Lade Inhalte...

„Jage zwei Tiger“ von Helene Hegemann Lifestyle frisst Liebe

Safari durch die kaputte Kunst-, Kultur- und Konsumwelt: In „Jage zwei Tiger“, ihrem zweiten Roman, zeigt Helene Hegemann, dass sie erzählen kann.

Autorin Helene Hegemann. Foto: dpa

Das Feuer flackert, aber es wärmt nicht. Das ist eines der schönsten Bilder in Helene Hegemanns neuem Roman: Während der Kamin seit Jahren nicht benutzt wird, läuft auf dem Fernseher direkt daneben eine DVD mit Kaminfeuer-Visuals. Könnte man die Wärme eines Elternhauses treffender beschreiben? Für die jungen Leute ist es höchste Zeit, Abschied zu nehmen.

Nach ihrem viel gelobten und auch getadelten Debütroman „Axolotl Roadkill“, den Helene Hegemann Anfang 2010 als 17-Jährige veröffentlichte, einer mittelschweren Plagiatsdebatte aufgrund unausgewiesener Zitate von Erfahrungen des Bloggers Airen im Berliner Club Berghain, erscheint am heutigen Montag nun ihr zweiter Roman „Jage zwei Tiger“. Wie auch der Erstling führt das neue Buch in die Lebenswelten Heranwachsender, dieses Mal jedoch weniger in das Drogen-, Sex- und Nachtleben totalverweigernder Teenager. Stattdessen begibt man sich mit zwei jungen entwurzelten Menschen auf eine Odyssee durch eine kunstmarktverseuchte Lifestylewelt, Zielort: Heimat.

Weil eine Gruppe Jugendlicher im Jägermeisterrausch es ungemein lustig findet, von einer Autobahnbrücke Steinbrocken in Windschutzscheiben zu werfen, verliert der elfjährige Kai seine Mutter. Auch er saß in dem Auto, kann aber aus dem Wrack flüchten. Wir folgen dem verletzten Jungen auf einen tarantinomäßigen Roadtrip, bei dem er auf eine weiße Ziege, zwei Hunde namens Tequila und Sunrise, drei nackte Rentner, eine abgehalfterte Zirkustruppe und schließlich auch seine erste große Liebe, die einarmige Samantha, trifft. Als er später in einem Krankenhaus erwacht, muss er seinen überforderten Vater Detlev erst einmal ordentlich anrotzen, um dessen Aufmerksamkeit zu erheischen.

Koksabhängig und autoaggressiv

Die andere Protagonistin Celine, 17, koksabhängig, anorektisch und autoaggressiv, flüchtet nach einem unerträglichen Besuch bei ihren so reichen wie kalten Eltern mit einer gestohlenen, eine halbe Million Euro schweren Elefantenskulptur nach Worms. Dort rettet sie sich in ein besetztes Haus, reist mit ihren Mitbewohnern nach Italien und landet schließlich in München, wo sie mit Kais Papa Detlev eine verhängnisvolle Affäre eingeht.

Wie es sich anfühlt, wenn in einem noch jungen Leben tragende Säulen und Lebenskonzepte wegbrechen, weiß Helene Hegemann aus eigener Erfahrung. Mit 13 verlor die heute 21-Jährige ihre Mutter, eine Grafikerin, mit der sie in einem Bochumer Betonplattenbau lebte. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie drei war. Sechs Monate nach dem Tod der Mutter saß sie in einem Zug nach Berlin, wo ihr Vater, der damalige Volksbühnendramaturg Carl Hegemann, lebte.

Hegemann beschreibt in „Jage zwei Tiger“ eine Generation von heranwachsenden Kindern, die sich von ihren Eltern allein gelassen fühlt. Oder im Laufe des Romans begreift, „dass das, was sie mal Zuhause genannt hatte, bloß eine Illusion gewesen war.“ Väter wie Detlev, der am Krankenbett des Sohns an die chirurgisch optimierten Schamlippen seiner 21-jährigen Studentinnen-Affäre denkt. Mütter wie die von Celine, die mit ihrer pseudodekadenten „Bürgerlichkeit sämtliche Lebenstriebe“ unterdrückt, während sie im Valentino-Kleid Culture-Scene-Grandezza übt.

