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„Jahre später“ Die seltsame Geschichte von April und Ludwig

Was Jahre später geschah: Angelika Klüssendorf schreibt das Leben des „Mädchens“ fort und trifft erneut den Ton.

Angelika Klüssendorf
Die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf hat einen April-Roman verfasst. Foto: imago

„Jahre später“ spielt Jahre später. April ist 30 und „weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist. Sie kann es nicht fühlen“. Sie lernt einen Mann kennen, der sie umwirbt. „Ludwig schreibt ihr täglich, nennt sie sein Mädchen.“ Leserinnen und Leser von „Jahre später“ werden gegen diese Wendung etwas empfindlich sein. „Das Mädchen“ hieß Angelika Klüssendorfs 2011 erschienener Roman, in dem April noch ein Kind war, ein schlecht behandeltes und unglückliches Kind und so von sich und ihren Bedürfnissen weggedrängt, dass es für einen Namen nicht reichte. Erst im nächsten Buch, „April“, 2014, war es so weit. April wurde 18, gab sich den Namen April und versuchte, mit ihrem Leben, damals noch in der DDR, etwas anzufangen. Das missriet weitgehend, aber nicht vollständig.

Jahre später ist sie also 30. Sie schreibt, hat schon in „April“ angefangen zu schreiben, eher testweise. Bei einer Gruppenlesung ist Ludwig unter den Zuhörern, ein erfolgreicher Chirurg. Ludwig, „der sich auch gerne mal Hitler, Churchill oder Haarmann nennt“, benutzt Wörter, die sie nicht mag (kuscheln, super, shoppen), erzählt ihr Dinge über seine Familie, die nicht stimmen. Er ist aber auch verliebt, neugierig, ehrgeizig, intelligent und von überwältigender Begeisterungsfähigkeit. „Ludwig saugt jede verwertbare Information auf, es ist beinahe unmöglich, seinem Enthusiasmus zu entgegen.“ Er ist aber auch kindisch, macht Scherzanrufe (April liegt das sehr) oder versendet lustige Briefe. Er malt sich aber auch seine Beerdigung aus, ist depressiv und larmoyant, wenn es bei der Arbeit nicht spektakulär genug vorangeht. Sein Kindergesicht fällt April auf, und später, dass er sich die Zähne hat richten lassen.

Es ist nicht immer einfach, sich Ludwig als Chirurgen vorzustellen, zumal er sich bei April unter anderem damit einführt, dass er ein Treffen mit Samuel Beckett arrangieren könne, wenn sie das wolle. Denn Ludwig ist wirklich auch ein Angeber. Und ein Snob. „... sogar das Toilettenpapier muss teuer sein. Es ist, als würde das Preiswerte ihn an seine Klassenherkunft erinnern. Wenn er mit Bekannten oder Kollegen spricht, lässt er seine Vergangenheit in einem gehobenen Milieu stattfinden.“ Ein Bruder in den höchsten geheimen Kreisen der Nato, eine Internatszeit in Genf, und er ist verlegen, als er sie seinen Eltern im kleinen Elternhaus vorstellt. Ihr tut das leid, sie findet das überhaupt nicht schlimm (ist weiß Gott anderes gewöhnt) und „ahnt doch längst, dass seine Mutter keine langen weißen Kleider trägt“.

Ludwig ist eine interessante Figur. Es ist schwierig zu sagen, ob er es auch wäre, wenn er nicht Züge des 2014 gestorbenen Journalisten und FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher trüge, mit dem die 1958 geborene Klüssendorf einige Zeit verheiratet war. Was sich klar zeigt: Ludwig ist nicht interessant, weil er Züge von Schirrmacher hat. Er ist so interessant, wie auch Schirrmacher vermutlich interessant war. „Sie hat längst begriffen, Ludwig muss den Grund unter sich in einen brodelnden Abgrund verwandeln und das Gefühl haben, der Sturz sei unausweichlich, wie ein Spieler, der blufft, obwohl alles verloren ist. Eine letzte Gemeinsamkeit, die sie teilen.“

