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Italien Einem sensiblen Kamuffel das Saufen abgewöhnen

Giorgio Scerbanencos ungewöhnliche, realitätsnahe Kriminalromane aus den sechziger Jahren erscheinen jetzt neu.

Giorgio Scerbanencos (1911 – 1969) Biografie liest sich tragisch bis kurios. Sein Vater, ein Ukrainer, wurde in den Wirren der Russischen Revolution getötet, seine Mutter, eine Italienerin, floh mit dem Kind nach Rom. Er war noch ein Teenager, als sie schwer erkrankte, und schlug sich bald mit Jobs wie Wetterstations-Beaufsichtiger (in einem Sanatorium, wo man den dünnen Jungen mit Zabaione hochzupäppeln versuchte), wie Dreher, Lagerarbeiter, Rettungsfahrer, Buchhalter durch. Als solcher wurde er allerdings entlassen, weil er sich offenbar nicht für Zahlen interessierte.

Weit mehr Fortüne hatte Volodymyr Dzordzo Scerbanenko, so sein Geburtsname, mit dem Schreiben. Bald verfasste er dutzendfach Erzählungen und Kurzgeschichten. Dazu erhielt er eine Anstellung beim Mailänder Verlagshaus Rizzoli. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Scerbanenco im Schweizer Exil verbrachte, schrieb er Kummerkasten-Antworten und Fortsetzungsromane für Frauenzeitschriften, die „Bella“, „Novella“ oder „Anna Bella“ hießen. Und in den 60er Jahren bis zu seinem recht frühen Tod auch mit beträchtlichem Erfolg Kriminalromane.

Der in Wien und Bozen beheimatete Folio Verlag bringt jetzt Scerbanencos vier Kriminalromane um die Hauptfigur Duca Lamberti zwar nicht als deutsche Erstausgabe, doch in durchgesehener Übersetzung neu heraus.

Im ersten Roman, „Das Mädchen aus Mailand“ (Orig. „Venere privata“), ist Duca Lamberti noch jung, kommt gerade aus dem Gefängnis – und ist auch keineswegs Ermittler. Zwar, so soll der Leser wohl annehmen, hat er sich einiges bei seinem Vater, einem Polizisten, abgeguckt. Duca ist dann aber Arzt geworden. Hat dann aber alsbald seine Approbation verloren, weil er einer alten Frau Sterbehilfe gab. Und muss dann – Zulassung weg, Gefängnisgeruch – einfach jeden Job annehmen.

Schon der „Prolog für eine Verkäuferin“, zwei Seiten nur, zeigt Scerbanenco als wirklich originellen Schreiber – selbst aus heutiger Sicht. Es ist ein reiner, keine Zeile nach Krimiklischee klingender Dialog zwischen der Polizei und einem alten Arbeiter – dieser hat die Ermordete gefunden und ist zurecht geschockt und verwirrt. Dann tritt sofort Lamberti auf, ein reicher Vater (Ingenieur, Plastik-Experte) hat ihn angefordert, um seinem Sohn („groß, aber Kamuffel“, groß, aber Dummkopf, sagt der Vater) das Trinken abzugewöhnen. Eine recht komplizierte Handlung entsteht daraus, denn natürlich hat der brutalst trinkende Sohn, Davide, ein Geheimnis, natürlich ist der Vater zu ungeschickt und schroff, es ihm zu entlocken – nicht aber Duca.

„Das Mädchen aus Mailand“ ist 1966 im Original erschienen und das Alter merkt man dem Buch einerseits und verständlicherweise durchaus an. Der alkoholisierte Davide darf sich ständig hinters Steuer klemmen, ohne dass einer etwas dabei findet. Duca macht mit Hilfe einer dezent auftretenden Prostituierten die Probe, ob der junge Mann „normal“ ist. Und diagnostiziert schließlich bei ihm nur eine „krankhafte Sensibiliät“. Manche Beschreibung einer Frau ist hart an der Grenze zum Sexismus. Doch ist es andererseits schwierig, einem Autor, der mitten in den 60ern einen Krimi schreibt, vorzuwerfen, er habe sich nicht komplett von Voreingenommenheiten und Klischeevorstellungen seiner Zeit und der ihn umgebenden Gesellschaft lösen können.

Aber selbst wenn man als Leserin manchmal ein wenig zusammenzuckt (und sicher auch als homosexueller Leser, denn es kommt ein schwuler Fotograf vor), so hat Scerbanenco doch andererseits einen erfrischend modernen, realistischen, fisimatentenfreien Ton. Außerdem ein Auge auf das Milieu der Zukurzgekommenen, der Underdogs, Arbeiter oder der Frauen, die mit einem kleinen Kind sitzengelassen werden. Lambertis Schwester ist eine solche Frau, und auch wenn nur am Rande von ihr die Rede ist, so versteht man doch, dass ihre Lage eine extrem prekäre ist.

Man sollte Giorgio Scerbanencos Krimis, die jetzt nach und nach neu erscheinen werden, auch Zeitzeugnisse lesen, die unter anderem deutlich erkennen lassen, dass früher keineswegs alles besser war. Schon gar nicht das Geschlechterverhältnis.

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