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Jan Assmann Die „totale Religion“

Jan Assmann führt seine Überlegungen zu Religion und Gewalt fort, indem er sich mit der Logik des Monotheismus beschäftigt.

26.01.2017 14:50
Dirk Pilz
Erschaffung der Welt, Deckenbild. Foto: epd

Immer wieder hat der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann herausgearbeitet, dass die Entstehung des Monotheismus eine „Wende in der Geschichte der Menschheit“ bedeutete. Vor allem mit seinem Buch „Die Mosaische Unterscheidung“ (2003) untersuchte er dabei den „Preis des Monotheismus“, nämlich die damit in die Welt gekommene Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion.

Keine geisteswissenschaftliche These ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden, zumal Assmann die Vermutung formulierte, der so entstandene Monotheismus enthalte notwendig „ausgrenzende Gewalt“. Er hat diese Vermutung nach vielfältiger Kritik inzwischen korrigiert: Nicht die Differenz von wahr und falsch sei wesentlich, sondern jene von Treue und Untreue.

Denn entscheidend für das Verständnis des Monotheismus, von Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen, sei es, den Glaube als „Sache liebender Treue“ zu begreifen. Assmann spricht deshalb jetzt von einem „Monotheismus der Treue“, ein Gedanke, den er in seinem epochemachenden Buch „Exodus“ (2015) ausführlich entwickelt hat.

Jetzt greift er diese Logik eines Monotheismus der Treue mit seinem jüngsten Band wieder auf, fragt nun jedoch, wie es dabei zu „puritanischen Verschärfungen“ mit der Tendenz auf eine „totale Religion“ kommt. Dass es diese in den monotheistischen Religionen gibt, ist in der Geschichte immer wieder zu beobachten. Wichtig ist Assmann hier die Feststellung, dass „totale Religion“ keine bestimmte bezeichnet, sondern „einen Aggregatzustand oder Intensitätsgrad“, den verschiedene Religionen annehmen können, indem sie sich absolut setzen.

Wie stets, schaut Assmann sehr genau auf die historischen Zusammenhänge und die überlieferten Texte, vor allem jene der hebräischen Bibel. Er greift aber auch auf Carl Schmitts Theorie des Politischen zurück. Assmann weiß natürlich um die problematische Rolle Schmitts im NS-Regime. Aber er bezieht sich auf ihn nicht als moralische Instanz, sondern als Analytiker, nämlich auf seine Unterscheidung von Freund und Feind: Das Politische ist für Schmitt das Polarisierende, eben diese Aufteilung der Welt in Freund und Feind, die im Normalfall verborgen sei, im „Ernstfall“ aber offen zutage trete. Der politische Ernstfall ist der Krieg, und Schmitt denkt Politik durchgehend von diesem Ernstfall her.

Diese Denkweise sieht Assmann in der Religion greifen, wenn auch hier der Ernstfall eintritt. Er war historisch zum Beispiel mit den Makkabäerkriegen gegeben; sie entzündeten sich an der Frage, ob sich das Gottesvolk Israel von seiner nicht-jüdischen Umgebung absondern oder mit ihr Verbindungen eingehen sollte. Mit dem Kanon heiliger Schriften entstand damals, so Assmann, auch die Idee einer reinen, nicht vermischten Religion – und damit die einer totalen Religion. Leitend waren dabei apokalyptische Vorstellungen: Wenn Religion vom Weltende her genommen wird, bedient sie laut Assmann immer diese Logik einer Totalisierung. Die beste Gegenwehr gegen solchen religiösen Radikalismus sei deshalb, so legt Assmann überzeugend dar, der Pluralismus, besonders jener, wie ihn die hebräische Bibel in ihrer Vielstimmigkeit verkörpert.

Die Pointe von Assmanns Theorie liegt also darin, dass man in der Bibel (wie auch im Koran) selbst eine Debatte für und wider diese „totale Religion“ findet. Wer also die durch Religion beförderte Gewalt eindämmen will, ist auf die Religion selbst angewiesen: Innerhalb der Religionen finden sich die Wege, um religiöse Probleme zu lösen, nicht außerhalb, auch nicht in der bloßen Abschaffung der Religion. Sie lässt sich, auch das ist bei Assmann zu lernen, ohnehin nicht aus der Welt schaffen.

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