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Ist das schon Häresie?

Nein, nur ein offener Blick auf die Dinge: Harald Welzer prophezeit "Klimakriege"

08.05.2008 00:05
ADAM OLSCHEWSKI

Erst "Klimakriege" - und gleich im Untertitel "Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird". Das klingt reißerisch, ja anmaßend, denn wer vermag schon vorherzusagen, was die nächsten Jahre im globalen Geschehen bringen werden? Doch nach der Lektüre muss man kleinlaut konstatieren: Wenn jemand Gewaltaktionen der näheren Vergangenheit anschaulich subsumieren und hernach eine Prophezeiung daraus ableiten kann, dann wahrscheinlich Harald Welzer.

Ums Klima und dessen Auswirkungen auf das soziale Gefüge geht es auch, aber nicht - wie der Titel suggeriert - vornehmlich. So kommt etwa die Lage im sudanischen Darfur ausgiebig zur Sprache, wird von Welzer gar als "der erste Klimakrieg" bezeichnet; oder es wird ein kurzer geschichtlicher Abriss über die Selbstauslöschung der Population auf der Osterinsel vorgenommen, wo die Palmenwälder abgeholzt wurden, was den Niedergang des Lebens dort zur Folge hatte.

Doch schwebt dem Direktor des Center für Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen ein weitgefasstes Panorama der Zeitläufe, mit Blick auf die Gewaltanwendung vor. Welzer zieht eine Unmenge an Quellen heran, was den Widerspruch gegen seine Argumente gering hält - allein der Anmerkungsapparat ist 40 Seiten lang. Anhand der Belege lässt sich mühelos erkennen, wie offen Welzers Sicht auf die Dinge ist: Er ist genauso bereit, zitierten Autoren zu widersprechen wie sie vorbehaltlos zu bestätigen sowie aus deren Fundus scharfsichtig seine hoch brisanten, unbequemen Schlussfolgerungen zu ziehen.

"Gefühlte" Ängste

Es ist eine bittere, wenngleich das Bewusstsein erweiternde Lektüre, die mutig latente, aber vage Zukunftsängste - Welzer würde, seine Lieblingsvokabel gebrauchend, sagen: "gefühlte" Ängste - mit wissenschaftlichen Perspektiven kombiniert. Welzer, der auch Sozialpsychologe ist, offenbart genauso die Unebenheiten zwischen den Weltgegenden, die sich aus dem Vorkommen von Ressourcen oder der Gier nach ihnen ergeben, wie die Wurzeln des Übels, die in der Frühindustrialisierung angelegt sind, befasst sich mit den Strategien des Tötens, legt Abschottungstaktiken Europas und Nordamerikas vor illegalen Migranten frei, geht auf den Terror der RAF und die Denkmuster der Selbstmordattentäter ein, stellt in Frage, ob Länder der Dritten Welt je auf den technologischen Stand der Industrieländer gebracht werden sollten, fragt, wie jene Gegenden zu entschädigen seien, die schon jetzt unter dem Klimawandel massiv leiden... Das alles ist nicht komplett neu, hier und da etwas kurz gefasst, aber in derlei komprimierter Form derzeit sonst nicht erhältlich.

Welzer kann ein kühler Geist sein, der streng empirisch vorgeht, Statistiken heranzieht, doch schreibt er sehr anschaulich über vertrackte Inhalte, ohne dass einer sagen könnte, hier agiere einer populär oder gar anbiedernd. Er gesteht den Vorgängen zu, nicht geradlinig abzulaufen, sondern scheinbar motivationslos hierhin und dorthin zu wanken, Bocksprünge zu vollführen, so dass unter Umständen gänzlich Unlogisches, Widersprüchliches und Unerwartbares geschieht. Er will eben "gefühlten" Zuständen auf den Grund gehen.

Schmutzige Kategorie Zufall

Dazu schreibt er lange nachwirkende Sätze wie: "Man muss sich daher grundsätzlich von dem Gedanken lösen, dass Kausalität eine Kategorie sozialen Handelns ist" und schließt kurze Zeit danach an: "Vor diesem Hintergrund verlieren Kategorien wie Ursachen und Wirkungen, Bedingungen und Folgen, Strukturen und Funktionen etwas von dem Glanz, den sie in soziologischen und philosophischen Theorien haben, und schmutzige Kategorien wie Zufall und Gefühle drängen sich nach vorn".

Manch einer wird sich da fragen: Ist das schon Häresie? Falls nicht dann womöglich feststellen, dass "gerade die sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in aller Deutlichkeit gezeigt" hätten, "dass ethnische Säuberungen und Völkermorde keine Abweichung vom Pfad der Moderne darstellen, sondern als soziale Möglichkeit mit modernen Gesellschaftsentwicklungen erst entstehen".

Die Taktiken, sich als reicher Staat, rein von den Sorgen der Anderen zu halten, sind vielfältig - und Welzer stellt sie schonungslos dar. Der Westen exotisiere etwa gern Geschehnisse, die unfassbar erscheinen, nenne sie "Stammeskonflikte", lediglich um die eigene Irritation in eine Form zu zwingen. Er spricht von der zunehmenden "Privatisierung von Gewalt", zitiert einen Bericht aus den El Nino-Tagen, der wie ein Zukunftsszenario anmutet, und findet Verhaltensmuster, die in prägnanten Sätzen münden: "In dem Augenblick, in dem Geschichte stattfindet, erleben Menschen Gegenwart".

Welzer überrascht auf nahezu jeder Seite. Man verschlingt das Buch in Schrecken - und schreitet zuletzt zur Tat?

Heute Abend um 20 Uhr stellt Harald Welzer sein Buch "Klimakriege" im Zoologischen Garten Frankfurt vor. Der Eintrit ist frei.

Harald Welzer:

Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.

S. Fischer Verlag,

Frankfurt/M. 2008,

335 Seiten,

19,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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