Lade Inhalte...

Jagoda Marinic: "Restaurant Dalmatia" Keine Zeit für eine Heimat

Jagoda Marinic erzählt in "Restaurant Dalmatia" von einer Suche nach Wurzeln: Die Familie der Heldin Mia stammt aus Jugoslawien - einem Land, das es heute nicht mehr gibt.

16.10.2013 08:35
Cornelia Geissler
Neben der Berliner Mauer wuchs Jagoda Marinics Heldin auf. Foto: rtr

Oft erkennt man in der Fremde erst, was einem die Heimat wert ist. In Jagoda Marinics Roman „Restaurant Dalmatia“ steht aber eine Frau im Mittelpunkt, die sich in der Fremde zu Hause wähnt, weil es für sie so etwas wie „Heimat“ vorher nicht gab. Die Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, das sich durch den Mauerfall verändert. Auch im Geburtsland der Eltern brechen Strukturen auseinander.

Mia Markovichs Familie stammt aus Jugoslawien, einem Land, das es heute nicht mehr gibt. Sie ist im Wedding großgeworden, im Schatten der Mauer, die sie immer wieder mit der Polaroid-Kamera ablichtete. Kurz nachdem Deutschland sich vereinigte, brach die Heimat ihrer Eltern auseinander. Den „Krieg auf dem Balkan“, von dem man in Deutschland sprach, kennt man in Kanada nicht, wo Mia studiert. Von Toronto aus gesehen, ist es der „Krieg in Europa“. Mia führt ein neues Leben. Doch als sie mit Ende dreißig in Kanada die erfolgreiche Eröffnung ihrer ersten Einzelausstellung erlebt hat, fällt sie in ein seelisches Loch.

Jagoda Marinic erzählt von der Sinn- und Wurzelsuche dieser Frau. Die Autorin beginnt die autobiografischen Angaben auf ihrer Webseite mit der Formulierung: „Jagoda Marinic ist gebürtige Kroatin und deutsche Autorin und Kolumnistin.“ Sie erwähnt längere Aufenthalte in Zagreb, Split, New York und Berlin. Sie weiß, wovon sie erzählt.

Das titelgebende „Restaurant Dalmatia“ in Berlin wird Ausgangspunkt der Suche und bald Angelpunkt des Romans. Hier arbeitet Mias Tante Zora, hier hatte sie als Kind und Jugendliche im Restaurant ausgeholfen, Zoras Sohn war ihr wie ein Bruder. Dass dieser Ort einst eine Heimat für sie war, begreift Mia nach und nach. Sie muss sich zurückwühlen durch Schichten ihres Gedächtnisses, durch Gefühle von Angst und Einsamkeit. Im Erzählen legt Marinic eine Kindheit frei zwischen einer überforderten Mutter und einem Vater, der träge und böse wurde, als sein Körper nicht mehr fit genug zum Arbeiten war. Sie springt zwischen Kontinenten und Zeiten.

Dabei schält sich immer deutlicher heraus, wie sehr das Fremdsein die Identität ihrer Heldin prägt: Da ist eine ungute Erinnerung an die Dankbarkeit der Eltern als Gastarbeiter. Da registriert sie genau, welche Geschichten im Einwanderungs-Museum von Ellis Island erzählt werden. Da merkt sie, dass sie Freunde in Kanada nur unter Leuten suchte, die weder aus Deutschland noch aus Ex-Jugoslawien kamen.

„Du bist eine, die gegangen ist, um ohne Vergangenheit zu leben.“ Der Satz stimmt. Ausgesprochen wird er von Jesus, einem Spanier, den Mia von früher kennt. Er lebt armselig in Berlin, in einer Absteige voller Bücher. Vielleicht ist es diese Umgebung, die bewirkt, dass Jesus so penetrant weise ist. Er hilft zwar Mia auf ihrer Suche nach sich selbst, doch streckenweise gibt er seine küchenphilosophischen Sprüche in sehr großen Dosen ab. Jagoda Marinic aber kann angenehm leicht von einem schwierigen Prozess erzählen, den Sprücheklopfer hätte sie ruhig etwas bremsen können.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen