wie gemacht für Gedenkmünzen

Eine sachte lenkende Biografie über Jugoslawiens langjährigen Staatschef Josip Broz Tito und sein System von Genossen.

Er verstand die Weltpolitik wie kein zweiter: Josip Broz Tito im Oktober 1944. Foto: AFP

Ein 700-Seiten Wälzer über einen kommunistischen Staats- und Parteichef der Nachkriegszeit bekommt von jedem Verlagsagenten die Prognose, wie Blei in den Regalen zu liegen. Tito war allerdings schon immer ein bisschen anders. Die 40 Euro teure Biografie des slowenisch-italienischen Historikers Joze Pirjevec steht seit ihrem Erscheinen 2011 in jedem slowenischen Bücherschrank und wurde im armen und angeblich streng antijugoslawischen Kroatien unglaubliche 23 000 Mal verkauft. Seit im Frühjahr die schlauen Montenegriner für nur fünf Euro eine Taschenbuchausgabe herausgegeben haben, dürfte das Werk bald auch in den tiefsten Schluchten des Balkan zu finden sein.

Warum nur? Es kann nur an Tito selbst liegen. Sein Biograf Pirjevec gibt dem Turbo-Boulevard, der überall in der Region die Öffentlichkeit beherrscht, wenig Zucker. Viele Details, die er bei gründlichem Archivstudium unter anderem in Moskau gefunden hat, interessieren nur Spezialisten. Ein süffiger Exkurs über Titos Frauen wurde – erwartungsgemäß – in der Presse breit ausgewalzt. In Kroatien kursierte eine Woche lang das aufregende Gerücht, Tito habe Stalin umgebracht. Dabei war es nur die kühne Deutung einer Textstelle in Pirjevec’ Biografie.

Selbst der Rezensent der seriösen „Mladina“ in Ljubljana hätte statt der 700 Seiten lieber einen schlanken, pointierten Essay gelesen und befindet, Pirjevec sei „einfach zu viel“. Die Verlagsagenten aber hatten schon umgedacht. Inzwischen liegt das voluminöse Werk in italienischer und jetzt auch in deutscher Sprache vor – übertragen vom sach- und landeskundigen Klaus Detlef Olof, aber leider sehr schlampig korrigiert.

Die Geschichte eines Freundeskreises

„Die Biografie“, so der deutsche Untertitel, ist in Wirklichkeit die Geschichte eines kleinen Freundeskreises, der erfolgreich einen Befreiungskrieg ausgefochten, eine ganze Generation lang Jugoslawien beherrscht und ein bisschen auch die Welt verändert hat. Folgerichtig heißt das Buch im Original auch „Tito und Genossen“, und als solches ist es seinen Umfang wert. Zu den „fabulous four“, die zu einer Zeit auch einmal fünf oder sechs waren, zählten anfangs Milovan Djilas, der Träumer, Edvard Kardelj, der Denker, und Aleksandar Rankovic, der Exekutor. Tito, „der Alte“, wie sie ihn nannten, war fast 20 Jahre älter als die anderen und brauchte sie alle. Er entschied, wer wann zum Zuge kam und wer nicht. Djilas fiel 1954 in Ungnade, Rankovic 1966.

Das System setzte ein Talent zur Freundschaft voraus, über das Tito in reichem Maße verfügte. Es erforderte aber auch einen Mann an der Spitze, der letzten Endes dann doch alles, auch die Freundschaft, der Macht unterordnete. Das System zerbrach, als der große Koordinator mit den Jüngeren nichts mehr anfangen konnte, Impulse nicht mehr aufnahm und vereinsamte. 1972, konstatiert Pirjevec zu Recht, waren Tito, der Sozialismus und ganz Jugoslawien am Ende. Tito selbst wusste das und musste noch acht Jahre weiterleben.

Pirjevec bändigt die Detailfülle, indem er fast ganz chronologisch vorgeht. Das macht es dem Leser leicht, in eigene Gedanken abzudriften. Der Autor lenkt ihn nur ganz sachte, steile Thesen sind seine Sache nicht. An keiner Stelle gibt der in Triest aufgewachsene und dort lebende Slowene sich auch den Gefühlen hin, die sich bei Ex-Jugoslawen seiner Generation einstellen, wenn die Rede auf Tito kommt. Die Massenmorde gleich nach dem Krieg, die Tito anordnete, waren aus der Sicht des engeren Kreises nicht viel mehr als ein Schachzug, vergleichbar vielleicht einer Resolution auf einer Konferenz der Blockfreien. So liest es sich denn auch im Buch. Nie stellt der Autor sich außerhalb und fällt historische Urteile.

Der Schlosser mit den hellblauen Augen

Ein Rätsel bleibt die Faszination, die der Kleinbauernsohn Josip Broz aus dem kroatischen Zagorje bei allen Zeitgenossen auslöste und die bis über seinen Tod hinaus wirksam bleibt. Willy Brandt, Churchill, Königin Elisabeth II. und sogar Breschnjew waren hingerissen von dem Schlosser mit den hellblauen Augen, der als russischer Kriegsgefangener Klavier spielen gelernt hatte und Puschkin-Gedichte aufsagen konnte.

Was an Titos Faszination nur Mythos ist, dekonstruiert Pirjevec, wie es sich für einen ordentlichen Wissenschaftler gehört. Zwar hat Tito im Krieg den Deutschen viele Schnippchen geschlagen, aber als sie ihn bei der dramatischen „Operation Rösslsprung“ fast schnappten, gab er keine sehr heldische Vorstellung. Er brach tapfer mit Stalin, ähnelte ihm aber in seinem Misstrauen und sogar in seinen Methoden. Der berühmte „dritte Weg“ zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft sah nur auf dem Papier gut aus und führte in Wirklichkeit in eine gigantische, bis heute nicht überwundene Korruption.

Tito ließ mehr Demokratie zu als jeder andere KP-Chef. Er beraubte dann sein Land aber seiner besseren Möglichkeiten, als er nach 1970 eine hoffnungsfrohe Generation von Reformkommunisten zerschlug. Er verstand die Weltpolitik wie kein zweiter und zog es dann vor, monatelang auf seiner Jacht durch warme Meere zu kreuzen, Havannas zu rauchen und sich von anmutigen jungen Frauen massieren zu lassen.

Aber es war eben nicht alles nur Mythos. Pirjevec stellt sich dem Charisma, das Tito verströmte und das weder in der Inszenierung noch in der naiven Gläubigkeit der Landsleute ganz aufgeht. Er sucht das Geheimnis – vergeblich – in Titos Persönlichkeit, seinen Augen, seinem Witz, seiner Wachsamkeit, seinen gemeißelten Gesichtszügen, die wie gemacht waren für Büsten und Gedenkmünzen. Tito, betont Pirjevec, war und blieb zeitlebens Kommunist. Letztlich wird es die Hoffnung auf eine bessere Welt gewesen sein, die dem Machtmenschen seine Anhänger zutrieb wie heute dem Buch seine Leser.

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