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Ivan Klima Wenn du die Wölfe heulen hörst

Mit seinem Debütroman „Stunde der Stille“ von 1963 wird Ivan Klima zum Sänger der Freiheit und der Liebe. Sein Roman ist ein Schlüsselwerk der tschechoslowakischen Literatur - und wird jetzt erstmals auf Deutsch aufgelegt.

07.05.2012 17:22
Mathias Schnitzler
Der tschechische Autor Ivan Klima Foto: Imago

Mit der Realität hatte der sozialistische Realismus wenig zu tun. In seiner vulgären Form war er nichts anderes als Agitprop-Literatur. Ganz großartig und unbedingt wiederzuentdecken sind dagegen jene Autoren, die diesen Stil transzendierten. Andrej Platonow zum Beispiel, der heute als einer der bedeutenden russischen Autoren des 20. Jahrhunderts neu gelesen wird. Seine Romane „Die Baugrube“ oder „Tschewengur“, zu finden in schönen, alten Ausgaben des Verlags Volk und Welt, sind apokalyptisch funkelnde Prosaperlen, vergraben buchstäblich unter Bauschutt und Industriegerät.

Wiederentdecken muss man den tschechischen Schriftsteller Ivan Klima (geb. 1931 in Prag) nicht, denn sein Werk wurde im Westen früh wohlwollend aufgenommen. Sänger der Liebe, der Freiheit und des Todes hat man ihn genannt – angefangen hat er in der Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Realismus. Ein faszinierender Fund ist daher sein Debütroman „Stunde der Stille“, den der Berliner Transit Verlag nun erstmals in deutscher Sprache herausbringt. Das 1963 geschriebene Buch über ein abgelegenes, ärmliches Dorf in der Ostslowakei, in dem die Kommunisten mit ihren Heilsversprechen dramatisch scheitern, ist ein subtiler Handstreich gegen deren Kulturpolitik und ein Schlüsselwerk der tschechoslowakischen Literatur.

In den letzten Kriegsmonaten setzt der Roman ein und schildert die Zerstörung und den Wiederaufbau des Dorfes Blatna sowie die Ausbreitung der kommunistischen Ideologie nach dem Krieg. Im äußersten Osten der Slowakei, im Grenzgebiet zwischen Polen, der Sowjetunion und Ungarn, liegt dieser Ort. Die Gegend ist extrem rückständig, und die Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, sind sehr eigenwillig. Aberglaube und heidnische Ehrfurcht vor der Natur findet man hier ebenso wie mythische Geschichten und böse Kriegserlebnisse, die Klima in einem dunklen, fast balladenhaften Ton erzählt.

Martin Petr, ein Bauingenieur und gar nicht kafkaesker Landvermesser, hat die Stadt bewusst Richtung Provinz verlassen, um über die Ermordung seiner Verlobten hinwegzukommen und den Sozialismus im Kleinen aufzubauen. Sein Deichbau-Projekt, das die jährliche Überschwemmung durch den Fluss verhindern soll, scheitert total: an seiner eigenen Naivität und politischen Arroganz; an der Skepsis der Dorfbewohner, die sich nicht bevormunden lassen; an der Bürokratie der Partei. Am Ende werden der agitierende Martin und seine neue Frau, eine linientreue Lehrerin, mit Steinen aus dem Dorf vertrieben.

An der Zensur vorbei

Dass der Roman Anfang der Sechzigerjahre die Zensur passierte und in der Tschechoslowakei erscheinen konnte, ist eines jener kleinen Wunder, die die Literaturgeschichte schreibt. Klima, der als Sohn jüdischer Eltern einen Teil seiner Kindheit im KZ Theresienstadt erleiden musste, hatte sich nach den Schreckenserfahrungen zunächst dem Kommunismus verschrieben – wie viele seiner Schriftstellerkollegen, die später im Prager Frühling gegen das Regime aufbegehrten.

Als Journalist reiste Klima in die Ostslowakei, mit dem Zug und weiter mit dem Fahrrad in die abgelegensten Gebiete, um Stoff für Reportagen zu sammeln, die 1960 unter dem Titel „Zwischen den Grenzen“ in Buchform erschienen. Ein Skript für einen Spielfilm, das sich daraus entwickelte, wurde als zu negativ abgelehnt; also probierte Klima es mit einem Roman. Und wurde so als Schriftsteller erst eigentlich geboren, indem er sich während des Schreibens vergegenwärtigte, dass er genau das wollte, was man in den Universitäten und Schreibwerkstätten verteufelte: Subjektivität, künstlerische Autonomie, Poesie.

Die Titel der einzelnen Kapitel – „Der Lehrer“, „Der Priester“, „Smoljak“ – wahren äußerlich noch die Form des sozialistischen Realismus, typische Menschen in ihrem Milieu darzustellen. Die Zwischenüberschriften aber lassen bereits den Siegeszug des Poetischen erkennen: „Wenn du die Wölfe zum ersten Mal heulen hörst“ oder „Es war eine lange Stunde der Stille“.

Roman beschreibt das Schweigen der Bevölkerung

Was hat es mit der Stunde der Stille auf sich, die dem Roman seinen Namen gibt? Sie beschreibt das eisige Schweigen der Landbevölkerung, während und nachdem die Agitatoren ihr Bauern- und Arbeiterparadies verkünden. Sie steht aber auch für die Sehnsucht nach Ruhe, nach Individualität, nach ein wenig Autonomie und Eigentum, die die Menschen davon befreien könnten, bloß ein Rädchen der Produktionskette zu sein.

So sind Klimas Geschichten über die alte Jurcova, der von den Deutschen das Haus zerbombt und das wiederaufgebaute Heim von den Kommunisten weggenommen wird; vom Pazifisten und Heilkundler Laborecky, den slowakische Faschisten abführen; über den katholischen Priester, den die Parteifunktionäre beim Messdienst stören, der im Krieg aber auch Widerständler verriet und nun dafür büßen soll; und von Pavel und Janka, deren Liebe und jugendliche Ausbruchsversuche scheitern müssen in einer Gesellschaft, die Privatheit und Persönliches als Bedrohung versteht; so sind diese düsteren, doch wunderbar erzählten Geschichten auch ein Ruf nach Freiheit.

Die Poesie obsiegt

Perfekt trifft die Übersetzung von Maria Hammerich-Maier den Widerstreit dieses Romans zwischen realistischer Weltbeschreibung und dichterischer Gestaltungskraft. Es obsiegt die Poesie, die aber keineswegs hochfliegend ist, sondern dem Leben der Menschen und auch der Natur weit mehr Würde zu verleihen vermag als technokratischer Fortschrittsglaube.

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