Es ist enorm, was Klüssendorf hier gelingt. „Jahre später“, in dem die autobiografischen Züge insgesamt noch unverhohlener zutage treten als in „Das Mädchen“ und „April“, ist kein Schlüsselroman, ist auch weder denunzierend noch tratschig, ist vielmehr diskret und zart. Außerdem wusste man die einen Dinge, und die anderen könnten auch anders gewesen sein. Der Berufswechsel erweist sich dramaturgisch als vorzügliche Camouflage und als Spielraumgewinn. Klüssendorf macht sich allein die Lebendigkeit des Lebens zunutze, transformiert es aber so konsequent in Literatur, das kein Voyeurismus bleibt. Die Ehe, die sie beschreibt, April und Ludwig, ist ungewöhnlich nervenzehrend, sie unglücklich zu nennen, wäre zu übersichtlich.

Stiehlt Ludwig April die Schau? Nein, aber April ist mit ihm beschäftigt. Zugleich schafft das lakonische, platzsparende Geradeaus-Erzählen Räume für ihre alte „Dämonen“, auch für die (aus Fernsehfilmen rekrutierten) Gespenster, mit denen sie sich – atemberaubend einsam – unterhält. Tabletten machen sie sanfter (sagt Ludwig), „ehetauglicher“ (sagt April). Aprils Sohn Julius, der in „April“ zur Welt kam, war schon damals nicht glücklich und kann „Jahre später“ nicht glücklich werden mit seiner Mutter. „Es gibt Wochen und Monate, da ist sie eine verlässliche Mutter, die früh am Schreibtisch sitzt, nachmittags mit Julius Hausaufgaben macht, bis es sie wieder hinaustreibt – Schuldgefühle konkurrieren mit Sehnsüchten, die sich stets durchsetzen.“

Manchmal ist April peinlich. Ihrer Devise, nicht wie ihre Mutter zu werden – „ein Gebet, eine Parole, ein Schlachtruf“ –, kann sie nicht immer nachkommen. Beim zweiten Sohn, Samuel, dem gemeinsamen Kind mit Ludwig, geht es besser, aber weiterhin hat sie „diffuse Vorstellungen von einem Familienleben“. Die Ehe mit Ludwig endet in einem „Scheidungskrieg“ mit bizarren Zügen. „Selbst ein einziger Satz von mir, auf einem Stück Toilettenpapier geschrieben, darf nicht von dir vernichtet werden.“ Seltsame Aussage für einen Chirurgen.

Wie man sieht, bleibt Klüssendorf bei ihrem spartanischen, unumwundenen, dabei präzisen Stil: Aprils und nur Aprils Perspektive in der 3. Person und im geradlinigen, nebensatzarmen Präsenz. Nah dran und dennoch immer neben ihr (neben sich). Eine Tendenz aus „April“ verstärkt sich: April spricht über sich als Mensch in Therapie. „April lernt, dass sie ein beschädigter Mensch ist, lernt diese Beschädigungen ernst zu nehmen und dass auch sie dafür verantwortlich ist.“

Auch wenn „Jahre später“ kein therapeutisches Buch ist – uns nicht als solches entgegentritt –, wird man für April das Beste hoffen. „Es gibt Momente, da spürt sie eine Verbindung mit sich und dem Leben.“ Kurz vorm Ende des Romans kann sie sich „zum ersten Mal vorstellen, darüber zu schreiben“. Ganz am Ende hat sie den ersten Satz für ihr Buch. Wer „Das Mädchen“ kennt, erinnert sich: „Scheiße fliegt durch die Luft ... .“ So schließt sich der Kreis mit Überdeutlichkeit, aber auch mit jener Unverblümtheit, die April zu eigen war, seit sie eine Spur Kontrolle über ihr Leben bekam. Da sie jetzt ihre uns bereits bekannten Bücher schreibt, dürften wir wohl nichts mehr von ihr hören. Das ist nicht schön.

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