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Jérôme Leroys „Der Block“ Reise ans Ende der Nacht

Das Buch der Stunde: Jérôme Leroys „Der Block“ erzählt von rechtsextremer Gewalt und Machtergreifung. Es muss nicht erst von Experten beschnüffelt werden, um seine Relevanz vor der Wahl in Frankreich zu beweisen.

Frankreich
Französische Rechtsextremisten demonstrieren in Lille. Foto: AFP

Der Unterschied zwischen Michel Houellebecq und Jérôme Leroy ist nicht allgemein bekannt. Vor einigen Jahren hat Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“ eine Vision entworfen, in der ein gemäßigter Islamist in Frankreich die Macht übernimmt, dem sich die dekadente Bourgeoisie – korrumpiert von der Aussicht auf Jobs und viele Frauen – umstandslos unterwirft. Der Roman war eine Satire auf die Dekadenz der französischen Gesellschaft, die dank der sehr realen Angst vor der vermeintlich drohenden Islamisierung Frankreichs funktionierte. Houellebecqs Roman bestimmte wochenlang die Talkshows und die Leitartikel, er war das meistverkaufte Buch der Saison, er war – mit anderen Worten – das skandalöse Lieblingsthema der Bourgeoisie.

Der Kriminalroman „Der Block“ von Leroy hingegen ist das Buch der Stunde. Es muss nicht erst von Experten beschnüffelt und von Leitartiklern abgeschmeckt werden, um seine Relevanz zu beweisen – die Katastrophe, die Leroy beschreibt, ist zu nah an der Gegenwart, um sie als Zukunftsvision zu erklären. Als sein Buch 2011 erschien, war der rechtsextreme Front Nationale schon stark, aber das beherrschende Thema in Frankreich war die angebliche drohende Unterwanderung der Gesellschaft durch „den“ Islam. Heute aber, sechs Jahre später, steht nicht der Islam vor der Tür der Gesellschaft, sondern der Front National (FN) vor der Treppe des Präsidentenpalastes: Bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ist das höchste Staatsamt für die FN-Vorsitzende Marine Le Pen in Reichweite. Sollte sie die Wahl gewinnen und ihre rassistische, islamo- und homophobe Partei in der Folge die Macht im Land übernehmen, würde Frankreich nicht nur sein Gesicht als liberale Demokratie verlieren, sondern auch seine Sprache – gesprochen würde künftig die Sprache der Gewalt.

Sie hat im Buch Leroys, das jetzt in einer deutschen Ausgabe erschienen ist, bereits die Macht übernommen. Im Szenario, das er beschreibt, droht Frankreich in den Kämpfen in den Banlieues, in den Randzonen der Großstädte, zwischen Aufständischen und Militärpolizei zu versinken. Die Zahl der Toten steigt von Tag zu Tag, das Fernsehen blendet oben rechts auf dem Bildschirm die aktuellen Zahlen ein, zu Beginn des Romans sind es 752, am Ende werden es fast 800 sein. Sind das nur zahlreiche Gewaltexzesse oder ist das schon Bürgerkrieg?

Die rechts-konservative Regierung droht jedenfalls die Kontrolle zu verlieren und sucht ihr Heil in der Flucht in eine Koalition mit dem rechtsextremen „Patriotischen Block“, der im Roman nur deshalb nicht FN heißt, weil der Autor juristische Probleme mit den Rechtsextremisten vermeiden wollte. In der Nacht, von der Leroy erzählt, wird die Vorsitzende des „Blocks“, Agnès Dorgelles, die Macht ergreifen und die Regierung mit zehn Parteifreunden als Minister übernehmen. In dieser Nacht entscheidet sich nicht nur das Schicksal Frankreichs, sondern auch Antoine Maynards und Stankos. Beide finden keinen Schlaf. Antoine, der Ehemann Dorgelles, wartet in seinem Luxus-Apartment auf seine Berufung zum Staatssekretär, Stanko wartet auf den Tod. Er war jahrelang der Chef der Schlägertruppe des Blocks, enger Freund Antoines, jetzt ist sein Leben der Preis, den seine Partei für ihre Eroberung der Macht an den Koalitionspartner zu entrichten hat.

Die Tragödie, von der Leroy erzählt, ist auch das Strukturprinzip des Romans als Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Von Anfang an steht fest, dass der Tod Stankos unausweichlich ist. Stanko, der in einer Absteige sein Leben Revue passieren lässt, hat nie eine andere Sprache gelernt als die Sprache der Gewalt, sie ist seine Mutter- und Vatersprache, seine Lebensgrammatik, das A und O seiner Existenz. Die Verbrechen, die er verübt hat und deren Zeuge er geworden ist, waren so scheußlich, und erbarmungslos – Leroy beschreibt sie unerbittlich drastisch –, dass sie ihn als Alptraum in seinen schlaflosen Nächten verfolgen. Sein gewaltsamer Tod stand von Anfang an auf seinem Lebensprogramm, nicht aber, dass seine eigenen Leute ihn beschließen, auch sein Freund Antoine.

Der Mann der Parteivorsitzenden ist der Prototyp des Zynikers, der den Zynismus seiner Gesellschaftsschicht verachtet, ein Intellektueller, der seit seiner Jugend die rechtsextremen Schriften der 20er und 30er Jahre gelesen hat, zwar ohne Rassist geworden zu sein, aber ein Menschenfeind, der außer im Sex mit seiner Frau nur auf eine Weise Lust empfindet – in den Gewaltexzessen, mit denen er sich von Zeit zu Zeit an der Seite Stankos berauscht. Leroy erzählt nicht, er lässt erzählen.

Der Leser hört im Ich die Stimme Stankos, als Du spricht zu ihm die Stimme Antoines. Zwei Stimmen, ein barbarisches Gespräch, das derzeit in Frankreich überall zu hören ist: Es sind die Stimmen, die das politische Gespräch des Landes seit einiger Zeit bestimmen. Sie sorgen dafür, dass der Front National auf vierzig Prozent der Wählerstimmen kommt. Leroys Kriminalroman ist ein Noir der düstersten Sorte. Denn er zeigt, was ist.

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