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Jan Assmann „Exodus“ Welthistorisch einmalig

Mit seinem Buch „Exodus“ setzt Jan Assmann seine Analyse des revolutionären Monotheismus fort. Micha Brumlik über den „Monotheismus der Treue“ und die Frage, ob er tatsächlich nicht überprüfbar ist.

02.07.2015 18:46
Micha Brumlik
„Mose steigt vom Sinai“ (2. Mose 19, 25): Holzstich nach einer Zeichnung von Gustave Doré (1832–1883). Foto: © epd-bild / akg-images

Der Sinn der Schöpfung ist Freiheit, politische Freiheit. Das jedenfalls beglaubigen fromme Juden jeden Freitag Abend in ihrem häuslichen Gottesdienst, mit dem der Sabbat, die Erinnerung an die Schöpfung, beginnt. Im Segensspruch über den Wein heißt es: „Du hast Gefallen an uns. Du lässt uns teilhaben an deinem heiligen Ruhetag, der daran erinnert, dass du alles geschaffen hast. Er ist der erste Tag der ,Tage heiliger Versammlung‘, eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.“

Dieser Segen entwickelt ein Gebet weiter, das von Rabbinen der späten Antike verfasst wurde und in dem Schöpfung und Bundesschluss am Sinai in einem Atemzug genannt werden. Freilich, das ist schon Religionskritikern der Aufklärung aufgestoßen, handelt es sich beim Exodus um die Geschichte eines dramatischen Aufbruchs israelitischer Sklaven ebenso wie um die Gabe eines Gesetzes, das Wahrheit und Gehorsam postuliert. In der biblischen Exodusgeschichte kommt das zum Ausdruck, was der Ägyptologe Jan Assmann lange Jahre als „Monotheismus der Wahrheit“ als „mosaische Unterscheidung“ bezeichnet hat: die Übertragung der Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ in die Religion. Ein, wovon Assmann überzeugt ist, welthistorischer Einzelfall!

Die darauf folgende Diskussion bestand – etwa unter Hinweis auf die präsokratische Philosophie – darauf, dass diese Unterscheidung auch in anderen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen der sog. „Achsenzeit“ (also zwischen etwa 800 bis 200 v. Chr.) getroffen wurde , der alttestamentliche Monotheismus also in dieser Hinsicht keineswegs einzigartig war.

Mit seinem neuen Buch „Exodus. Die Revolution der Alten Welt“ hat Assmann der biblischen Exodusgeschichte nun eine weitere Deutung gegeben. In ihr drücke sich vor allem – so Assmann mit Bezug auf die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally – ein „Monotheismus der Treue“ aus, der nun tatsächlich singulär sei: Vergleichbares finde sich bei anderen Weltbildern der Achsenzeit nicht.

Nun hat Assmann schon vor mehr als zehn Jahren, so 2003 in einem Diskussionsband zu seiner Monografie „Moses der Ägypter“ deutlich zu machen versucht, dass es ihm gar nicht um eine Kritik des Monotheismus, sondern „um die historische Analyse seines revolutionären Charakters als einer weltverändernden Innovation“ gegangen sei. Also nicht um die „recht grobe“ Behauptung – so Assmann –, dass der Monotheismus „von Haus aus und notwendigerweise intolerant sei, sondern um den Aufweis, der ihm innewohnenden Kraft zur Negation“, die ihn dann – im Unterschied und in der Konkurrenz zu anderen Religionen des alten Orients – zu einer „Gegenreligion“ habe werden lassen. Gleichwohl legte sich Assmann damals auf die Behauptung fest, dass der Monotheismus „die Geschichte seiner Durchsetzung als eine Geschichte der Gewalt in einer Serie von Massakern“ erzähle.

Freilich: Assmanns strikte Betonung des fiktionalen Charakters dieser „Gegenreligion“ erhob gerade nicht den Anspruch, etwas über die reale Durchsetzung des israelitischen Monotheismus zu behaupten, sondern nur, eine Hypothese über einen weltgeschichtlich neuen Begründungsmodus für (massenhafte) Gewalt aufzustellen. Bei alledem folgt Assmann sowohl bei seiner These über den „Monotheismus der Wahrheit“ als auch bei seiner im neuen Buch entfalteten These vom revolutionären „Monotheismus der Treue“ dem Philosophen Friedrich Nietzsche mit seinen Überlegungen zur „Sklavenmoral“ aus seiner Schrift „Zur Genealogie der Moral“ aus dem Jahr 1887.

So sehr also Assmanns neues Buch missverständliche Rezeptionen seiner vorherigen Arbeiten richtigstellt, so sehr er dem im wahrsten Sinne des Wortes revolutionären, auf Befreiung zielenden Charakter des Exodusnarrativs gerecht wird, so sehr bleibt er auch hier Friedrich Nietzsche treu. „Die Liebe zu Einem“ so der einem protestantischen Pfarrhaus entstammende Nietzsche im vierten Hauptstück von „Jenseits von Gut und Böse“ „ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.“

Das aus dieser Liebe erwachsende, nach Nietzsche nur vermeintlich wahre moralische Wissen besteht dann darin, klare Unterscheidungen zwischen „gut“ und „böse“ treffen zu können – Ausdruck einer wie Nietzsche meint, „Herdenthier“-Mentalität.
So wollte Nietzsche genealogisch nachweisen, dass diese Moral Ausdruck eines Sklavenaufstandes ist und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er sich damit auf die biblische Geschichte vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypten bezieht: „Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten.“

