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Jennifer Haigh Tief unter ihrem Land

„Licht und Glut“: Die Amerikanerin Jennifer Haigh hat einen großen Roman über das Fracking und die Arbeitswelt geschrieben.

Fracking
Fracking in Amerika. Foto: afp

B akerton in Pennsylvania ist ein fiktiver Ort, aber seine Bewohner hätten in der Mehrzahl wohl Donald Trump gewählt. Denn Bakerton, wie es die 1968 geborene US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Haigh erfahren und erdacht hat – sie ist in der ehemaligen Kohle-Stadt Barnesboro, Pennsylvania, aufgewachsen -, ist in ihrem neuen Roman „Licht und Glut“ Heimat für Menschen in mühsamen Verhältnissen, die zum Beispiel als Krankenschwester, Kneipenbedienung, Gefängnisaufseher arbeiten. Haighs Bakerton wuchs einst, wie Barnesboro, zur wohlhabenden Kohlestadt, gern hätte es so weitergehen können: „Tariflöhne bedeuteten Fords und Chryslers, zweigeschossige Häuser mit versetzten Ebenen. Auf der Susquehanna Avenue machten Geschäfte auf. Die neue Highschool hatte ein Schwimmbecken von olympischen Ausmaßen.“ Aber dann lohnt sich das mit der Kohle nicht mehr, läuft der Film rückwärts: „Eine Ladenfront nach der anderen blieb dunkel.“

Ein paar Meilen entfernt wird ein Kernkraftwerk im Susquehanna River gebaut. „Das Betriebshandbuch wiegt neuneinhalb Pfund“. 1979 kommt es zu einer partiellen Kernschmelze, erhebliche Mengen an Radioaktivität werden freigesetzt. Hier bleibt die Autorin ganz nah an der Realität, der Name Three Mile Island wurde weltweit bekannt. Wieder einige Jahrzehnte später – und hier setzt Jennifer Haighs neuer Roman ein, doch immer wieder blendet sie auch zurück – tauchen junge Vertretertypen auf, ein texanisches Kennzeichen am funkelnagelneuen Dodge Ram, und bieten ein „kleines Geschäft“ an: Einen „Gaspachtvertrag“, die Erlaubnis zum Fracking. Das, versichern die smarten jungen Männer, die für Firmen mit Namen wie Energy Logistix oder Diamond Energy arbeiten, wird so weit unter ihren Häusern und ihrem Land passieren, dass sie es kaum merken werden.

Doch wie beim Kernkraftwerk, in dem am 28. März 1979 Dinge vorgehen, die „alle unmöglich“ sind, findet Shelby, die junge Frau des Gefängnisaufsehers Rich Devlin bald, dass das Wasser, das bei ihnen aus dem Hahn kommt, seltsam riecht und schmeckt. Dann muss auch Rich zugeben, dass etwas nicht stimmt, zum Beispiel dieser regenbogenfarbene Film auf dem Duschwasser. Die Devlins waren so ziemlich die ersten, die ihren Gaspachtvertrag unterschrieben. Dagegen haben sich Mack und Rena, ein lesbisches Paar mit einem Bio-Hof, standhaft geweigert – aber das Luxusrestaurant in Pittsburgh kündigt wegen des nahen – gewiss doch giftigen? – Frackings trotzdem den Vertrag mit ihnen. Von Anfang an geht ein Riss durch Bakerton: Den einen ist die Technik nicht geheuer, die anderen möchten einfach ein bisschen kassieren. Und wer würde es ihnen verdenken.

Neue Jobs für die Einheimischen gibt es gleichwohl nicht, die Bohrarbeiter sind Texaner, Mexikaner, Muskelpakete mit dickem Akzent, Tattoos und Pferdeschwanz. Abends hocken sie auch mal in der Kneipe, die offiziell noch der alte Devlin führt, aber sie haben ihr eigenes Wohnwagen-Lager und am Wochenende fliegen sie oft zu ihren Familien. Bakerton bleibt der Lärm, Gestank, bleiben die verwüsteten, bald mondartigen Landschaften.

„Licht und Glut“ („Heat & Light“, 2016) ist ein kunstvoll verschränkter, figurenreicher Roman über den Energiehunger des Menschen, aber auch ein Roman aus dem Arbeitsleben. Jennifer Haigh spannt dabei einen weiteren Bogen, als man es für möglich halten würde. Sogar eine Pastorin bringt sie mühelos, sinnvoll darin unter (die ihren Mann jung begraben muss, er hat 1979 als Kind nahe des Reaktors gelebt und gespielt). Und ob es die Männer sind – immer auf Achse, immer in Konkurrenz –, die den Leuten in diversen vielversprechenden Gegenden der USA die Pachtverträge aufschwatzen; ob es die Bohrarbeiter sind, die mitziehen mit dem großen Fracking-Zirkus; ob es die Barfrau und Gelegenheitsdealerin Gia ist oder die Krankenschwester Rena: Sie versuchen nur, über die Runden zu kommen. Und jede Lohneinbuße ist eine kleine Katastrophe.

Nur Rich Devlin muss eigentlich nicht um seinen Job bangen: Der Knast ist voll. Und wird immer voller. Seinem Vater zufolge „gibt es zwei Arten von Arbeit: die, bei der man vorher, und die, bei der man nachher duscht.“ Rich hat immer Letztere gemacht, Dächer decken zum Beispiel, aber „mehr denn je freut sich Rich auf seine Dusche nach der Arbeit, um mit dem heißesten Wasser, das er aushält, das Gefängnis von sich abzuschrubben.“

Jennifer Haigh schafft es, nicht für oder gegen ihre Figuren Partei zu ergreifen. Der Roman findet klare Worte, dennoch ist er auch dezent. In vielerlei Hinsicht erscheinen Bakerton und seine Einwohner durchschnittlich, in ganz normalem Menschenmaß. Dass sie einen außerdem von Anfang bis Ende interessieren, das ist die Kunst von „Licht und Glut“.

Jennifer Haigh : Licht und Glut. Roman. Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller. Droemer, München 2017. 480 S., 22,99 Euro.

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