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José Saramagos letzte Erzählung Der elegante Spötter

"Die Reise des Elefanten" ist immer wieder von herrlichen Sottisen gegen den christlichen Glauben durchzogen, die von dessen Anhängern vermutlich als Blasphemie gegeißelt würden. Von Daland Segler

Da werden die Wiener im Jahr 1552 gestaunt haben ... Foto: austria lexikon

"Darin liegt jedoch der große Irrtum des Himmels, da für ihn selbst nichts unmöglich ist, glaubt er, die angeblich nach dem Vorbild seines allmächtige Bewohners geschaffenen Menschen verfügen über dasselbe Prinzip." Kein Wunder, dass einen Mann, der solche Sätze schreibt, der Zorn der Kirche bis ans Lebensende verfolgt. Was José Saramago nicht daran gehindert hat, noch im letzten Roman seinem entspannten Atheismus gebührend Platz einzuräumen.

Und so ist "Die Reise des Elefanten" immer wieder von herrlichen Sottisen gegen den christlichen Glauben durchzogen, die von dessen Anhängern vermutlich als Blasphemie gegeißelt würden. Wessen sich der große Portugiese nicht nur bewusst war, sondern was er auch beinahe lustvoll provozierte, wenn er bei der von den Soldaten, die den Elefanten begleiten, ersehnten Ankunft im Grenzkaff Castelo Rodrigo formuliert: "Fast sind wir versucht wie dieser andere zu sagen, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein".

José Saramago wird nun vielleicht wissen, wie es in dem von ihm des Irrtums geziehenen Himmel zugeht, er ist vergangene Woche 87-jährig gestorben. Und sein neuer Verlag Hoffmann & Campe hat den traurigen Anlass genutzt, ein wenig geschäftlichen Honig aus den überall erschienenen Elogen zu saugen und "Die Reise des Elefanten" nicht wie geplant am 17. August, sondern schon jetzt erscheinen zu lassen.

Das ist so verständlich wie löblich, denn so bekommt die als "Roman" etikettierte Erzählung womöglich noch ein paar Leser mehr. Und die hat sie verdient. Denn die knapp 240 Seiten bieten eine äußerst vergnügliche, kurzweilige und bisweilen gar lehrreiche Lektüre: Wer wüsste schon von den unangenehmen Nebenwirkungen des Vogelknöterichs, oder wie die Hindu-Gottheit Ganesha zu ihrem Elefantenkopf kam.

Schon der Stoff selbst dürfte wenig bekannt sein: Tatsächlich hat es im 16. Jahrhundert die Überführung eines Elefanten von Lissabon nach Wien gegeben. Der portugiesische König Johann der Dritte ließ ihn 1551 als Geschenk an den österreichischen Erzherzog und späteren Kaiser Maximilian schicken, und Saramago, der nach eigenem Bekunden von der Portugiesisch-Lektorin Gilda Lopes Encarnacao davon erfahren hatte, erkannte da eine "schöne Geschichte".

Nun ja, es ist seine Geschichte geworden, denn selbstverständlich dient dem Autor die absonderliche Begebenheit nur dazu, wieder eine menschliche Komödie über unsere Eitelkeiten, Irrungen und Wirrungen auszubreiten. Dazu haben ihm schon in der Vergangenheit historische Stoffe gedient, so bei "Die Geschichte der Belagerung von Lissabon" (1989) und zumal bei seinem großen frühen Roman "Das Memorial", in dem er den Bau des Klosters Mafra aus der Perspektive der Arbeiter beschreibt.

Und diesen Blickwinkel behält Saramago, der zunächst als Kfz-Mechaniker arbeitete und erst Mitte vierzig zur Schriftstellerei fand, auch in "Die Reise des Elefanten" bei. Zwar gehören Anfang und Ende des Romans dem portugiesischen Königspaar (das den Dickhäuter als Geschenk ausersehen hat, weil er bloß ein Kostgänger für den Hof ist), aber Held der Geschichte ist fraglos der Mahut Subhro, der Betreuer des Elefanten. Der in Lumpen gekleidete Underdog aus Indien haust mit seinem Tier im Stadtteil Belém im Westen Lissabons, dort, wo heute das protzige Mahnmal an Heinrich den Seefahrer erinnert.

Der Mahut hat die Rolle des Bindeglieds zwischen tierischer und menschlicher Natur, gleichsam als Übersetzer, und er selbst verkörpert auch so etwas wie einen Spiegel seiner durch Vorstellungen von Ordnung und Hierarchie geprägten Mitreisenden. Saramagos feiner Spott prägt den Blick auf Adel und Militär, die sich als Spitze der Zivilisation wähnen und deshalb ein ums andere Mal mit Unverständnis auf die ursprünglichen Bedürfnisse des Tieres reagieren, so dass etwa Erzherzog Maximilian schließlich einen kaum noch zu unterdrückenden Zorn auf sein Geschenk und dessen Pfleger entwickelt: Der Elefant, Salomon mit Namen, ist ihm schlicht zu langsam auf dem Weg durch die österreichischen Gebirge - womöglich hatte es Maximilian versäumt, Berichte über Hannibals Alpenüberquerung zu lesen...

Die Schilderung des Wegs von Lissabon über das spanische Valladolid (wo Maximilian residiert) bis nach Wien füttert der Autor mit der ihm eigenen Ironie und kurzen, nadelstichartigen Betrachtungen über die menschliche Natur an, und er tut das mit einer Eleganz, die ihresgleichen sucht.

Dazu gehören auch der Wechsel der Erzähl- und Zeitebenen und ein leichthändiges Spiel mit der Rolle des Erzählers selbst. Und selbstredend beziehen sich solche Kommentare auch auf die Gegenwart, etwa die beinahe doch bittere Abrechnung mit dem Einbruch der Anglizismen in den portugiesischen Alltag an der Touristenküste Algarve.

Auf den Punkt aber kommen Saramagos Umgang mit Ironie, Scherz und doppelter Bedeutung bei einem Zitat der chilenischen Sozialisten, das Saramago ausgerechnet einem katholischen Priester in den Mund legt: "Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden."

Und wir könnten das Buch mit einem Lächeln zur Seite legen, würden wir uns nicht an die Widmung erinnern, die ihm vorangestellt ist: "Für Pilar, die nicht zugelassen hat, dass ich sterbe."

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