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Jana Hensel „Diese Einsamkeit hat auch etwas Bedrohliches“

Ein Gespräch mit Jana Hensel über ihren ersten Roman „Keinland“, eine Liebesgeschichte von einer Deutschen in Israel.

Jana Hensel
„Die Literatur bietet größere Freiheit“, sagt Jana Hensel. Foto: Michael Mann

So ist es also, eine Journalistin zu interviewen: Jana Hensel fragt zuerst, wie viel Platz für das Gespräch eingeplant ist und muss sehr lachen, als ihr angeboten wird, genau in der gewünschten Zeilenlänge zu sprechen. Sie schiebt das Aufnahmegerät auf dem Tisch herum, als sie das Gefühl hat, das Mikrofon reiche nicht weit genug, und bietet an, ihr Handy dazuzulegen. Doch so ausgelassen wirkt die 41-Jährige nur kurz. Mit dem Roman „Keinland“ kommt sie, die mit Mitte zwanzig berühmt wurde als Autorin des Bestsellers „Zonenkinder“, in einer neuen Rolle auf den Buchmarkt.

Frau Hensel, Ihr Name ist den Lesern und Buchhändlern ein Begriff, mit Ihrem ersten Roman aber geraten Sie wieder in die Rolle der Debütantin. Wie fühlt sich das an?
Ein bisschen genieße ich es.

Was ist reizvoll daran?
Ich war nicht wahnsinnig erpicht darauf, einen Roman zu schreiben, aber ich habe es getan. Etwas Neues. Ich hatte einen Stoff, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich ihn anders erzählen muss als mit meinen bisherigen Möglichkeiten.

Weshalb konnte es kein Sachbuch werden? 
Ich habe darüber nachgedacht. Aber Essays über die Liebe sind eine schwierige Sache. Man kann die Liebe nicht beschreiben, man muss sie machen, salopp gesagt. Das geht im Roman.

Sie entsteht aus der Begegnung der Figuren.
Genau. Und außerdem hatte ich das Gefühl, dass mir die Literatur die größere Freiheit bietet, und die brauchte ich für diese Geschichte. 
 
Aber es steckt ja viel mehr drin als die Liebesgeschichte. Das Titel-Wort „Keinland“ steht für eine Debatte, die beide Figuren haben, über das richtige Land. Das ist der Knackpunkt der Beziehung. 
Ja, aber es gibt viele Knackpunkte zwischen Nadja und Martin und eine große Nähe von Anfang an. Er als Kind von Auschwitz-Überlebenden und sie als Ost-Berlinerin haben beide ein sehr stark von der Geschichte geprägtes Schicksal. Sie trägt die Brucherfahrung des Mauerfalls mit sich, er hat Deutschland verlassen, weil er letztlich nicht mehr im Land der Täter leben wollte. Sie suchen nach Identität, nach Halt, nach Heimat und sie finden den zumindest in Teilen in dieser Liebe. 
 
Warum schreiben Sie „Ein Liebesroman“ auf den Umschlag? Soll gleich klar sein, wo Jana Hensel draufsteht, muss kein Sachbuch drin sein?
Auch. Zumal man sich zu „Keinland“ durchaus einen Essayband vorstellen könnte. „Liebesroman“ auf dem Cover, zusammen mit der schönen Zeichnung, schien mir sehr charmant. Letztlich ist es ja ein Roman über den Holocaust. Und schauen Sie sich doch Bücher über den Holocaust an, die sehen anders aus. 
 
Ich habe ihn eher als Roman über die Schatten des Holocaust gelesen.
Klar, das war etwas verkürzt gesagt. Es sind zwei Generationen, die sich begegnen: Nadja ist etwa Mitte dreißig, gehört also der dritten Generation an, Martin ist ein bisschen älter, eher Vertreter der zweiten Generation. Daraus entstehen Konflikte. Ich bin auch schon auf Leser getroffen, die es nur als Liebesgeschichte wahrgenommen haben. Es hängt vom Naturell des Lesers ab.

Was hat Sie an Israel gereizt?
Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal nach Israel kam, hat mich das Land sofort fasziniert. Ich traf auf einen sehr flirrenden, aber auch sehr dichten Raum voller Geschichten und voller Geschichte. Ich fand, dass dieses Land stark mit uns zu tun hat – und mit uns ehemaligen DDR-Bürgern noch einmal auf eine besondere Art. Der Zionismus hat als eine sozialistische Bewegung begonnen, er wollte auch mal einen neuen Menschen kreieren. Man spürt noch diesen Beginn. Israel beschreibt sich sehr stark im Gedenken an die Gründergeneration. Und es ist ein sehr junges Land. Wenn Sie zum Beispiel nach Arad kommen, fühlen Sie sich auch an Eisenhüttenstadt erinnert. Auch in Fragen des Geschlechterverhältnisses und der Kinderbetreuung ist Israel der DDR näher als der alten BRD.

