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Isaac von Sinclair Am Anfang ist der Zweifel

Endlich verfügbar: „Wahrheit und Gewissheit“, das philosophische Hauptwerk von Isaac von Sinclair, der als Hölderlin-Freund berühmt wurde, aber auch selbst als Denker keine Fußnote darstellt.

23.11.2015 17:10
Dirk Pilz
Isaac von Sinclair auf einem Gemälde von Favorin Lerebours. Foto: Wikimedia

Die Leser Friedrich Hölderlins kennen ihn. Er war einer seiner engsten Freunde. In einem leider unvollständig erhaltenen Brief, verfasst an Heiligabend 1798 in Bad Homburg vor der Höhe, schreibt Hölderlin ihm, eine „von aller Erfahrung unabhängige Philosophie ist ein Unding“, und „jedes Einzelne hänge innig mit dem Ganzen zusammen“.

Gut zehn Jahre später wird dieser Gedanke zum Fundament einer philosophischen Schrift gehören, die 1811 einmal aufgelegt wurde, seitdem aber nicht mehr. Es ist das philosophische Werk „Wahrheit und Gewissheit“ von Isaac von Sinclair. Jetzt wurde ein erster Band wieder aufgelegt, ein zweiter wird folgen. Der Herausgeber, Christoph Binkelmann von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, will damit „einen totgeschwiegenen Text wieder philosophisch zum Reden bringen“. Er will ihn als philosophisch eigenständiges Werk würdigen, sehr zu Recht.

Wurde es bislang überhaupt gelesen, dann lediglich als eine besondere Spielart einer Kritik an der Philosophie Fichtes. Oder mit Blick auf Hegel und den Briefwechsel Hegels mit Sinclair in den Jahren 1810 bis 1813. Dass Sinclair „Wahrheit und Gewissheit“ ausdrücklich gegen Hegels „Phänomenologie des Geistes“ stellt, wurde dabei zwar zur Kenntnis, aber nicht ernst genommen – zu grell, zu weltumfassend ist die Wirkung des Hegelschen Werkes. Daneben erschien Sinclairs Philosophie allenfalls als Fußnote.

Wahrheit nur durch Erfahrung

Das aber ist ein Vorurteil. „Wahrheit und Gewissheit“ will zwar im Einklang mit dem Denken seiner Zeit, das Wissen von der Wirklichkeit enzyklopädisch entfalten. Der Einsatzpunkt ist für ihn dabei der Zweifel – das Bedürfnis des Philosophierens existiere nur für den, „der Zweifel annimmt“, heißt es gleich zu Beginn.

Und dieser Zweifel führt auf die Annahme, dass es Wahrheit nur durch die Vermittlung der Erfahrung gibt – auch damit bewegt sich Sinclair im Konsens mit seinen philosophischen Zeitgenossen. Entscheidend ist aber, dass Sinclair nicht bei der Erfahrung stehenbleibt, sondern eine eigene Theorie des Ausdrucks entwickelt: Erst wenn sich das Sein ausdrückt, ist es Erfahrung im vollen Sinne. Denn nur ausgedrückte Erfahrung stiftet die Verbindung von Sein und Denken, Subjektivem und Objektivem. Erfahrung ist damit nicht nur das Abbild etwas Erlebtem, sondern Schöpfer des Erlebens selbst.

Dieser von Sinclair vorbereitete Gedanke wird erst im 20. Jahrhundert in der Philosophie seine volle Wirkung entfalten, bei Ludwig Wittgenstein zum Beispiel. Und er ist es auch, der für Hölderlins Dichtung entscheidend ist; vermutlich haben sie ihn gemeinsam entwickelt.

Seit 1795 waren Sinclair und Hölderlin eng befreundet. Kurz lebten sie damals in Jena zusammen. Sinclair geht danach an den Homburger Hof, macht eine steile Karriere, wird in einen spektakulären Hochverratsprozess verwickelt, dem Hölderlin nur entging, weil sich bei ihm (angeblich) Symptome einer geistigen Umnachtung zeigten. Hölderlin zieht sich nach Tübingen zurück, Sinclair wird schließlich rehabilitiert – und schreibt ein philosophisches Werk, das es jetzt zu entdecken gilt.

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