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Iwan Turgenjew „Streng und teilnahmslos führt uns das Schicksal“

Vor 200 Jahren wurde der Dichter Iwan Turgenjew geboren, Kosmopolit und Westler, Nihilist und Konservativer, Melancholiker und Liebender.

Iwan Turgenjew
Iwan Turgenjew, „einer der schönsten Männer, die ich jemals sah“ (Theodor Storm). Foto: Imago

Mit Blick auf seine Studentenzeit in Berlin konstatiert der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew: „Ich stürzte mich kopfüber in ,das deutsche Meer‘, das mich reinigen und wiedergebären sollte, und als ich endlich aus seinen Wogen wieder auftauchte, war ich ein ,Westler‘ geworden und bin es immer geblieben.“ Russlands Intellektuelle und Teile seiner adligen Eliten sind seit den Tagen des Zaren Peter I. auf der Suche nach dem gesellschaftlichen und kulturellen Standort ihres Heimatlandes. Die Trennlinie zwischen oft orthodoxen Nationalisten und „Westlern“ bleibt im 19. Jahrhundert nahezu unüberbrückbar und beeinflusst noch heute die russische Gesellschaft. 

Turgenjew, geboren am 9. November 1818 (nach dem damals in Russland gültigen julianischen Kalender am 28. Oktober), entscheidet sich früh für den Blick nach Westeuropa. Aufklärung, die deutsche Klassik, die pessimistische Philosophie Schopenhauers, Hegels Idealismus, die großen französischen Romanautoren seiner Zeit werden ihm bald zu Leitsternen. „Ich verdanke zu viel Deutschland, um es nicht als mein zweites Vaterland zu lieben und zu verehren“, heißt es in seinem heute berühmtesten Roman „Väter und Söhne“ (1861). 

Seine Westorientierung ist für ihn nicht zuletzt politisch motiviert. Nach dem Tod seiner Mutter, deren Vermögen ihn materiell unabhängig macht, wird ihm das Leben im despotischen Zarenreich immer unerträglicher. „Jene Lebensweise, jenes Milieu und besonders jene Sphäre ..., der ich angehörte – die Sphäre der Großgrundbesitzer, der Leibeigenschaft – waren nicht geeignet mich zurückzuhalten.“ 

Turgenjew ist kein Anarchist und kein Revolutionär

Immer wieder beklagt Turgenjew die soziale Lage der russischen Landbevölkerung. Besonders die autobiografisch grundierte Novellensammlung „Aufzeichnungen eines Jägers“ (endgültige Ausgabe 1874) erzählt vom Alltag auf dem Lande. Sein Blick gilt den versklavten Bauern ebenso wie der Hocharistokratie, deren Unbildung er mit Spott anprangert, und der korrupten und weitgehend unfähigen zaristischen Bürokratie. Der 25 Jahre jüngere Kollege Henry James vergleicht den Einfluss von Turgenjews Werk auf die 1861 erfolgte Abschaffung der Leibeigenschaft mit der Wirkung des Romans „Onkel Toms Hütte“ auf die Entscheidung des Kongresses, die Sklaverei in den Vereinigten Staaten zu verbieten. 

Aber Turgenjew ist kein Anarchist wie sein Freund Michael Bakunin und kein Revolutionär wie die Attentäter, die 1881 Alexander II. niederstrecken. Politisch hofft er auf Reformen. „Wir brauchen Freiheit, vollständige Freiheit der Ansichten und Begriffe, und wir brauchen Bildung und Wissen.“ Die Hauptfigur in „Väter und Söhne“, der Medizinstudent Jewgeni Basarow, nennt sich Nihilist und verweigert jeder Autorität den Gehorsam. Turgenjew hat damit einen Begriff populär gemacht, der bald die Gemüter in ganz Europa erhitzen wird. Er selbst bleibt ein konservativer Liberaler. Dass er sich beispielsweise nicht von den antijüdischen Klischees seiner Zeit löst, belegt die ins Antisemitische abgleitende Erzählung „Der Jude“, die in späteren Gesamtausgaben nicht mehr aufgenommen wird.

Ein sich in autoritären Staaten bis heute immer wiederholendes Schriftstellerschicksal: Wegen seiner liberalen Haltung muss Turgenjew 1852 ins Gefängnis und wird für zwei Jahre auf sein Gut verbannt. Unmittelbarer Anlass ist ein Artikel zum Tode Gogols, den die Zensur verbietet, den der Autor in den „Petersburger Nachrichten“ aber trotzdem veröffentlicht. Und während ihm die Universität Oxford 27 Jahre später in besonderer Würdigung seiner politischen Haltung die Ehrendoktorwürde verleiht, beobachtet nicht nur die russische Staatsmacht den inzwischen berühmten Schriftsteller mit Misstrauen. Auch viele seiner intellektuellen, dem Nationalismus und der religiösen Orthodoxie zuneigenden Landsleute verachten den kosmopolitischen Liberalismus Turgenjews. 

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