Hier ist genau zu lesen: Nietzsche behauptet keineswegs, dass alle Moral an und für sich Ergebnis eines Ressentiments ist, sondern dass innerhalb des weiten Feldes der Moral eine Form entstanden ist, die gleichsam Ausdruck einer Hemmung, einer Hemmung des Lebens ist. Nietzsche bezeichnet das Gegenteil einer Moral aus dem Geiste des Ressentiments als „vornehme Moral“. Sie erwachse „aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber“, während doch die Sklavenmoral „von vorneherein Nein zu einem ,Außerhalb‘, zu einem ,Anders‘, zu einem ,Nicht-selbst‘: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“

An dieser Entgegensetzung wird deutlich, dass Nietzsche Moral als Ausdruck von Lebenshaltungen versteht, von denen er mindestens zwei kennt: diese des Bei-sich-Seins und jene des Außer-sich- Seins. Mehr noch: beide Haltungen korrelieren mit unterschiedlichen Formen des Sich-verhaltens zur Welt in einer wesentlichen Hinsicht: Menschliches Leben besteht nicht zuletzt darin, seine Um- und Mitwelt zu bewerten, d. h. hoch oder niedrig zu schätzen, es in Beziehung zur eigenen Existenz zu setzen, d.h. Dinge und Menschen seiner Umwelt als „gut“ (für mich) oder „schlecht (für mich) zu bewerten.

Das für die Geschichte der Menschheit folgenreichste Ereignis war indes jene Umwandlung der Bewertungsgegensätze „gut“ oder „schlecht“ (für mich) in das Gegensatzpaar von „gut“ und „böse“, bei dem es den Anschein hat, dass der Bezug auf das wertende Subjekt zugunsten einer – so Nietzsche – vermeintlich objektiven Perspektive eingetauscht wird. Da aber Perspektiven – klärt man die Bedeutung dieses Begriffes genau – immer Perspektiven aus einer bestimmten, singulären Position sind, stellt das Ersetzen des Bewertungsmaßstabes „gut/ schlecht“ durch „gut/böse“ nichts anderes dar als Ausdruck einer letztlich verächtlichen Haltung von Sklaven. Motor dieser Umwandlung ist für Nietzsche das „Ressentiment“, Ursache der Umwandlung für Nietzsche, der seine „Genealogie der Moral“ 1887 publizierte, jener soziale Zustand der Sklaverei.

Was aber wusste Nietzsche von der real existierenden Sklaverei, von jener Sklaverei, die in den USA gerade zwanzig Jahre zuvor mit dem Ende des Bürgerkrieges als legales Sozialverhältnis aufgehoben wurde ? Inwieweit war der brillante Altphilologe an den in der antiken Literatur weit verbreiteten Reflexionen und literarischen Darstellungen zur Sklaverei interessiert?

Nachgelassene Fragmente lassen immerhin erkennen, dass ihm das Phänomen der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten bekannt war; 1884/85 notiert er: „Fortsetzung des Christenthums durch die französische Revolution. Der Verführer ist Rousseau: er entfesselt das Weib wieder, das von da an immer interessanter-leidend dargestellt wird. Dann die Sklaven und M(istre)ss (Harriet Beecher)Stowe. (Anspielung auf Harriet Beecher Stowe, „Uncle Tom’s Cabin“ (1852).) Dann die Armen und die Arbeiter ... Wir sind auf dem besten Wege: das Himmelreich der Armen des Geistes hat begonnen.“

Die hier angemaßte aristokratische Geste, wie sie auch Peter Sloterdijk bei der Befassung mit demselben Thema pflegt, ist Assmann freilich ganz und gar fremd, wenngleich er auch in seinem neuen Buch nach einem – wie er selbst sagt – „Objektivwechsel“ Nietzsches Befürchtungen in gewisser Weise mitträgt. „Religion“, so Assmann mit Blick auf die Exoduserzählung und Bundestheologie, „wird nun von ,Kultur‘ unterscheidbar und ihr als kritische Instanz gegenübergestellt, zugleich aber auch – zumindest der Möglichkeit nach – als ein hegemoniales Prinzip allen anderen ,Wertsphären‘ wie Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst usw. übergeordnet.“

Das kann tatsächlich, wie der sich ganz und gar der Moderne verdankende Fundamentalismus jeglicher Art beweist, zu einer totalitären, freiheitseinschränkenden Politik führen, zu einem Fanatismus, der nicht mehr korrigierbar ist. Denn ein „Monotheismus der Wahrheit“ – dies meint Assmann erkannt zu haben – sei im Grundsatz Argumenten zugänglich, was für einen „Monotheismus der Treue“ nicht gelte.

Wirklich nicht? Ließe sich nicht sagen, dass auch der biblische „Monotheismus der Treue“ einer Überprüfung fähig ist? Setzt nicht gerade die von Assmann so hervorgehobene weltgeschichtliche Neuartigkeit der biblischen „Bundestheologie“ eine Reziprozität zwischen Gott und Menschen voraus, die es beiden ermöglicht zu überprüfen, ob ihre Treue angemessen gewürdigt wird?

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