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Joachim Radkau Klimawandel? „Im Grunde ihres Herzens glauben viele nicht daran“

Wenn der Mensch nach vorne schaut: Historiker Joachim Radkau über den Klimawandel-Streit der Moderne, den Pessimismus in der Nachkriegszeit und den atomaren Optimismus in den 1950ern.

TV Turm in Sarajevo
Unter all dem Smog liegt Sarajevo. Nur der Fernsehturm schaut heraus. Foto: rtr

Herr Radkau, Sie haben eine „Geschichte der Zukunft“ geschrieben. Wir Heutige blicken sorgenvoll in die Zukunft, gerade, was die Folgen des Klimawandels betrifft. Wie sicher sind denn unsere düsteren Aussichten?
Zunächst eine Anekdote: Im Sommer 1976 machte ich mit meinen Studenten eine Exkursion in die Provence, es war brütend heiß. Ich hatte mir gerade die Theorie des Global warming angelesen, die in dieser Hitze sehr plausibel wirkte, und trug diese den Studenten vor. Ein Student, der später ein Pressesprecher der Grünen wurde, sagte damals, das sei alles großer Quatsch, es sei klar nachgewiesen, dass jetzt eine neue Eiszeit komme. Es habe bereits Abkühlungen gegeben. Anfang der 80er Jahre hieß es noch: Die nächste Eiszeit kommt bestimmt. 

Die heutigen Befürworter der These waren früher ihre schärfsten Kritiker?
Die Global-warming-Theorie ist unter meinen Kollegen am frühesten von einem Befürworter der Schnellen Brüters verfochten worden. Deswegen war ich lange Zeit auch eher skeptisch, was diese Theorie angeht. Allerdings sehe ich nun, dass die überwiegende Zahl der Argumente für das Global warming spricht. 

Und Sie sind sich dabei relativ sicher?
Wir müssen doch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit daran glauben, um Gegenmaßnahmen zu treffen. Wir treffen doch ständig Entscheidungen aus 60- oder 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Die ständige Forderung, man müsse zu 98 Prozent daran glauben, kann ich nicht nachvollziehen. Es wäre aber besser, wenn die Vertreter der Theorie des anthropogenen Global warming sich frühzeitig auch ernsthaft mit Gegenargumenten auseinandergesetzt hätten. Vorbildlich finde ich hier den Gründervater des IPCC (Weltklimarats, d. Red.), Bert Bolin. 

Warum gerade er?
Er hatte 2007 kurz vor seinem Tod das zum Teil memoirenhafte Buch „A History of the Science and Politics of Climate Change“ publiziert, in dem er zugibt, dass diese Prognosen doch lange Zeit sehr unsicher war. Er kritisiert sogar Angela Merkel dafür, 1995 – sie war damals Bundesumweltministerin – auf der Berliner Klimakonferenz schon zu stark auf Klimaalarm gemacht zu haben. Obwohl das damals eben noch gar nicht so sicher nachgewiesen gewesen sei. Aber gerade diese Offenheit hat mich, obwohl ich lange zu den Skeptikern zählte, dann doch überzeugt. Ich glaube, es wäre gut, wenn sich auch Vertreter der Global-warming-These in aller Öffentlichkeit mit Kritikern auseinandersetzen und nicht gleich von Klimaskeptikern reden würden. 

So tritt man am besten den Zweifeln entgegen?
Es gehört zwar zum guten Ton unter den Eliten, sich zum Glauben an das Global warming zu bekennen, im Grunde ihres Herzens glauben viele aber nicht daran. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es erstens glaubwürdiger wäre zuzugeben, was auch alle ernsthaften Klimaforscher sagen: Mit absoluter Sicherheit ist die Klimazukunft nicht vorhersehbar. Und zweitens muss man sich ernsthaft mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Wenn die These vom Global warming im vollen Umfang zutrifft, sieht die Zukunft der Welt wirklich nicht sehr gut aus. Ein Experte sagte zuletzt auf einer Tagung, dass weltweit gesehen bislang nur 0,5 Prozent der Energie mit erneuerbarer Energie erzeugt werde. Das hat mich doch ziemlich betroffen gemacht. 

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