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„Inzest-Tagebuch“ Veteranin des Missbrauchs

Ein verstörendes „Inzest-Tagebuch“ einer anonym bleibenden Autorin.

Warum schreibt jemand ein solches Buch? Um literarischen Ruhm geht es nicht. Wer dieses Buch liest, soll nicht wissen, wer es geschrieben hat. In einer Vorbemerkung bittet die Autorin die Leser, ihren Wunsch zu akzeptieren, unerkannt zu bleiben. Sie habe aus verschiedenen Gründen beschlossen, ihre Geschichte anonym zu erzählen. Und man meint diese Gründe zu kennen, bevor man auch nur eine Zeile gelesen hat. „Inzest-Tagebuch“ lautet der Titel dieses Buchs, das in Deutschland im Klett-Cotta-Verlag erschienen ist, der auch Gottfried Benn verlegt, Ernst Jünger, deutsche Gegenwartsautoren und immer schon amerikanische Autoren außerhalb des Mainstreams, zu denen nun auch diese Anonyma zählt. Sie berichtet, wie sie viele Jahre lang von ihrem Vater missbraucht worden ist. Mit 21 zum letzten Mal.

Was der Leser zu wissen glaubt, beruht auf einer der perfiden Folgen sexuellen Missbrauchs, dass nämlich die Opfer sich schämen. Man braucht dafür keine Psychologiekenntnisse, es drängt sich einem instinktiv auf. Das Opfer ist wie mit einem Makel behaftet, beschmutzt, verdorben, auch wenn es doch unschuldig ist. So unschuldig wie nur ein Kind es sein kann. „Erinnert sich mein Vater daran, wie es sich anfühlt, seinen Penis in einem dreijährigen Mädchen zu haben?“, schreibt Anonyma. Eine Dreijährige!

Wenn man mit dieser Ungeheuerlichkeit fertig ist, fällt noch etwas auf an diesem Satz. Die Perspektive. Nicht darüber, was in ihr vorging, schreibt sie, sondern sie fragt sich, was der Vergewaltiger gefühlt haben mag, der Vater. Es ist die Perspektive der Analytikerin, der Beobachterin. Vielleicht hat die Autorin sie deshalb gewählt, damit sie nicht nur als Opfer wahrgenommen wird. Aber der Satz enthält auch die Aufforderung an den Leser, sich in jemanden hineinzuversetzen, der so etwas tut. Was für eine Zumutung! Und wie wirkungsvoll!

Dieses Buch enthält eine Leidensgeschichte, aber es kommt nicht in ihrem Gewand daher. Es verweigert sich diesem Gewand. Wenn der Vater seine kleine Tochter fesselt, in den Einbauschrank sperrt und sie dort missbraucht, erfährt man nicht, was dabei in ihr vorging. Von ihren Gefühlen ist erst die Rede, wenn es vorbei ist. Dann wartet sie nicht auf ihren Peiniger, sondern ihren Retter, der die Tür öffnet und sie losbindet. Sie erinnert sich, wie glücklich sie war, wenn sie loslaufen konnte, aus der Dunkelheit in die Sonne. – Befreier. Glücklich. – Diese Autorin ist eine Meisterin des Spiels über Bande, die ihr Ziel indirekt trifft. Aber sie trifft es. Sie trifft es auch durch ihre lakonische Distanz, die dem, über was da geschrieben wird, so wenig angemessen scheint, auch wenn die Sprache so explizit pornografisch ist, dass man sie nicht in einer Familienzeitung gedruckt sehen möchte. Am Ende ist es wohl genau diese Sachlichkeit, die einem die Hände um den Hals legt und einen würgt.

Sie lässt andere Beobachter zu Wort kommen. Claude Levi-Strauss etwa, der schreibt, der entscheidende Unterschied zwischen Menschen und Tieren sei das Inzest-Verbot. Was macht das aus der Autorin? Und: „Heute las ich in einem Buch über Folter, je öfter eine Gefangene vergewaltigt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dabei Lust empfindet.“ Das klingt nach einem auf die Spitze getriebenen Stockholm-Syndrom, nach dem Opfer von Geiselnahmen Verständnis oder gar Sympathie für die Täter empfinden. Was kann Lust nicht alles sein, welche Funktion kann sie nicht erfüllen. Sie verhilft dem missbrauchten Kind zu Macht über den Vater, die doch nur Ausdruck von Ohnmacht ist. Am Ende dient sie der Selbsterhaltung, ist sie Mittel zum Überleben.

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