In dem Film „Hannas Reise“ von Julia von Heinz von  2013 geht eine junge Deutsche unbedarft nach Israel und wird sich der historischen Last erst bewusst, als sie sich verliebt. Machen die Gefühle den Menschen empfänglicher für andere Signale?
Meiner Meinung nach ist das ein ganz wichtiger Punkt. Die Liebe ist der Motor. Martin signalisiert sehr früh, dass er nicht geeignet ist für eine Beziehung. Er macht deutlich, dass er das Trauma des Überlebens seiner Eltern mit sich schleppt. Nadja ist Journalistin, sie kommt nicht unbedarft dahin. Sie spürt nun aber, dass der Holocaust etwas mit ihr zu tun hat, sie begreift es als eine Herausforderung. Und das kann sie nur, weil sie liebt. 
 
Und was war für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben? 
Ich wusste nicht, ob ich es kann. Ich wusste vor allem nicht, welche Sprache ich haben würde. Die journalistische hätte nicht gepasst.

Woran haben Sie gemerkt, dass Ihre erprobte Sprache nicht reicht?
Wenn man eine Reportage schreibt, muss man aus sehr vielen Zeichen etwas machen, um eine Dichte zu erstellen. Im Roman wäre der Leser von so viel Dichte erschöpft. Im Journalismus geht es um Genauigkeit, in der Literatur eher um Legendisierung. Man muss einen Raum schaffen, in dem die Figuren angemessen Platz haben, aber in dem auch der Leser Platz hat für seine eigenen Erinnerungen, an Liebe, an Sex, ans Scheitern. Man muss auf einer Oberfläche arbeiten, die nicht oberflächlich sein darf. 
 
Wie sind Sie dann vorgegangen?
Ich hatte also diesen Stoff, zwei Menschen, die mir mal begegnet waren. Und als ich meine Stelle beim „Freitag“ gekündigt hatte, habe ich zunächst ein halbes Jahr lang nur Töne aufgeschrieben. Ich hatte keinen Plot, keinen Verlauf, ich hatte nur Nadja und habe mir ganz langsam ihre Stimme erschrieben.

Sie erzählen aus Nadjas Perspektive. Da kann der Leser denken, Sie schreiben von sich!
Aber Nadja ist ganz anders als ich. Und ich habe es mit der dritten Person probiert, habe die Perspektive gewechselt, ich habe vieles versucht, doch letztlich dachte ich, dass sich dieses emotionale Ungeordnetsein in der Liebe am besten durch so ein Ich transportieren lässt. 
 
Sie kommen ursprünglich von der Literatur, haben Literaturzeitschriften herausgegeben. Gab es da Sie eine Sehnsucht, die Sie nun zurückholte?
Nein, es war kein Plan. Vielleicht hat es mit dem Älterwerden zu tun, dass man zu Dingen zurückfindet. Ich habe Literaturwissenschaft studiert und wollte Lektorin werden. Ich hatte „Zonenkinder“ nicht geschrieben, weil ich unbedingt ein Buch veröffentlichen wollte, sondern weil ich wollte, dass es eben dieses Buch gibt, weil ich die Erfahrungen meiner Generation so schlecht verortet sah. Darüber bin ich zum Journalismus gekommen. Und ich bin sehr gerne Journalistin. 
 
Sind Sie nun gern Schriftstellerin?

Mir macht das Schreiben viel Spaß. Aber Literatur zu schreiben ist eine unglaublich einsame Angelegenheit. Man muss sich von der Welt verabschieden. Diese Einsamkeit hat auch etwas Bedrohliches, weil man so aus der Welt kippt – während einen der Journalismus immer in die Welt hineinzieht. 


 Haben Sie Vorbilder? 
Es gibt diese prägenden Lektüre-Erfahrungen in der Jugend, die einen lange weitertragen, bei mir sind es Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson. Die habe ich jetzt wieder zur Hand genommen. Aber während des Schreibens habe ich sehr wenig gelesen, um meine Stimme klar zu behalten. Eigentlich nur Max Frischs „Montauk“. Das ist ja auch eine Liebesgeschichte, aber in einer so reduzierten Sprache, dass ich nicht in die Gefahr geriet, sie zu kopieren. Und von Maxim Biller habe ich etwas Wesentliches gelernt.
 
Was?
Bei ihm fangen viele Geschichten in einer Wohnung am Zionskirchplatz an, was ja wohl seine Wohnung ist. Dabei habe ich verstanden, dass man beim Erzählen etwas Vertrautes braucht, um darauf aufzubauen, erst dann kann man sich frei weiterbewegen. 
 
Kommt Ihre Nadja deshalb aus dem „falschen Land“?
Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Journalismus und Literatur vielleicht am stärksten. In einem journalistischen Text hätte ich geschrieben, Nadja kommt aus der DDR, in der Literatur aber nenne ich ihren Herkunftsort „das falsche Land“. Das ist offener, assoziationsreicher, poetischer vielleicht. 
 
Wie war es jetzt, wieder journalistisch zu arbeiten? Sie schreiben ja jetzt regelmäßig für die Wochenzeitung „Die Zeit“. 
Die Schnelligkeit, muss ich sagen, habe ich nicht vermisst. Ich hatte ja zwei Jahre Pause. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass mir die Nadja bleibt.
 
Als die literarische Schwester von Jana Hensel?
Wenn man einen Begriff dafür braucht. Vielleicht ist sie ja meine Freundin. 
 
Interview: Cornelia Geißler

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