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John Williams „Butcher’s Crossing“ Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf

Das große Abschlachten: In „Butcher’s Crossing“ schickt John Williams einen jungen Idealisten in die Hölle der Wildwest-Realität.

12.05.2015 15:14
Christoph Schröder
An American bison stands in the grasslands of the Janos Biosphere Reserve in Janos
Amerikanisches Idyll. Die Figuren in John Williams’ „Butcher’s Crossing“ stellen sich das noch so vor. Die Realität holt sie böse ein. Foto: REUTERS

Das Handwerk des Tötens, so sieht es aus: „Miller hob die Hände brusthoch und öffnete sie. Der Zeigefinger der rechten Hand war geschwollen und in Richtung Handteller gekrümmt; langsam streckte er ihn und richtete ihn auf.“ Dieser Zeigefinger hatte zuvor am Abzug eines Gewehrs gelegen, einen Tag und eine Nacht lang; über die linke Hand zieht sich eine lange Brandblase, verursacht von der Hitze des Gewehrlaufs. Das Werk ist verrichtet.

Mit der Übersetzung von „Stoner“, John Williams’ 1965 im Original erschienenem Campusroman, landete der Deutsche Taschenbuch Verlag im Jahr 2013 einen überraschenden Bestseller. Nun hat der Verlag einen früheren Roman des 1994 verstorbenen Williams nachgelegt: „Butcher’s Crossing“, erstmals 1960 publiziert, ist ein düsteres, verstörendes und zugleich höchst fesselndes Buch; ein Abgesang auf amerikanische Mythen und ein negativer Bildungsroman zugleich. Denn der Mann, der da zu Beginn der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts nach Kansas kommt, nach Butcher’s Crossing, einer Kleinstadt, in der der Handel blüht und alle auf den Anschluss auf die Eisenbahn warten, ist bis unter den Scheitel angefüllt mit Idealen. Und mit Literatur.

Will Andrews, 23 Jahre alt, Sohn eines Predigers, Harvard-Student und begeisterter Leser der Werke Ralph Waldo Emersons, hat die beschwerliche Kutschfahrt in den Westen angetreten, um in der Schönheit der vermeintlich unberührten Natur sich selbst zu entdecken: „Es war ein Gefühl, ein Drang, den er benennen musste, obwohl er wusste, was immer er auch sagte, es wäre letztlich doch nur ein anderes Wort für die Wildheit, nach der er suchte. Es ging ihm um Freiheit und das Gute, um Hoffnung und eine Lebenskraft, die allem Altbekannten in seinem Leben zu unterliegen schien, das weder frei noch gut oder lebendig war.“

Und der Finger im Abzug

John Williams richtet sich zunächst ganz bewusst, geradezu hinterlistig in den Stereotypen des Westerngenres ein. Er lullt auch uns darin ein, auf dass das Erwachen umso schmerzhafter werden möge. In Butcher’s Crossing trifft Andrews eine fatale Entscheidung: Er tut sich mit einem Mann namens Miller zusammen, der von einer gewaltigen Büffelherde in den Bergen von Colorado schwärmt, die er vor Jahren einmal gesehen haben will.

Miller, die personifizierte Gier, braucht jemanden, der ihm die Expedition vorfinanziert; Andrews wiederum verfügt über Geld und Abenteuerlust. Ergänzt durch Millers Faktotum Charley Hoge und den deutschstämmigen Häuter Schneider, bricht das Quartett auf, das Versprechen eines örtlichen Fellhändlers in der Tasche, der nach ihrer Rückkehr gutes Geld für die Büffelhäute bezahlen will.

Doch eine Zeitenwende hat bereits stattgefunden. Nur weiß das noch niemand. Was John Williams inszeniert, ist der harte Zusammenstoß von idealistischen Bildern in Andrews Kopf (und möglicherweise auch in dem des Lesers) und einer sehr anderen Realität, die erbarmungslos über Miller und seine Mannschaft hereinbricht.

Daraus wiederum hat Williams einen großartigen Roman gemacht. Sie erreichen tatsächlich das Tal in Colorado, von dem Miller erzählt hat, nach vielen Mühen und Beschwernissen. Sie finden die gigantische Büffelherde. Und was nun einsetzt, ist ein mechanisches, geradezu fließbandartiges Abschlachten. Der Zeigefinger am Abzug. Der Finger, der sich nur noch schwer geradebiegen lässt.

Man kennt solche großen Panoramen von Grausamkeit aus den Romanen von Cormac McCarthy. Auch dessen Roman „Die Abendröte im Westen“ ist exakt an jenem Umschlagpunkt angesiedelt, an dem der Gedanke von unbegrenzter Freiheit im Wilden Westen ad absurdum geführt wird. Williams’ Sprache ist weniger aufgeladen und bildreich als die McCarthys, trotzdem erreicht auch „Butcher’s Crossing“ in seiner stoischen Beschreibung von Gewalt und Entbehrungen eine hohe Intensität.

Sie werden eingeschneit in den Bergen und kehren nach vielen Monaten zurück. Sie werden Verluste erlitten haben, in jeder Hinsicht. Vor allem aber wird der junge Will Andrews seinem Ziel ein großes Stück näher gekommen sein: In der Natur hat er sich selbst und seine eigene Natur als Mensch erkannt. Und das ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte.

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