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Johannes Fried "Dies irae" Die Erde ist schlecht

Und nirgends Rettung? Der Historiker Johannes Fried erforscht mit vielen Details, aber mit einseitiger These die Geschichte des Weltuntergangs.

05.08.2016 16:28
Dirk Pilz
Holzschnitt "Die Apokalyptischen Reiter" aus der Zerbster Prunkbibel oder Cranachbibel von 1534. Foto: © epd-bild / akg-images

Nehmen wir Ted Turner, den Gründer des US-amerikanischen Senders CNN. Er gab die Devise aus: „Wir bleiben auf Sendung, bis zum Ende der Welt.“ Oder lesen wir Augustinus: Er zweifelte nie, dass diese unsere Welt „vollständig im Feuer vergehen wird“. Thomas Müntzer rief zu Beginn des 16. Jahrhunderts: „Wir dürfen nicht länger schlafen!“, denn das Ende sei nah. Luther, sein Widersacher, tat es ihm darin gleich. Er setzte sich hin und rechnete: 1524 erwartete er den Weltuntergang, dann 1532, dann 1534. Er irrte sich, wie viele andere, aber die Folgejahrhunderte haben nicht weniger an das Weltende geglaubt, bis heute. Lars von Trier lässt in seinem Film „Melancholia“ den lutherischen Satz sagen „Die Erde ist schlecht“, sie gehe mit Gründen unter. Iron Maiden singen in festester Überzeugung: „The fire’s burning bright“.

Ja, die Feuer des Niedergangs brennen überall und zu jeder Zeit: Die Emotionsmuster und Denkfiguren des Weltuntergangs haben sich, aller Aufklärung und Wissenschaft zum Trotz, behauptet. Das ist der Befund, den der Frankfurter Historiker, Mittelalterspezialist und Ideengeschichtler Johannes Fried mit seinem Buch „Dies irae“ illustriert. Sie ist rasch belegt und lässt sich leicht ausschmücken – die Geschichte des Weltuntergangs ist gut erforscht. Fried kann aus einem reichen Fundus schöpfen, er tut es auch reichlich. Der Weltuntergang, sagt er, sitzt tief, jahrtausendtief in den Glaubensschichten der westlichen Kultur. Wie tief, ist aus diesem Buch einmal mehr zu ersehen. Es mag mitunter wie ein etwas hektisch zusammengestellter Zettelkasten wirken, indem es Zitate und Verweise aneinanderreiht, seine Liste der Weltuntergänge ist dennoch beeindruckend.

Aber Fried versammelt nicht nur Belegstellen für das Weltuntergangsdenken, er untersucht die Quellen, aus denen es entsteht. Und er findet es in der Geschichte des Christentums – „die ganze Welt, das gesamte geistige Umfeld des frühen Christentums“ sieht Fried von „Heilshoffnungen und Untergangserwartungen“ erfüllt. Mit einigem Recht, auch wenn das Frieds Wahrnehmung der spätantiken Debatten allein durch die christliche Brille verrät. Entscheidend ist für ihn jedoch, dass die Erwartung des Weltendes eine zukunftsstiftende Dialektik freisetzt: Um den Weltuntergang zu wissen, heißt immer auch, an seinem Aufschub zu arbeiten, ist stets also zugleich „Appell zur Gestaltung des Lebens, zum Ausgreifen auf die Welt, zum Ringen um deren Fortbestand“, letztlich zur „Erforschung von Himmel und Erde, zu wissenschaftlichem Denken, zur Planung der Zukunft“.

Katalysator für Aufklärung

Der „Weltuntergang“ firmiert in der Geschichte damit nicht nur als überaus „wandlungsfähiger Deutungskomplex“, sondern befördert, ermöglicht vielleicht erst das rationale Denken. Das ist Frieds Pointe. Mit ihr kann er erklären, warum die Erwartung des Weltuntergangs bis heute aktuell ist – und warum sie zum Katalysator für Fortschritt und Aufklärung wurde.

Die These hat einiges für sich, aber Fried geht mit ihr vor dem von ihm aufgehäuften Material in die Knie: Weil er überall Hinweise auf den Weltuntergang findet, glaubt er alles vom Denkmuster des Weltuntergangs durchsetzt. Dass bis „tief in die Neuzeit“ kein Gläubiger an der Wahrheit der „Gerichts- und Endzeit-Botschaft“ zweifelte, ist jedenfalls nachweislich falsch; dass diese Botschaft „auf alle Sinnsuche“ Antwort gab, auch. Dass sich mit ihr jede spätere Generation von Gläubigen auseinandersetzen musste, wie Fried gleich darauf schreibt, ist sicher zutreffend. Nur heißt das eben nicht, dass damit Antworten auf alle Sinnsuchen gegeben wurden.

Es sind solche Widersprüche, die dem Buch auf die Füße fallen – teilweise sehr genaue, gelungene Beschreibungen wechseln ab mit schroffen Pauschalisierungen. Ein Lektorat hätte geholfen, begriffliche Zurückhaltung auch. Von einer „Ethik des Jüngsten Tages“ zu sprechen, ist eine der Vereinseitigungen, die entstehen, wenn man die Geschichte vornehmlich von einer Seite aus betrachtet.

Dennoch, es lässt sich aus diesem Buch lernen, wie das Reden vom Weltuntergang Geschichte gemacht hat, welche praktischen, handfesten Folgen es hatte – und bis heute hat. Das religiöse Deutungsmuster „Weltuntergang“ hat nichts an Anziehungskraft verloren, es ist in die Wissenschaft, die Politik, den Pop, die Alltagskultur eingesickert – und wird stets aufs Neue reaktiviert, gegenwärtig auffälligerweise besonders intensiv.

Der nächste Weltuntergang kommt so gesehen gewiss. Das jedoch ist eine tröstliche Botschaft, denn mit ihm kommt auch eine neue Zukunftserzählung.

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs. C.H. Beck, München 2016. 352 Seiten, 26,95 Euro.

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