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Jane Gardam "Ein untadeliger Mann" Alter Snob auf neuen Straßen

Jane Gardams Roman „Ein untadeliger Mann“ erzählt auch vom Zusammenprall der Kulturen, da die Hauptfigur eine sogenannte Raj-Waise ist.

06.12.2015 16:50
Cornelia Geissler
Jane Gardams "Held" versucht es in Hongkong. Foto: © epd-bild / Jochen Tack

Seine Aura hält sich, doch sein Ruhm verblasst. Edward Feathers ist wohlhabend, auf seine vornehme Erscheinung bedacht und schon etwas klapprig. Jane Gardam porträtiert ihn in ihrem Roman „Ein untadeliger Mann“. Sie führt ihn gleich mit seinem Spitznamen ein: Filth oder Old Filth, was irritiert.

Von Irritationen lebt dieses verführerische Buch. „Filth“ bedeutet „Schmutz“ im Englischen, doch Filth ist zugleich ein nicht selten gebrauchtes Akronym: Failed in London, try Hong Kong, also etwa: Schaffst du es in London nicht, versuche es in Hongkong. Dort nämlich, in der Kronkolonie, hatte sich Edward Feathers Ansehen und Wohlstand erworben.

Doch die Welt verändert sich. Weil Hongkong 1997 an China ging, sind Edward Feathers und seine Frau Betty für den Ruhestand nach England gezogen. Eine Rückkehr kann man das nicht nennen, denn sie sind beide zwar Briten nach dem Gesetz, aber nicht auf der Insel geboren. Sie wuchsen auf als sogenannte Raj-Waisen – denen und ihren Kindern widmet Gardam sogar das Buch. Engländer, die in den Kolonien lebten, schickten ihre Kinder früh zur Erziehung und Schulbildung ins Mutterland. Sie gaben die Verantwortung ab, überließen die Kinder oft einem Leben ohne Liebe.

Durch Feathers’ Perspektive sieht man alles im Roman mit einer gewissen Endzeitstimmung: Nicht nur Hongkong wird immer chinesischer, auch Großbritannien gibt seinen Stil auf. Betty sagt: „Wir halten die Fahne eines Landes hoch, das ich nicht mehr wiedererkenne und nicht mehr liebe.“ Und dazu meldet sich das Alter. Die Charakterisierung der Hauptfigur und die feine Milieuschilderung bilden das Gerüst des Romans, dazwischen knüpft die Autorin ein Netz aus Vorurteilen (Edward Feathers ist ein Snob und wird beargwöhnt), verdrängten Ängsten (aus der Kindheit), Enttäuschungen (der beste Freund, den Edward wie einen Bruder liebte, sah ihn doch nicht als solchen an) und Lüge (Betty hintergeht den Gatten ausgerechnet mit dessem ärgstem Feind).

Seit Jahrzehnten gepriesen

Mit Jane Gardam gilt es eine Autorin zu entdecken, die im angelsächsischen Raum seit Jahrzehnten gepriesen wird, die es im Übersetzerparadies Deutschland bisher noch nicht zu den Lesern geschafft hat. Ihr Stil ist elegant, geschmückt mit Ironie, auch in der Übertragung von Isabel Bogdan. Es verwundert nicht, dass Gardams zwanzig jahre jüngerer Kollege Ian McEwan der Ausgabe lobende Worte beigesteuert hat, denn der Aufbau und auch das dramatische Potenzial des Romans erinnern an Werke von ihm wie „Abbitte“: Es gibt ein dunkles Geheimnis, von dem der Leser etwas ahnen kann, das sich jedoch erst sehr spät enthüllt.

Gardam nutzt die gediegene Fünf-Uhr-Tee-Stimmung am Beginn der Handlung nur als Einstieg, um nach und nach mit den schärferen Geschichten herauszurücken. Während sie nämlich Edwards Lebensweg in kurzen Rückblenden erzählt, vom Aufwachsen bei einer Amme in Malaysia, der Ausbildung in England bis zur Arbeit als Richter in Hongkong, verliert der Mann seine Vornehmheit. Nach Bettys Tod begibt er sich auf eine Reise zu seinen alten Cousinen, sein Fahrstil ist gefährlich anachronistisch, als er zuletzt eine weitere Strecke fuhr, gab es noch keine Autobahnen. Die Begegnungen mit den beiden Damen entwickelt sich als Zusammenprall der Kulturen; witzig bis boshaft beschreibt Gardam die Szenen. Die Frauen nehmen in diesem Roman ohnehin die interessanteren Rollen ein. Sogar eine energische Queen Mary taucht auf – Edward hat sie als junger Soldat zu bewachen.

Nur die eigentliche Geschichte von Betty Feathers bleibt in Andeutungen versteckt. Jane Gardam hat sie sich aufgespart. Sie erzählt in einem zweiten Roman, der im Frühjahr den deutschen Lesern nachgereicht wird, die Geschichte aus deren Perspektive.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2015. 352 S., 22,90 Euro.

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