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Jens Soentgen Graphitminen in der Mikrowelle

„Wie man mit dem Feuer philosophiert“: Mit diesem Buch von Jens Soentgen kommt man um die ganze Welt. Es wird selbst Chemie-Hasser begeistern.

01.03.2016 16:51
Susanne Lenz
Erste Erfahrungen mit der Farbe Rot: Illustration aus dem Buch "Wie man mit dem Feuer philosophiert". Foto: Vitali Konstantinov/Peter Hammer Verlag

Dies ist ein Buch über Chemie, das selbst Chemiehasser lieben werden, die Autorin muss es wissen. Die Abneigung schmilzt bereits mit dem ersten Kapitel dahin. Es geht darin um Elefantenscheiße. Wer hätte gedacht, dass man daraus Papier machen kann! Der Elefant verdaut so schlecht, dass seine Ausscheidungen aus 30 Prozent Zellulose bestehen. Aha! So überraschend sind viele Geschichten im Buch des Chemikers und Philosophen Jens Soentgen, das den märchenhaften Titel „Wie man mit dem Feuer philosophiert“ trägt. Sie führen einen durch Zeit und Raum, man kommt bis China, an den Amazonas, nach Afrika, ganz anders als in modernen Geschichten dieser Wissenschaft, die sich vor allem in der westlichen Welt bewegen.

Soentgens Buch handelt nicht von Weißkittelchemie. Und philosophiert wird bei ihm tatsächlich, denn auch der Chemiker oder wenigstens sein Vorläufer, der Alchimist, will ja nichts weniger als die Welt verstehen. Paracelsus (1493–1541), der große Arzt, hat das getan, indem er den Menschen als Mikrokosmos, als kleine Welt sah. „Alchemie ist die Kunst zu finden, was dem Feuer möglich ist“, schrieb er in einem seiner 246 Bücher. Bis heute hat sich daran eigentlich nichts geändert, der Bunsenbrenner ist das wichtigste Instrument des Chemikers.

Bei Soentgen ist die moderne Naturwissenschaft keine Abkehr von der Alchemie, sondern ihre Fortsetzung, auch wenn er nicht bestreitet, dass es große Unterschiede gibt. Die Alchemisten träumten davon, aus Stroh Gold zu machen, sie hatten den festen Glauben an die Umwandelbarkeit der Materie. In der modernen Chemie geht es häufig immer noch genau darum, aus einer weniger wertvollen Ausgangssubstanz etwas Wertvolles zu machen. Aus Schimmelpilzen Antibiotika etwa oder aus Luft und Kohle Kunstdünger.

Soentgens Buch ist ein Jugendbuch, es richtet sich an Leser ab 14, entsprechend einfach ist seine Ausdrucksweise, was dem Vergnügen des Erwachsenen keinerlei Abbruch tut. Nicht nur verständlich, sondern schön schreibt Soentgen, ja poetisch. Auch die kongenialen, märchenhaften Illustrationen von Vitali Konstantinov tragen zu dem Vergnügen bei. Rot und schwarz machen sie das Buch zu einem Kunstwerk. Der Trinker Paracelsus bekam von ihm eine rote Nase, das Kapitel Heroin und Aspirin schmückt er mit einem doppelköpfigen Wesen, Teufel und Krankenschwester. Ein schönes Bild für die Nähe dieser Substanzen. Was ist die Medizin, was das Gift? So klar ist das nämlich nicht.

Der Autor teilt die Geschichte der Chemie in drei große Kapitel. „Waldchemie“ führt in den Regenwald des Amazonas, in dem es von indianischen Stoffumwandlern nur so wimmelt. Viel haben sie aus der Beobachtung von Tieren gelernt. Sie haben gesehen, dass Raubvögel Rinde von Sträuchern kratzen, bevor sie jagen, und so das Pfeilgift Curare entdeckt.

Sie wissen, wie man Maniok entgiftet und mit Spucke Bier macht. Hier im Urwald nimmt die Wissenschaft ihren Ausgang. Über die Alchemie, ihre Salpeterer, Gasentdecker und Möchtegern-Goldmacher, die zwar nie das begehrte Edelmetall herstellten, von denen aber einer die Meißner Porzellanproduktion begründete, geht es zur Laborchemie, wird von Marie Curie erzählt, dem LSD-Entdecker Albert Hofmann oder Jean Paul Marat, der nicht nur die französische Revolution vorantrieb, sondern sich leidenschaftlich mit der flüchtigen Feuersubstanz beschäftigte.

Dabei stellt Soentgen seine Geschichten in einen weiten Rahmen von Kulturgeschichte. Es gibt keine neutrale Wissenschaft, auch wenn immer wieder so getan wird. Es gibt stattdessen eine direkte Verbindung vom Labor in die Welt, ja in die Politik. Die Entdeckung der Radioaktivität, ohne die es keine Atombombe gegeben hätte, ist nur ein extremes Beispiel. Paracelsus wusste das und verwandte deshalb ebenso viel Zeit wie für seine medizinischen und chemischen Forschungen für seine ethischen, theologischen und philosophischen Überlegungen.

„Chemie für Furchtlose“ lautet der Untertitel von Soentgens Buch, und der bezieht sich wohl vor allem auf dessen zweiten Teil: Experimente. Der Autor traut seinen Lesern da einiges zu. Er erklärt, wie man Blausäure aus den Blättern des Kirschlorbeer macht oder Graphitminen in der Mikrowelle in Blitze verwandelt. Dazwischen gestreut sind lehrreiche Gedankenspiele: Was sind künstliche, was natürliche Stoffe und sind erstere immer besser? Was man braucht, findet man am Wegesrand, in der Küche oder im Laden. Das ist viel besser als ein Chemiekasten

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