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Irischer Kriminalroman Und in den Häusern wohnen Geister

Lisa McInerneys eigenwilliger, sprachmächtiger Erstling „Glorreiche Ketzereien“ über die Underdogs von Cork.

Als bloggende „Sweary Lady“, fluchende Lady, ist die 1981 in Galway geborene Lisa McInerney bekannt geworden. Ihren Landsleuten haute sie vom „Arsch-Ende von Irland“ (arse end of Ireland), einem Ende, das zur Zeit der Immobilienblase mit dem Rest Irlands tief in einer Rezession steckte, Kritik an der verbreiteten sozialen Ungerechtigkeit um die Ohren. Dazu die Untaten der Kirche. Dazu dies und das. Zwar hat Lisa McInerney ihren Blog inzwischen abgeschaltet (zu viel Stress), gewöhnte sich aber im Folgenden gar nicht erst an, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Auch in ihrem Debütroman „Glorreiche Ketzereien“ (Original „Glorious Heresies“, 2015) steckt eine Menge wortprall und so unwirsch wie immer wieder poetisch in Sprache gegossene Wut. Hals über Kopf scheint sich die Irin vom Bloggen ins Romanschreiben gestürzt zu haben, auf Genregrenzen und stilistische Gepflogenheiten pfeifend. Sie folgt ihren kantigen Figuren, dabei stets Anteil nehmend, springt manchmal recht unvermittelt in die Vergangenheit – die Handlung erleidet gewissermaßen einen kleinen, nicht sehr schlimmen Kollateralschaden.

Am Anfang kann man noch denken, Lisa McInerney startet in eine Krimikomödie: Maureen, im Oma-Alter, erschlägt in ihrem Haus einen jungen Einbrecher (er heißt Robbie und „sah hager genug aus, um sich zusammenfalten zu lassen, wenn er nicht gebraucht wurde“), erschlägt ihn mit ihrem „Heiligen Stein“, ausgerechnet. Dann ruft Maureen den stadtbekannten Jimmy Phelan zu Hilfe, den Mann „mit einem Gesicht wie ein stillgelegter Steinbruch“, der ihr Sohn und zufällig in Cork Unterwelt-Boss ist. Und als Jimmy noch überlegt, wer von seinen Handlangern das Problem wegschaffen könnte, geht draußen Tony Cusack vorbei, einst ziemlich guter Freund Jimmys, heute „ein trübsinniger Witwer“ und Säufer mit sechs Kindern. Und sechs Kinder sind ein exzellentes Druckmittel …

Schon rückt aber das Älteste dieser Kinder in den Mittelpunkt des Romans, Ryan, zu Beginn der Geschichte 15, musikalisch hochbegabt und bereits ein recht erfolgreicher Drogendealer. Und schon rückt eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, denn Ryan, nach seiner früh gestorbenen italienischen Mutter verdammt gutaussehend, erobert just Karine D’Arcy, schönstes und seiner selbst gewisses Mädchen der Schule (nicht, dass Ryan sehr oft in die Schule geht). In seinem Kinderzimmer, das er sich, oh Schmach, mit zwei Brüdern teilt, schlafen sie schließlich miteinander; er schiebt eines der Betten vor die Tür, damit niemand reinkommen kann, vor allem sein prügelnder Vater nicht.

Lisa McInerney versammelt eine Truppe von vom Schicksal Gebeutelten, von Verlierern und Versagern, von im Leben Herumstolpernden und durchaus Talentierten (aber was hilft das schon, wenn’s keiner merkt?). „Mach was aus dir“, sagen sie Ryan in der Schule; aber es ist, als seien seine blauen Flecke unsichtbar für seine Lehrer, sogar die im Gesicht. Georgie, Prostituierte, also, um es ertragen zu können, Kundin bei Ryan, wird von einem Bürgerssohn geschwängert, lässt sich von einer christlichen Truppe retten, macht sich klein und brav – und doch kann ihr die Familie des Vaters das Kind wegnehmen. Geht sie halt wieder auf den Strich. Tony Cusack, der „Problem“-Entsorger, wird gleichsam vom Geist Robbies verfolgt, Maureen ebenfalls.

Überhaupt sind die Häuser von Cork City voller Geister. Und die Lebenden voll Gewissensbissen. Sogar Jimmy Phelan, der Steinharte, findet doch immerhin, er müsse sich um seine alte Mutter kümmern, alias „das Weibsstück“.

Es wird geflucht und grob geredet in „Glorreiche Ketzereien“ – und wie auch nicht bei diesen Zornigen und Enttäuschten. Lisa McInerneys Sprachbilder können aber auch überraschend zart sein, treffen oft ins Schwarze, liegen nur manchmal knapp daneben, wenn sie es ein wenig übertreibt mit der Originalität.

Dieses irische Debüt ist stürmisch, kantig, eigenwillig. Es lockt auf falsche (Krimi-)Fährten und ist stark genug, sich nicht drum scheren zu müssen.

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