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Japan Vom Glück, ein Rädchen zu sein

Sayaka Murata macht in ihrem Roman „Die Ladenhüterin“ eine absurde Geschichte begreiflich.

Sayaka Murata
Sayaka Murata, die sich in Läden, Konbini, auskennt. Foto: TakuyaSugiyama

Keiko Furukura ist eine sonderbare Frau. Und ist sich darin treu geblieben. Denn schon als Kind neigte sie zu Taten und Gefühlsregungen, die verstörend auf ihre Umwelt wirkten. Als es einmal auf dem Schulhof hieß, man müsse zwei sich balgende Jungen sofort stoppen, griff Keiko zur Schaufel und zog diese einem der Streithähne über den Schädel. Schon herrschte Ruhe. Aber für Keiko und ihre Mutter ging nun der Ärger los. Was das Mädchen überhaupt nicht einsehen konnte. Sie hatte doch nur erledigt, was gefordert war. So eine Schülerin war Keiko: Sonderbar.

Und genau so präsentiert sie sich auch noch als Frau mittleren Alters – als Ich-Erzählerin in „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata. Der Roman ist so dicht dran an den Bizarrerieren der Protagonistin, dass man tief in deren Welt hineingezogen wird und am Ende aufrichtig zu glauben vermag: Keiko ist nur dann glücklich, wenn sie ihr Leben leben kann als Aushilfskraft in einem Supermarkt. Ihr Konbini – so wird ein solcher rund um die Uhr geöffneter Laden in Japan genannt – ist ein Reich voll spezifischer Klänge und Gerüche, in dem die Tagesschicht mit einem Morgenappell beginnt und der Kunde von einem stets fröhlichen Singsang begrüßt werden muss. Hier ist alles geregelt – und nichts befriedigt Keiko mehr, als ein unentwegt schnurrendes Rädchen in diesem geschlossenen System zu sein.

Die Freizeit ist für sie vor allem dazu da, um sich auf den nächsten Einsatz vorzubereiten. Geschlafen wird nicht, um sich auszuruhen, sondern um fit zu sein für den nächsten Arbeitstag: Ware bestellen und einräumen, den Boden wischen und die Kundschaft bedienen. Um diese Aufgabe zu aller Zufriedenheit zu erfüllen, trainiert sie ihre Rolle unablässig. Perfekt imitiert sie Mimik und Tonfall eines Lehrvideos; später übernimmt sie das Vokabular einer geschätzten Vorgesetzten; und schließlich schaut sie bei anderen ab, wie man sich im Alter von 36 Jahren kleidet, schminkt, frisiert. Keiko ist die Imitation einer „normalen“ Japanerin. Nichts ist ihr lieber.

Nur eine Sache fehlt noch: ein Mann! Denn ohne Partner fällt sie auf. Aber woher nehmen? So lässt sie sich auf einen Taugenichts ein, der seine Misserfolge zu tarnen versucht mit dem Hinweis, dass sich in Japan seit der antiken Jomon-Zeit nichts verändert habe. Dieser Shiraha beklagt, dass er als Außenseiter in der japanischen Gesellschaft, die für ihn „der Stamm“ ist, nicht geduldet werde. Er will von dieser Welt nichts mehr wissen, richtet sich in Keikos Badewanne ein – und lässt sich dort von ihr das Essen servieren.

Sie freilich spricht, als wäre er ein Haustier, ganz ungeniert von „Futter“, das sie ihm reiche. Das ist eine der Lese-Stellen, an denen Keiko dem Leser ein wenig unheimlich werden kann. Sie jedenfalls hat nicht den Eindruck, von Shiraha ausgenutzt zu werden. Vielmehr ist er für sie eine lohnende Investition. Denn der unabweisbare Vorteil dieses Mannes ist, dass ihre Schulfreundinnen nicht mehr lästige Fragen stellen. Sie sind vielmehr begeistert, als sie von dieser Verbindung hören. Und Keikos Schwester schwärmt schon von einer bevorstehenden Hochzeit. Bis sie eines Tages den Badewannen-Bewohner persönlich kennenlernt.

Mag sein, dass es Außenseiter in einer so durchregulierten Gesellschaft wie der japanischen besonders schwer haben. Doch gewiss kann man den Spagat zwischen Individualität und Anpassung weltweit beobachten. Muratas Geschichte ist so bodenständig verdreht, dass sie an „Die Vegetarierin“ der Südkoreanerin Han Kang erinnert (die ebenfalls im Aufbau Verlag verlegt wird). Und sie erinnert an die Verstörung im gewöhnlichen Alltag, wie sie in Haruki Murakamis Werk anzutreffen ist (dessen Übersetzerin ins Deutsche, Ursula Gräfe, jetzt auch für die „Ladenhüterin“ am Werke war).

„Die Ladenhüterin“ ist ein starker Roman von bestechender Absurdität. Seine Autorin, so war anlässlich der Auszeichnung mit dem bedeutenden japanischen Akutagawa-Preis im Jahre 2016 zu erfahren, arbeitet selbst gelegentlich in einem Konbini. Sayaka Murata soll es dort immer noch gefallen.

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