Detlev handelt mit Kunst, Celines Eltern schmücken sich damit. Die Autorin führt ihre Protagonisten durch die Architektur dysfunktionaler Familien, die in ihrem Selbstoptimierungswahn dem Kunstmarkt zugeneigter sind als ihren Kindern. „Das Haus hatte hundertzwanzig Zimmer (…), es war perfekt, arbeitete sich ,sympathisch‘ und ,bescheiden‘ an allen existierenden Codes zeitgenössischer Inneneinrichtungsmagazine ab, es war tot.“ Tot sind auch die Familien, die Eltern von Celine etwa bringen ihre Tochter in einer Hotelsuite im für Gäste vorgesehenen Seitenflügel unter und schreiben SMS, wenn das Abendessen fertig ist. Lifestyle frisst Liebe.

Selbst die Brüche der kalkulierten Wohlfühlästhetik jener Kathedralen, durchdesigned bis hin zum Tricoflex-Gartenschlauch, sind eigentlich nur in Kunst aufgewogene, unerfüllte Glücksversprechen. Und die luxusverwahrlosten Kinder in Hegemanns Buch dienen nur solange dem Zweck der Selbstverwirklichung, bis die Tochter mit ihren strafferen Schenkeln der Mutter Konkurrenz macht – und am Abend zuvor schon den Mann gevögelt hat, um dessen Gunst die Mutter am nächsten Tag mit „verkappter Flirtiness“ buhlt. Jetzt aber – husch husch – zurück ins Internat!

Exzellente Beobachterin

Als exzellente Beobachterin weiß die Autorin „arschsouverän“ Jugendsprache und auch den distinguierten Kunstszene-Jargon zu persiflieren und unterfüttert die stets hochreflektierten Meta-Gedanken ihrer jungen Protagonisten mit einer intelligent dahingerotzten Leichtigkeit. Die Sprache torpediert förmlich eine Welt, in der Kunst zum Fashion-Statement geworden ist und Lifestyle-Accessoires wie Eames-Chairs, Comme-des-Garcons-Anzüge oder Missoni-Handtücher ihre Besitzer vor der Erkenntnis ihrer eigenen Belanglosigkeit schützen. Das ist „sick“! „Weird“! „Crazy“! „Hardcore“! „Arty“! „Holy shit“.

Die Rebellion dagegen trägt Celine in Form ihrer Louis-Vuitton-Reisetasche bei sich: „Sie konnten nicht wissen, dass die Tasche eine als Verarsche gemeinter Fake war, der das Markenlogo durch eine identisch wirkende Anordnung verschiedener Geld scheißender Elefanten ersetzte.“ Was ist schon echt? In einer buckligen Dame, die mit Gehstock über den Markusplatz wackelt, erkennt Celine später die Queen of Pop, Madonna.

Auch wenn manche Passagen gerade im ersten Drittel des rund 300-seitigen Romans wie wortgewaltige sozialanalytische Muskelspiele wirken: In „Jage zwei Tiger“ zeigt Helene Hegemann, dass sie erzählen kann. Und führt die beiden selbstzerstörerisch veranlagten Protagonisten nach einer eigentlich tieftraurigen, aber stellenweise wahnsinnig unterhaltsamen Safari durch die kaputte Kunst-, Kultur- und Konsumwelt schließlich zusammen. Der giftgrünen Apokalypse entronnen, retten sie sich gegenseitig aus den gutsituierten Umständen, in sie hineingeboren wurden. Soweit man das eben kann, wenn man als Upperclasskid die wichtigste Lektion des Lebens gelernt hat: „Geld allein jedenfalls macht nicht unglücklich“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen