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Islamische Welt „Kopten unterliegen strengsten Beschränkungen“

Der Büchner-Preisträger Martin Mosebach spricht im Interview mit der FR über seine Reise nach Ägypten und Spurensuche bei den Kopten.

Koptische Christen in Kairo
2015 wurden koptische Wanderarbeiter im libyschen Sirte gekidnappt. Familienmitglieder bei der Mahnwache vor einer Kathedrale in Kairo. Foto: rtr

Es sollte eine Nachricht an die „Nation des Kreuzes“ sein: Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) veröffentlichten im Jahr 2015 ein Video, das die Tötung von 21 entführten christlichen Kopten aus Ägypten zeigte. Fünf Minuten dauerte der Film unter dem Titel „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“. Die Männer waren in Libyen als Wanderarbeiter auf dem Weg in die Heimat, als sie von den IS-Terroristen gefangen genommen wurden. Später wurden die 21 Männer in orangefarbenen Overalls auf dem Strand der Stadt Side in einer Reihe zum Hinknien gezwungen. Einer der Extremisten sprach in Englisch in die Kamera, bevor die Opfer gleichzeitig enthauptet wurden. Doch anders als die Terroristen es sich gewünscht haben mochten, wurden die enthaupteten Christen in Ägypten zu Märtyrern erklärt. Im Angesicht des Todes hatten sie ihren Glauben an ihren Gott bekräftigt. Im Frühjahr 2017 reiste Martin Mosebach nach Ägypten. Er besuchte im Dorf El-Or die Familien der 21 koptischen Männer, die zwei Jahre zuvor von IS-Terroristen an einem Strand in Libyen ermordet worden waren.

Herr Mosebach, was haben die Morde an den Kopten durch Mitglieder der Terrormiliz IS in Ihnen ausgelöst, so dass Sie eigens deshalb nach Ägypten gereist sind?
Auslöser war das Bild auf einem Zeitschriftencover: der abgeschnittene Kopf eines der ermordeten Kopten. 2004 hatte ich länger in Kairo an meinem Roman „Das Beben“ gearbeitet und dabei einen ersten Eindruck von den koptischen Kirchen von Kairo und der koptischen Liturgie gewonnen. Nun sah ich diesen Enthaupteten, und das war für mich ein Anlass, mehr über die Gemeinschaft wissen zu wollen, aus der diese Märtyrer kamen. Ich stellte fest, dass über die Kopten selbst in engagiert christlichen Milieus in Deutschland nur wenig bekannt ist. Deshalb bin ich darauf gekommen, selbst in die Dörfer Oberägyptens zu reisen, aus denen die Märtyrer stammen, um ihre Lebensumstände, ihre Familien, die Atmosphäre, in der sie gelebt haben, näher kennenzulernen.

Die Täter, die das Video erstellten, haben nun eher den Glauben der koptischen Gemeinde gestärkt, nicht den der islamischen?
Ein koptischer Bischof sagte mir sogar, wir müssten dem IS für dieses Video dankbar sein. Es ist ein Dokument, das wir von anderen Martyrien nicht besitzen. Dem IS ist es nicht geglückt, die Getöteten verächtlich erscheinen zu lassen. Im Gegenteil. Sie erscheinen in ihrer Individualität, in ihrer Gefasstheit, in ihrem Gebet. Dann, als ihnen der Kopf abgeschnitten wird, der gemeinsame Ruf: Herr Jesus!, das Bekenntnis im Angesicht des Todes. Dieses Video hat ganz und gar nicht die Wirkung, die den Tätern vorgeschwebt haben mag. Der Begriff des Märtyrers ist ein wenig aus unserer Zeit herausgefallen. Denken wir an unsere Tradition, begegnen wir ihm in der christlichen Religion. Heute finden wir ihn jedoch vor allem dort, wo wir ihn zugleich entbehren können: im islamistischen Terror. Das ist ein gewisser Kontrast, in dem uns der Gedanke des Märtyrers begegnet. Der Begriff als solcher ist ein christlicher Begriff. Petrus, Paulus, Jakobus, Andreas und Stephanus haben für Jesus Christus schon Zeugnis abgelegt, als es die Evangelien noch gar nicht gegeben hat. Märtyrer heißt ja Zeuge sein, durch Vergießen des eigenen Blutes die Nachfolge des Gekreuzigten antreten. In den islamischen Staaten wird aber auch von politischen Märtyrern gesprochen: Jeder, der als Soldat für das Vaterland stirbt, aber auch als Opfer einer Flugzeugentführung, wird dann nicht einfach als Held, sondern als Märtyrer bezeichnet. Besonders finster: Wer im Namen der Religion zum Massenmörder wird und bei einem Sprengstoffattentat stirbt, soll ebenfalls Anspruch auf den Titel eines Märtyrers erheben dürfen. Mit dem christlichen Begriff hat das nichts mehr zu tun. Aber die fatale Bezeichnung von Mördern als Märtyrer hat auf das Publikum des Westens doch irgendwie abgefärbt. Das Wort ist uns unheimlich oder zumindest unangenehm geworden, weil uns die Radikalität in der Religion intolerant und starrsinnig vorkommt; diese Bereitschaft, für den Glauben zu sterben, wirkt auf viele hier wie ein bei uns zum Glück überwundener Fanatismus. 

Sie reisten nach Ägypten und sprechen davon, dass dies quasi zur Zeitreise wurde. Warum?
Es war für mich tatsächlich eine Reise in die Vergangenheit, und zwar in die Frühzeit des Christentums. Es war mir vorher gar nicht klar, wie rein die frühe apostolische Kirche in der koptischen Kirche konserviert worden ist. Und zwar durch für die Kopten durchaus auch unglückliche Umstände, die aber dieses faszinierende Ergebnis hervorgebracht haben. Die Kopten sind aus der lateinischen und griechischen Kirche bereits im fünften Jahrhundert ausgeschlossen und exkommuniziert worden. Es folgte die islamische Eroberung, wodurch die Kopten dann vollständig von der übrigen christlichen Welt abgekoppelt wurden. Ein großer Deckel wurde über sie gestülpt, und unter diesem haben sie sich im Zustand des fünften Jahrhunderts bewahrt. Wer wissen will, wie die junge Kirche ausgesehen hat, muss zu den Kopten gehen.

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