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Jan Weiler Was ist das für ein Leben

Jan Weilers als Krimi getarnte Befindlichkeitsstudie „Kühn hat Ärger“.

Melchior Veigl wohnt hier nicht. Einer wie er, 25 Dienstjahre bei der Polizei, „Besoldungsgruppe A 12, Stufe 6“, dem nach Abzug aller Fixkosten 500 Euro im Monat zum Leben bleiben, kann inzwischen längst nicht mehr in der Stadt leben, in der er für Ordnung sorgen soll. Das Lehel und die Isarvorstadt, in den Siebzigern der natürliche Lebensraum des alten Veigl und seines Dackels Oswald, ist für Martin Kühn unerschwinglich. Er lebt in einer Satellitensiedlung am Rand von München, wie all die verzweifelten Rechner, Smartshopper und Verschuldeten, „immer mit der Gewissheit, niemals ins Zentrum zu gehören, aus dem sie nach Feierabend wieder herausgeschleudert werden“.

Kühn ist Mitte 40 und 1,96 Meter groß, er hat Familie, ein Eigenheim: ein Mann also, der in jeder Hinsicht solide ist – und doch spürt er, dass das Fundament, auf dem sein Leben gebaut ist, bröckelt. Das Sparen, für den Urlaub, den Fernseher, das Alter, „sogar beim Rasierschaum und beim Klopapier“, strapaziert den Familienfrieden, und Kühns Frau muss sich als Schreibkraft im Büro eines rechtspopulistischen Politikers verdingen, um ihre Yoga-Stunden zu finanzieren. Zu allem Überfluss wuchert eine stinkende Flechte im Keller, weil die Siedlung, in der Kühn wohnt, auf dem Areal einer NS-Waffenfabrik gebaut wurde, deren Chef die für den Endsieg vorgesehenen Chemikalien wegen der anrückenden Amerikaner im Boden versenkt hatte. Kühn und all die anderen haben auf giftigem Grund gebaut. Nach all den Jahren kommt nun alles wieder hoch. Und zwar in jeder Hinsicht: „Die Angst der Abzahler vor dem Werteverlust ihrer Häuser hatte sie empfindlicher werden lassen. Gegen Graffitis ebenso wie gegen Ausländer.“ Drei Jahre sind vergangen, seitdem Jan Weiler seinen Lesern den Münchner Kommissar Kühn vorgestellt hat: „Kühn hat zu tun“ hieß das Buch, und es beschrieb noch eher heiter-lakonisch die Diskrepanz zwischen kleinbürgerlichem Weltverbesserertum mit Biotonne und Natural-Horsemanship-Reitkurs für die Tochter – und dem unsagbaren Grauen, dem ein Kriminaler bei der täglichen Arbeit ausgeliefert ist. In „Kühn hat Ärger“ ist der Ton nun bitterer. Das Leben, die Moralvorstellungen, die ganze Gesellschaft gerät ins Rutschen. Dann liegt auch noch ein Migrantenjunge totgeschlagen an einer Straßenbahnhaltestelle. Und Kühn muss sich von seinem Staatsanwalt mit dem Satz in die Ermittlung schicken lassen: „Ich wollte Ihnen eigentlich nur meine Wertschätzung ausdrücken, dass Sie als Angehöriger des Pendlerprekariats die Werte einer Gesellschaft verteidigen, zu der Sie bald nicht mehr gehören.“

Kühn, das sei verraten, hält sich wacker. Und der Mordfall geht im Buch aus, dass Erwartungen enttäuscht werden, Gewissheiten ins Wanken geraten, Träume „am Ende des Lebens nichts wert“ sind. Insofern ist „Kühn hat Ärger“ viel mehr ein Zeitroman denn ein Krimi. Weiler selbst sagte in einem Interview, dass Kühn ein Romanheld sei, der eben zufällig bei der Polizei arbeite. Was ihn in seinem Innersten bewege, „könnte ihn auch als Optiker oder Landschaftsgärtner bewegen“. Das geht so weit, dass Kühn nach dem Verhör mit einem rechten Tropf von der Erkenntnis heimgesucht wird, „dass er ihn auf eine seltsame Art mochte. So wie man den Anblick von Sülze mögen kann, ohne ihren Geschmack zu schätzen.“ Wohingegen er bei einer adeligen Menschenfreundin den Verderb wittert: „Bei aller Disziplin, die sich in der geraden Körperhaltung der Frau spiegelte, sah Kühn auch die Leere in ihrem Gesicht.“

Weilers Milieuzeichnungen, hier der jungen Familien, „die am Wochenende in Funktionskleidung zum Baumarkt fuhren, weil man dort auch zu Mittag essen konnte“, dort eines „Cremetiegels behutsam zelebrierten Reichtums“ mit Bonsaiparkett und Sonntagsmatinee, sind grandios. Wie er mit seiner präzisen, im Glossenschreiben geschulten Sprache das Auseinanderdriften der Gesellschaft und den Ruin des sozialen Zusammenhalts beschreibt, ist mutmaßlich erhellender als Dutzende Aktenmeter aus der qualitativen Sozialforschung.

Es ist die Spezialität des als Literaten sträflich unterschätzten Jan Weiler, dass er all das in einen geschmeidigen Unterhaltungsroman gießen kann. So wie schon „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ viel weniger „My Big Fat Italian Wedding“ war denn der gelungene Versuch, die Geschichte der italienischen Migranten in die deutsche Geschichte einzuweben. Und „Das Pubertier“ das Drama der 14-Jährigkeit, die Quasienteignung noch der letzten Reste juvenilen Eigensinns durch zudringliche Kopfnickereltern, so prägnant schildert wie kein Buch seit „Crazy“ vor zwanzig Jahren.

Kühns 14-jähriger Sohn klagt am Ende: „Was ist das nur für ein Leben.“ „Es ist jedenfalls eins“, sagt Kühn. „Und es geht immer weiter.“ Für den Leser ist das eine gute Nachricht.

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